Dopingfall Busch "In dieser Form noch nicht gekannt"

Wie viel Macht hat ein deutscher Sportverband? Im Streit zwischen dem Eishockey-Bund und der Nada im Fall Florian Busch zeigt sich, wie bindend der Doping-Code für urteilende Funktionäre wirklich ist. Diese wollten den Fall schnell vergessen - doch nun droht weit größerer Schaden.


Eigentlich sind es großartige Zeiten für das deutsche Eishockey. Die Finalspiele der Deutschen Eishockey Liga (DEL), die am vergangenen Sonntag mit dem Titelgewinn der Eisbären Berlin zu Ende gingen, waren so ausgeglichen, dass die Berliner ihre drei Siege gegen die Kölner Haie jeweils erst in den Schlusssekunden oder gar in der Verlängerung feiern konnten. So packend war das ultimative Duell einer Eishockey-Saison seit Einführung der Playoffs 1981 noch nie. So gut besucht auch nicht: 18.678 Zuschauer sahen das entscheidende Spiel in der KölnArena - Rekord im deutschen Eishockey. "Das war sensationell", schwärmte DEL-Chef Gernot Tripcke. Es sind großartige Zeiten. Eigentlich.

Berliner Busch (r.) gegen Kölns Torhüter Müller: Meistermacher in Not
DPA

Berliner Busch (r.) gegen Kölns Torhüter Müller: Meistermacher in Not

Denn für die Titelentscheidung sorgte ausgerechnet der Spieler, der zuvor mit einer, wie er es nannte, "Riesendummheit" die sportlichen Höhepunkte in den Hintergrund rückte. Florian Busch war in dieser Spielzeit 2007/2008 der letzte Profi, der das Spielgerät am Schläger hatte, der letzte, der den Puck erfolgreich in Richtung Tor drosch. Buschs Treffer zum 2:1 für Berlin in der Verlängerung beendete das Spiel, die Finalserie, die Saison.

Aber er beendete nicht die Diskussionen darüber, wie autonom ein Verband in Dopingfragen urteilen, wie weit er sich vom allgemein anerkannten Anti-Doping-Code entfernen kann. Auslöser ist eine verweigerte Dopingkontrolle des Nationalspielers Busch von Anfang März. Damals lehnte der 23-Jährige gegenüber einem Kontrolleur der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), die das Dopingregelwerk in Deutschland versucht umzusetzen, die Urinprobe ab. Eine Essensverabredung mit der Freundin schien ihm wichtiger. Wenige Stunden später ließ er den Test doch noch durchführen - allerdings vom Deutschen Eishockey-Bund (DEB). Die Nada hatte zu diesem Zeitpunkt ihr Urteil schon gefällt.

"Die Regeln sind eindeutig", sagt Nada-Sprecherin Ulrike Spitz SPIEGEL ONLINE, "und das aus gutem Grund". Wer sich einer Kontrolle verweigere, müsse mit einer Mindestsperre von einem Jahr rechnen. "Wer keine Lust hat, hat ein Problem", ergänzt Jens Adolphsen, Sportrechtler an der Uni Gießen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Spitz betont, dass selbst wenige Stunden ausreichen würden, "damit sich unerlaubte Mittel im Körper abbauen können". Sie widerspricht DEB-Vizepräsident Uwe Harnos, der erklärt hatte, dies wäre in wenigen Stunden nicht möglich. Genauso wenig wie die Manipulation des Urins. "15 Minuten reichen dafür", entgegnet Spitz nun. Und Mario Thevis, Professor am Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, erklärt: "Rein hypothetisch wäre ein kompletter Austausch des Urins in dieser Zeit möglich." Beispielsweise, um die Blase zu katheterisieren und Fremdurin zuzuführen, so der Dopingexperte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Niemand will Eishockey-Profi Busch eine Manipulation vorwerfen. Die Beschwichtigungen der DEB-Funktionäre sind dennoch irritierend. Diese bestraften den Spieler lediglich mit einer Verwarnung. Busch muss 5000 Euro Geldstrafe zahlen und 56 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Nicht nur Haie-Geschäftsführer Thomas Eichin war im "Kölner Stadtanzeiger" der Meinung, dass dieser Fall "schädlich für das deutsche Eishockey" sei. Auch die Nada kann das Urteil nicht verstehen, ist aber machtlos. Die Bestrafung sei in Deutschland eben Verbandshoheit, sagt Spitz. Die meisten Verbände halten sich daran, der DEB tut es nicht. Das ist auch der Nada-Sprecherin neu. Manchmal müsste man Verbände an den Code erinnern, aber "in dieser Form kenne ich es noch nicht", sagt Spitz. Der Nada bleibt nun nur die Weitergabe der Materials an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

