Doping-Verdacht Sinkewitz denkt über Kronzeugenregelung nach
Hamburg - Patrik Sinkewitz geht nach seiner schweren Operation in Hamburg in die Offensive. "Er kann sich nunmehr mit Unterstützung und Rückhalt seiner Familie und nach anwaltlicher Beratung offensiv den gegen ihn erhobenen Vorwürfen stellen. Er wird den Sachverhalt in den kommenden Tagen mit dem T-Mobile-Team und dem Bund Deutscher Radfahrer erörtern", teilte Sinkewitz' Anwalt Michael Lehner mit.
Der Sportrechtler ließ in einem Interview mit dem Fernsehsender N24 jedoch offen, ob sein Mandant die sogenannte Kronzeugen-Regelung in Anspruch nehmen wolle. "Eine Kronzeugenregelung ist ja eine Regelung, die erst dann in Betracht kommt, wenn ein Sanktionsverfahren läuft. Das ist momentan noch nicht Diskussionspunkt. Und deswegen beschäftigen wir uns derzeit damit noch nicht", so der Anwalt.
Lehner hatte am Sonntag erklärt, dass er den von ihm vertretenen Sportlern immer dazu rate, zu gestehen, wenn es etwas zu gestehen gibt. "So habe ich auch Patrik beraten", sagte Lehner.
T-Mobile-Kommunikationsdirektor Christian Frommert bestärkte Sinkewitz in seiner Absicht: "Alles, was die Sache verkürzt, macht sie für ihn und uns besser. Es ist ganz in seinem Sinne, offensiv damit umzugehen. Wir fürchten uns sicher nicht, wenn er umfassend aussagt. Auch nicht, falls es Fahrer unseres Teams betreffen sollte, was ich aber nicht glaube."
"Muss aufhören, dass sich alle wegducken"
Auf die Frage, welche Chancen ein voll geständiger Profi denn auf ein Comeback im Feld habe, gab sich Frommert SPIEGEL ONLINE gegenüber optimistisch: "Ich hoffe, gute Chancen. Es muss endlich aufhören, dass sich alle wegducken und sagen: Oje oje, hoffentlich packt er nicht aus. Es muss endlich im ganzen Radsport akzeptiert werden, dass es das Beste ist, wenn ein Fahrer alle Fakten auf den Tisch legt."
Sinkewitz, das ließ Frommert durchblicken, könnte im Falle einer umfassenden Aussage sogar eine sportliche Zukunft bei T-Mobile bekommen. "Das muss man im Einzelfall entscheiden, zumal ihm ja erst eine lange Sperre droht. Aber grundsätzlich besteht die Möglichkeit, es gelten da für aktive Fahrer keine anderen Regeln als für Sportliche Leiter." T-Mobile hatte entschieden, mit dem dopinggeständigen Rolf Aldag weiter zusammenzuarbeiten.
Nach den Regeln der Radsportverbände und der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada erhält ein Fahrer nur dann den Status eines Kronzeugen und damit Strafmilderung, wenn dieser "umfassend" aussagt. Dies könnte im Fall Sinkewitz bedeuten, dass dieser auch über etwaige Dopingpraktiken bei seinen früheren Teams Auskunft gibt.
"Es gibt Fristen, die laufen"
Sinkewitz fährt seit 2006 für T-Mobile. Vorher war er bei Mapei (2001 bis 2003) und dessen Nachfolgeteam Quick Step-Davitamon (heute: Quick Step-Innergetic). Die Rennställe haben Fahrer beschäftigt, die in ihrer Laufbahn gedopt haben. Etwa den Belgier Johan Museeuw, der 2004 seine Karriere beendete. Dieser gestand Anfang des Jahres, das verbotene Mittel Epo verwendet zu haben.
Zudem hatte die belgische Zeitung "Het Laatste Nieuws" im Januar berichtet, dass bei Quick Step noch immer systematisch gedopt werde. Das Blatt beschuldigte Teamchef Patrick Lefévère, seine Fahrer mit verbotenen Substanzen zu versorgen. In dem Bericht bezog sich die Zeitung auf einen noch aktiven Quick-Step-Profi, der anonym bleiben wollte. Lefévère streitet die Vorwürfe ab und hat Klage eingereicht.
Der 26-jährige Sinkewitz war am 8. Juni in den Pyrenäen bei einer Trainingskontrolle der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) positiv auf Testosteron getestet worden. Noch keine Entscheidung ist laut Lehner über die Öffnung der B-Probe gefallen. "Es gibt Fristen zur Öffnung und Analyse der B-Probe. Die laufen. Sie enden irgendwann Anfang August, nach einer Zehn-Tages-Frist nach Antragstellung", sagte Lehner N24. Das sei derzeit noch nicht geschehen. "Sie ist weder geöffnet noch analysiert worden. Da werden die Entscheidungen erst in diesem Zeitraum, also in den nächsten Tagen fallen."
T-Mobile hatte seinen Fahrer unmittelbar nach Bekanntwerden der positiven Probe suspendiert. Sinkewitz lag zu diesem Zeitpunkt im Hamburger Unfall-Krankenhaus Boberg und stand kurz vor einer Kiefer-Operation. Die Verletzungen hatte er sich drei Tage zuvor nach Schluss der 8. Etappe der Tour de France zugezogen, als er auf der Abfahrt mit einem Zuschauer zusammengestoßen war. Am Samstag war Sinkewitz aus dem Krankenhaus entlassen worden. "Eine nicht geöffnete B-Probe ist wie eine positive Probe. Das würde die sofortige Kündigung bedeuten", sagte Christian Frommert, der Leiter der Kommunikationsabteilung von T-Mobile der dpa.
goe/sid/dpa