Doping-Vergangenheit Die schwere Last mit dem System Ost

Sie waren die Garanten für die Medaillenschmiede Ost. 20 Jahre nach dem Mauerfall kocht die Debatte um dopingbelastete Betreuer aus der ehemaligen DDR wieder hoch. Etliche sind bis heute als Trainer aktiv. Wer bereut, kann auf Amnestie hoffen.


"Das DDR-Erbe ist aufgebraucht." So lautete die Bilanz des Deutschen Sportbundes (DSB) nach den ernüchternden Olympischen Spielen in Sydney 2000. Ein Erbe, errichtet in einem Doping-System mit Manipulation nach Staatsplan, dass dem DSB dank des durchschlagenden Erfolgs Jahre nach dem Fall der Mauer die passende Entschuldigung für fehlende Siege lieferte. Die damals "gezüchteten" Athleten beendeten im Laufe der neunziger Jahre ihre Karrieren. Sie verschwanden aus den bejubelten Medaillenspiegeln - und, bis auf wenige Ausnahmen, aus der Öffentlichkeit.

Doch das Erbe war viel umfangreicher - und ist auch 2009 nicht aufgebraucht. Deutsche Leichtathleten kämpfen derzeit um ihren Wurftrainer Werner Goldmann, dessen Vertrag Ende 2008 nicht verlängert wurde. Ein Grund dafür war die Behauptung des ehemaligen Kugelstoßers Gerd Jacobs, Goldmann habe ihm in den achtziger Jahren Anabolika verabreicht (siehe Infokasten). Der Trainer bestreitet das.

Und er weigert sich zu bereuen. Damit erfüllt er die erste Forderung des Deutschen Olympischen Sportbundes, 2006 aus DSB und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) hervorgegangen, nicht. Dieser würde geständigen, geläuterten Trainern durchaus eine zweite Chance geben. Und viele springen dabei den Funktionären zur Seite. "Wenn wir einen überfälligen Neustart wollen, müssen wir die Vergangenheit aufarbeiten. Wir brauchen eine Amnestie", fordert beispielsweise Peter Danckert, Vorsitzender des Bundestags-Sportausschusses.

Vor der Aufarbeitung steht die Reue. Anderen verdächtigen Trainern steht diese Option weiter offen: Schwimmtrainer Norbert Warnatzsch, der ehemals Franziska van Almsick betreut hatte, steht ebenfalls im Fokus. Der Berliner soll laut ZDF-Angaben 1977 an einem Großversuch mit dem Anabolikum Turinabol beteiligt gewesen sein, bei dem auch minderjährige Athleten gedopt worden sein sollen. Heute zählt Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen, Sportlerin des Jahres 2008, zu seinen Schützlingen.

Auch der Sportler des Jahres 2008, Gewichtheber Matthias Steiner, hat einen Mentor, der womöglich in Doping-Machenschaften in der DDR verstrickt ist. Bundestrainer Frank Mantek wird in dem Enthüllungsbuch "Doping - Von der Forschung zum Betrug" von Brigitte Berendonk als Teil des DDR-Staatsplanthemas 14.25 ("Einsatz unterstützender Mittel") genannt.

Alle drei Übungsleiter hatten vor den Spielen in Peking schriftlich erklärt, nie Doping-Mittel weitergegeben zu haben. Eine Unterschrift, weit entfernt von Reue. Eine Unterschrift, die der Aufarbeitung eher abträglich ist, denn sie fördert. Schon nach der Wende half diese Vorgehensweise nicht weiter. "Wir können nicht erwarten, dass Menschen ihre Todesurteile unterschreiben", sagt Danckert.

Sporthistoriker Hans-Joachim Teichler, Professor an der Universität Potsdam, spricht von einem Dilemma: "Wenn Trainer nach der Wende Doping zugegeben haben, wurden sie nicht eingestellt. Eine Falle, die zum Lügen zwingt", sagt der Historiker SPIEGEL ONLINE. Auch er plädiert für eine zweite Chance. Die nach 20 Jahren gebotene Amnestie dürfe nicht von einer Amnesie des Doping-Trainers begleitet werden. Ines Geipel, ehemalige DDR-Sprinterin, ist jedoch skeptisch: "Sie werden niemanden finden, der mit ihnen eine offene Debatte führt."

Sowohl bei Goldmann und Warnatzsch wurde die Unschuldserklärung denn auch von einer unabhängigen Kommission des DOSB angezweifelt. Im Falle Goldmann empfahl sie, den 58-Jährigen nicht weiter zu beschäftigen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband beendete daraufhin Ende 2008 die Zusammenarbeit. Auch Warnatzschs Vertrag wurde nicht verlängert, obwohl eine Empfehlung der Kommission noch aussteht.

