Dopingexperte Schänzer zu Armstrong-Fall "Epo lange nachweisbar"

Wilhelm Schänzer ist weltweit anerkannter Dopingforscher. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE redet er über den Fall Lance Armstrong, die Haltbarkeit von Urinproben, die Sicherheit von Epotests und den französischen Anti-Doping-Kampf.

SPIEGEL ONLINE

: Herr Schänzer, halten Sie Lance Armstrong nach den aktuellen Erkenntnissen für einen Dopingsünder?

Schänzer: Wenn die Zuordnung der entsprechenden Probe zu Armstrongs Namen gesichert ist, wenn das Labor dann dieses Ergebnis auch bestätigt, dann ist das eine ziemlich sichere Angelegenheit. Wie man den Fall aber juristisch bewerten soll, ist eine andere Frage.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Ist diese Geschichte für Sie kein klassischer Dopingfall?

Schänzer: Nein. Die Regularien waren hier nicht vorgeschrieben. Mein Kollege hat eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt. Wer aber diese Proben, die eigentlich nur codiert gewesen sind, einem Namen zugeordnet und das Ergebnis dann publik gemacht hat, weiß ich nicht. Dass man langfristig aber versucht, auch bei alten Proben neue Verfahren anwendet, finde ich eine gute Sache.

SPIEGEL ONLINE: Wenden Sie ebenfalls dieselbe Methode wie Ihre französischen Kollegen an?

Schänzer: Ja. Wir führen im Jahr etwa tausend Epo-Untersuchungen durch, dieser Test ist zuverlässiger Standard.

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SPIEGEL ONLINE: Besitzt sechs Jahre alter Urin dieselbe Qualität wie etwa sechs Tage alter Urin, um ganz sicher Epo nachweisen zu können?

Schänzer: Bei meinen Untersuchungen habe ich festgestellt, wie stabil Epo ist. Wenn Urin bei minus 20 bis minus 40 Grad gelagert wird, dann können wir Epo problemlos auch noch nach zwei bis drei Jahren nachweisen. Die Franzosen haben eine größere Erfahrung mit der Nachweismethode und gehen von fünf Jahren aus.

SPIEGEL ONLINE: Hat Epo im Urin eine Verfallsgrenze?

Schänzer: Das lässt sich schwer sagen, nicht jeder Urin ist gleich. Außerdem muss immer geklärt werden, wie lange und unter welchen Bedingungen der Urin gelagert wurde. Es gibt beispielsweise keine Daten für einen Zeitraum über zehn Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Wird diese Armstrong-Geschichte jetzt zum Präzedenzfall? Schließlich ist dessen Urinprobe doch bestimmt die älteste, die untersucht worden ist.

Schänzer: Zumindest die älteste, die einem Namen zugeordnet werden kann. Ich glaube, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur diesen aktuellen Fall zum Anlass nimmt, die Langfristigkeit bei Dopingtests besser umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Begrüßen Sie es, wenn ab jetzt auch alte Urinproben untersucht werden?

Schänzer: Das ist ja immer eine Kostenfrage. Außerdem kommen ja nur Großveranstaltungen in Frage. Aber wenn das gelänge, würde das die Athleten davon abschrecken verbotene Substanzen einzunehmen, die heute noch nicht nachgewiesen werden können.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Klaus Müller vom Labor in Kreischa kritisiert die Franzosen, weil diese das Ergebnis der Urinuntersuchung den Medien mitgeteilt hat. Teilen Sie diese Kritik?

Schänzer: Wer jetzt wirklich die Möglichkeit hatte, die Proben zu decodieren, weiß ich nicht. Allerdings wird in Frankreich ein vehementer Anti-Doping-Kampf geführt, das Ministerium steht stark dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ergebnis dann auf Druck regierungsamtlicher Stellen herausgekommen, schließlich handelt es sich ja um ein staatliches Labor?

Schänzer: Die Frage ist, wer Zugang zu den Daten hat. Außerdem muss man wissen, dass es in Frankreich andere Anti-Doping-Gesetze gibt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern anders?

Schänzer: Die französischen Gesetze sind strenger. Alle Dopinglabors sind dem Staat unterstellt, folglich müssen auch alle Dopingverstöße den staatlichen Stellen gemeldet werden. In Deutschland hält sich der Staat weitestgehend heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wäre so eine Art der Bekanntmachung auch in Ihrem Labor möglich?

Schänzer: Nein, bei uns wird alles anonymisiert.

SPIEGEL ONLINE: Also ist dieser französische Weg amtlichem Druck geschuldet?

Schänzer: Wenn er der Wahrheitsfindung dient und den Anti-Doping-Kampf fördert, dann muss man sagen, dass er richtig war. Wenn alles aber nur beim Anfangsverdacht hängen bleibt, dann war es nicht gerade hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada jetzt einschalten wird?

Schänzer: Aus meiner Sicht wird die Wada zunächst eine juristische Klärung vornehmen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die Wada veranlassen, dass Armstrongs Urin nochmals untersucht wird?

Schänzer: Ja, dafür müsste aber noch Urin vorhanden sein in einer Probe, die noch nicht geöffnet ist.

Die Fragen stellte Steffen Gerth