Doping-Verdacht bei Schumacher "Eine Scheißsache"

Nach dem positiven Dopingtest von Stefan Schumacher wird bei ARD und ZDF über einen Ausstieg aus der Radsport-Berichterstattung diskutiert. Der Weltverband bestätigte zudem zwei weitere Dopingfälle. Ex-Radprofi Patrik Sinkewitz attackiert Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer.


Hamburg - "Wir wissen, dass es zwei neue Fälle gibt", sagte UCI-Sprecher Enrico Carpani am Dienstag. Der Radsport-Weltverband erklärte, dass im Zuge der Nachuntersuchungen zur Tour de France zwei weitere Fahrer positiv getestet worden sind. Dies habe die Französische-Anti-Doping- Agentur AFLD dem Weltverband mitgeteilt. Die Namen der Fahrer wurden nicht genannt. Außerdem müsse noch die B-Probe abgewartet werden, sagte Carpani.

Radprofi Schumacher: Warten auf die Unterlagen
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Radprofi Schumacher: Warten auf die Unterlagen

Gestern hatte die AFLD mitgeteilt, dass auch der Italiener Leonardo Piepoli während der Tour auf das Präparat Cera getestet worden sei. Am Mittwoch bestätigte ein Gerolsteiner-Sprecher, dass Schumacher am 3. und 15. Juli 2008 positiv auf Cera getestet worden sei. Also bereits zwei Tage vor Beginn der Tour de France und am ersten Ruhetag.

Schumacher wartet nun vor einer offiziellen Stellungnahme auf die Unterlagen aus Frankreich. "Das ist eine Scheißsache. Wir können jetzt noch kein Statement abgeben. Soweit ich weiß, sind die Unterlagen aus Frankreich unterwegs. Dann werden wir uns dazu äußern", sagte Schumachers Anwalt Michael Lehner.

Seinem Teamkollegen bei Gerolsteiner, Sebastian Lang, war Schumachers Verhalten schon während der Tour de France suspekt vorgekommen. "Als bekannt wurde, dass es ein neues Testverfahren auf Cera gibt, haben wir uns alle gefreut. Wir saßen im Bus und haben richtig gejubelt. Das ganze Team, außer Stefan. Er war plötzlich ganz still und zurückgezogen. Bis zum Schluss", sagte Lang in der "Thüringer Allgemeinen".

Derweil hat der geständige Dopingsünder Patrik Sinkewitz Holczer scharf kritisiert. "Er ist seit zehn Jahren dabei, so eine Betriebsblindheit an den Tag zu legen, ist aus meiner Sicht noch unglaubwürdiger und noch viel schlimmer als das Doping an sich", sagte der frühere T-Mobile-Radprofi.

"Holczer profiliert sich immer nach außen, dass er geschockt ist und von dem ganzen Theater nichts weiß", sagte der 28-Jährige. Doch zähle nach wie vor nur der Erfolg, "und da ist jedes Mittel recht, so lange man nicht erwischt wird".

Der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Peter Danckert, hat einen Fördergelder-Stopp für den Radsport gefordert. "Ich will dem Parlament nicht vorgreifen, aber ich bin der Meinung, das muss jetzt zu einer Sperre der Haushaltsgelder für den Radsport führen", erklärte der SPD-Politiker. Er sei "stocksauer" über die jüngsten Doping-Enthüllungen und habe sich für personelle Änderungen im Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ausgesprochen. "Da hilft nur noch ein radikaler Neuanfang mit neuen Leuten", sagte Danckert.

Die ARD diskutiert derweil über einen kompletten Ausstieg aus der Radsport-Berichterstattung. Der stellvertretende ARD-Sprecher Christian Bauer sagte zu den neuesten Vorfällen: "Da packt einen die kalte Wut, wenn man sieht, wie solche Betrüger den Radsport kaputt machen." Zwar beweise die Überführung Schumachers das mittlerweile effektivere Kontrollnetz, "aber letztendlich stellt sich doch die Frage, wem man im Radsport überhaupt noch trauen kann", sagte Bauer.

Ähnliche Überlegungen werden beim ZDF angestellt. "Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. "Alle Konsequenzen - auch ein Ausstieg - sind möglich", so Brender. Anfang des nächsten Jahre will das ZDF eine Entscheidung fällen. Dagegen stellte Eurosport klar, sich definitiv nicht aus der Radsport-Berichterstattung zurückzuziehen.

met/dpa/sid



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