Wie lange die Entscheidung auch noch auf sich warten lässt - die Aufarbeitung kommt reichlich spät. Sogar Manfred von Richthofen, von 1994 bis 2006 DSB-Präsident, gibt sich selbstkritisch: "Man hätte in manchem noch radikaler vorgehen müssen." Der DOSB schreibt in einem offenen Brief: "Mag sein, dass das (die Aufarbeitung, d. Red.) früher hätte geschehen müssen." Möglichkeiten gab es genug.



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DJ Doena 06.02.2009
1.
Wie lange wird ein Sportler heutzutage für Doping gesperrt? 2 Jahre?
exilant2 09.02.2009
2.
Zitat von sysopIn Deutschland ist eine Diskussion entbrannt, ob Trainer, die in der DDR in Doping-Machenschaften verstrickt waren, im deutschen Spitzensport arbeiten dürfen. Sollte vergessen sein, was vor 20 Jahren geschehen ist? Sollte Reue ein wichtiger Maßstab bei der Bewertung sein? Welche Rolle spielt die verpasste Aufarbeitung nach der Wende?
Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
sitiwati 09.02.2009
3. im Prinzip
Zitat von exilant2Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
sollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
Adran, 09.02.2009
4.
Zitat von sitiwatisollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
Sehe ich mir de Tour de Dope an, wage ich daran zu zweifeln..
Filzsucher 09.02.2009
5. Prof. Joseph Keul
Zu Prof. Joseph keul http://www.cycling4fans.de/index.php?id=4472 Auszug: "Prof. Joseph Keul leitete die Abteilung Sportmedizin an der Universitätklinik Freiburg seitdem sie 1974 eine selbstständige Einrichtung wurde. Seit 1960 fungierte Joseph Keul Sportarzt bei den Olympischen Spielen, bis 1980 als Assistenzarzt, danach als Chefarzt. Er war Mitglied des NOK und ab 1998 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 dessen Vorsitzender, war Anti-Doping-Beauftragter des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und war Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse." eine Beschäftigung mit dieser Figur: Prof. Joseph Keul bringt einem im Verständnis über die die ganze Gesellschaft + Politik durchziehenden Netzwerkstrukturen des Dopings näher. Eine Schlüsselfigur ist Keul. Dieser hat anscheinend (mutmaßlich) seine einflussreichen Jobs während seines beruflichen Lebens seiner Doping-Kompetenz zu verdanken. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeiten hat er um Doping herum geforscht. Im wesentlichen wurden Studien mit falschen Absichten deklariert, dies geht aus o.g. Artikel anschaulich hervor: sie sollten Dopinggaben legalisieren helfen. Er hat anscheinend in größerem Umfange Ergebnisse gefälscht. Seine aktive Rolle im Umgang mit Sportlern (was Doping angeht), geht aus dem Artikel auch gut hervor. Es soll keiner aus der Politik sagen, man habe dies nicht gewußt. Alle wissen es und Alle wissen um die derzeitgen Hintermänner in den Universitätszentren. Also "Alle" meint: die wichtigen, relevanten Leute in der Politik und in den Sport-Organisationen. ein Auszug: "Der Zwischenbericht der Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin, aus dem die letzten Zitate stammen, hält abschließend fest, dass es derzeit nicht auszuschließen ist, "dass Professor Keul aktiv in die damaligen Dopingaktivitäten involviert war. Nach den der Kommission nun zur Verfügung stehenden Unterlagen war er bei Veranstaltungen des und um das "Team Telekom" häufig präsent." " Noch so ein Name: Prof. Manfred Donike: auch er hat anscheinend eine irreführende Positionsbeschreibung gehabt: er nahm nach Presseartikeln und Zeugenaussagen seine Job so wahr: Erkenntnisse über das Doping gewinnen, um die Sportler vor positiven Befunden zu bewahren. Solange diese - ja schon nachgewiesenen Strukturen und Taten - nicht weitere Konsequenzen nach sich ziehen, solange ist ja schon ein Foren-Text "harmlos" undn irreführend, weil er den Kern nicht trifft. Wenn nun schon (wieder) klar wird, dass Organisationen wie Nat.Olympisches Komittee oder die Telekom "Doping-Koryphäen" wie Keul beschäftigen, dann muss man doch beständig auf diese Organisationsstrukturen abheben, was Diskussionen wie obige angeht. Im luftleeren Raum kann man solche Fragen nicht diskutieren "sollten sie wieder eingestellt werden...?"
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