Dopingermittler Kontrolleure mit einschlägiger Erfahrung

Die deutsche Antidoping-Agentur Nada braucht mehr Geld. Gestern hat das Bundesinnenministerium eine Erhöhung der Zuschüsse um fast zwei Millionen Euro zugesagt. Doch der Vorstand der Nada wird von einem Gremium kontrolliert, dessen personelle Besetzung stark umstritten ist.
Von Mirjam Fischer

Fünf Millionen Euro. So viel Geld braucht die Nationale Doping-Agentur (Nada) pro Jahr, um Athleten angemessen kontrollieren zu können. Hanns Michael Hölz, Vorsitzender des Nada-Kuratoriums, forderte diese Summe vor zwei Wochen, als bekannt wurde, dass die Agentur immer noch erhebliche Probleme hat, regelmäßig zu kontrollieren. Etwa 200 Tests waren den Kontrolleuren allein 2006 entgangen, weil die Sportler, darunter auch Olympiasieger, nicht am angegebenen Aufenthaltsort zu finden waren.

Mangels finanzieller Möglichkeiten angesichts eines bescheidenen Jahresetats von 1,8 Millionen Euro sieht sich die Nada nicht imstande, solchen "missed tests" entschieden nachzugehen. Bund, Länder und Sponsoren haben eine Aufstockung der Mittel versprochen, das Bundesinnenministerium hat seine Mittel für die Nada gestern von 1,1 auf 3,9 Millionen Euro für 2008 erhöht.

Über die Verwendung dieser Mittel befindet auch das von Hölz geleitete Nada-Kuratorium - ein Gremium von Vertretern aus Sport, Politik und Wirtschaft, das den Vorstand der Agentur kontrollieren soll. In dieser illustren Runde sitzt etwa der ehemalige deutsche Vorzeigeturner und CDU-Bundestagsabgeordnete Eberhard Gienger, mehrfacher Weltmeister und olympischer Bronzemedaillengewinner am Reck.

Im vergangenen Jahr gab Gienger - vor seiner Wahl zum Vizepräsidenten Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund - zu, dass er 1974 das heute auf der Dopingliste stehende Anabolikum Fortabol eingenommen hatte. Der heute 56-Jährige rechtfertigte sich: "Anabolika waren damals im Wettkampf verboten, aber im Training überhaupt nicht. Nach einer Operation kam man im Grunde gar nicht ohne diese aufbauenden Substanzen aus."

Der Freiburger Sportmediziner Heinz Birnesser stellte dagegen fest, es habe nie eine medizinische Rechtfertigung für den Einsatz von Anabolika im Hochleistungssport gegeben. Daraufhin behauptete Gienger plötzlich, nur das freiverkäufliche Vitaminpräparat Anabol-Loges eingenommen und mit einem Anabolikum verwechselt zu haben. Der Ex-Turner sitzt als DOSB-Vize nun als wichtigster Funktionär für den Leistungssport im Nada-Kuratorium.

Christian-Günther Sachs, ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, sieht darin kein Problem. SPIEGEL ONLINE sagte er: "Sind Sie der Meinung, nur weil einer mal gedopt hat, kann er nichts gegen Doping tun? Wir haben den Eindruck, dass die Nada gute Arbeit verrichten könnte, wenn sie finanziell und personell stärker bestückt wäre. Mehr will ich dazu nicht sagen."

"Ich habe nie Pro-Doping-Forschung betreiben"

Der Heidelberger Sportwissenschaftler Gerhard Treutlein kritisiert aber auch die Berufung von Wilfried Kindermann, Chefarzt der deutschen Olympia-Mannschaft, in das Kuratorium: "Was hat der da zu suchen?" Kindermann, der als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention dem Gremium angehört, konnte nie aktives Mitwirken beim Dopen bewiesen werden, doch er steht seit Jahren in der Kritik.

In den siebziger Jahren war Kindermann als Co-Autor des umstrittenen Freiburger Sportmediziners Joseph Keul an Studien beteiligt, die eine angebliche Unschädlichkeit von Anabolika nachzuweisen versuchten und deren Freigabe befürworteten. Sportler wussten nach diesen Studien, wann Anabolika abzusetzen sind, damit man sie zu Wettkämpfen nicht mehr im Urin nachweisen kann. Anabolika standen bis 1976 nicht auf der Dopingliste, erste Tests gab es aber schon früher. Ende der achtziger Jahre forschte Kindermann zum Thema Testosteron.

Kindermann erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Ich habe nie Pro-Doping-Forschung betrieben, wir wussten in den siebziger Jahren aber auch nicht das, was wir heute über Anabolika und die Nebenwirkungen wissen." Die Studien von Keul habe er lediglich als Assistent mit ausgewertet, und "seitdem werde ich in Sippenhaft mit ihm" genommen.

Es gibt aber weitere Auffälligkeiten: Als leitender Arzt im Deutschen Leichtathletikverband spritzte Kindermann 1995 bei den Weltmeisterschaften in Göteborg dem Langstreckenläufer Stéphane Franke zur Blutverdünnung HES - ein Mittel, dessen leistungssteigernde Wirkung umstritten ist, das sich aber unstrittig zur Verschleierung von Epo-Einnahme und Blutdoping eignet. Regeln hat Kindermann auch hier nicht verletzt: HES kam erst 2000 auf die Dopingliste. Bei der Ski-WM 2001 im finnischen Lahti flog damit der finnische Olympiasieger und mehrmalige Langlaufweltmeister Mika Myllylä auf. Von der angenehmen Nebenwirkung des Mittels will Kindermann auch nichts gewusst haben.

Die Kontrollierten kontrollieren sich selbst

Nicht unter irgendeinem Verdacht steht dagegen Kuratoriumsmitglied Christian Frommert, Kommunikationschef der Deutschen Telekom AG, der auch für das Radsportteam T-Mobile zuständig ist. Im Gegenteil: Der Rennstall gilt mit seinen internen Antidopingregeln als leuchtendes Vorbild in einer verseuchten Sportart, obwohl mit Sportdirektor Rolf Aldag und dem sportlichen Leiter Brian Holm zwei geständige Dopingsünder beschäftigt werden. Die Deutsche Telekom sponsert die Nada 2007 mit 200.000 Euro und will den Betrag erhöhen.

Trotzdem sagt Treutlein: "Es kann eigentlich nicht sein, dass Frommert in der Nada sitzt. Einerseits gehört das von der Telekom gesponserte Team zu denen, die kontrolliert werden müssen, andererseits sitzt einer von denen in der Kontrollinstitution. Das passt nicht." Es gebe auch innerhalb der Nada Mitglieder, "die den einen oder anderen los werden wollen", so Treutlein. "Aber man muss Angst vor Verleumdungsklagen haben, wenn man auspackt."

Der Kuratoriumsvorsitzende Hölz verteidigt die Zusammensetzung des Gremiums: "Es sind alle wichtigen Institutionen vertreten." Er schränkt aber ein: "Zur personellen Besetzung des Kuratoriums will und kann ich aus politischen Gründen nichts sagen." Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, vertritt die Politik im Kuratorium. Über die anderen Mitglieder will auch er nicht urteilen, sagt SPIEGEL ONLINE aber: "Sie müssen sich die Personalien doch nur einmal anschauen und sich selbst eine Meinung bilden."

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