Das hat sie getan und gleichzeitig klargestellt, "dass die Sanktionierung nicht den Regeln entspricht", so Spitz. Erst an diesem Dienstag bekam die Bonner Agentur die Urteilsbegründung des DEB - die Nada musste sich die Informationen in den Medien zusammensammeln. Die Wada wird nun entscheiden, ob sie vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas zieht. Selbst der DEB geht von einer höchstinstanzlichen Entscheidung des Cas in Lausanne aus. "Ich rechne damit, dass es eine juristische Auseinandersetzung gibt", sagte Rechtsanwalt Harnos. "Die Chance, dass die DEB-Entscheidung da Bestand behält, sehe ich bei 50:50."

Sollte sich der Cas am Welt-Anti-Doping-Code orientieren, sieht Nada-Sprecherin Spitz "keine andere Lösung", als dass Busch für mindestens ein Jahr gesperrt wird. Was dies für die abgelaufene Finalserie bedeutet, ob die unterlegenen Kölner das Ergebnis des Endspiels anfechten könnten, vermag sie nicht zu sagen. Rechtsprofessor Adolphsen sieht hingegen keine Gefahr für den Berliner Meistertitel: "Eine Sperre gilt erst ab Urteilsspruch." Und mit dem könne erst in ein paar Monaten gerechnet werden.

Busch für WM nominiert

So hat der Verband zunächst einmal Ruhe. Ruhe, die er mit dem ebenso schnellen wie gnädigen Urteil viel früher haben wollte. Das große "Ballyhoo" sei die Sache doch gar nicht wert, hieß es beim DEB. Tripcke formulierte es noch deutlicher: "Wer jetzt bei so einer tollen Finalserie den Fall Busch thematisiert, sollte nie mehr über Eishockey berichten", gab der DEL-Chef deftige Warnschüsse ab. Trotz aller Warnungen ist die Sache jedoch nicht ausgestanden. Neben allen möglichen juristischen Folgeerscheinungen bleibt ein seltsamer Beigeschmack.

Ab dem 2. Mai wird Busch im Kreis seiner Nationalmannschaftskollegen bei der WM in Kanada antreten. Bundestrainer Uwe Krupp hat Busch als einen von sechs Spielern des deutschen Vorzeigeclubs aus der Hauptstadt nominiert - trotz seines - wie Krupp sagt - "unklugen Verhaltens". Busch wird spielen, daran wird auch die Nada nichts ändern können.

Mit Material des sid



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Hador, 22.04.2008
1.
Der Fall Busch zeigt doch nur mal wieder, dass die ganzen Versprechen im Anti-Dopingkampf nur ein Witz sind. Die Verbände versprechen hoch und heilig nichts sei ihnen wichtiger als sauberer Sport. Ist dann aber wirklich mal ein Athlet aus dem eigenen Verband betroffen, dann ist das Geschrei groß. Hat Busch gedopt? Keine Ahnung, aber die Regeln sind klar und ebenso klar ist sein Verstoß dagegen.
Guderian 22.04.2008
2. Die NADA macht sich lächerlich
Eishockey ist eine Mannschaftssportart, da kann man mit Doping nur sehr schwer betrügen. Kraft und Ausdauer sind im Eishockey nicht derart spielentscheidend wie in anderen Sportarten. Was wirklich zählt sind Teamfähigkeit und Geschicklichkeit. Sowas kann man nicht herbei spritzen. Wer sich im Eishockey einen Vorteil verschaffen will, der dopt nicht, sondern besticht einen Schiedsrichter. Weil das auch der DEB weiss, hat er hier Gnade vor Recht ergehen lassen und den Spieler, der nur wenige Stunden nach dem Vorfall eine negative Dopingprobe abgegeben hat, verschont. Im Eishockey ist Doping nicht das große Thema wie im Radsport. Die Dopingkontrollen werden daher auch nicht so extrem ernst genommen. Dem Spieler war sicher nicht klar, dass er eine Zweijahressperre riskiert. Es wäre in diesem Falle überhart, wenn man die NADA Regeln wörtlich anwenden würde. Denn diese unterscheiden nicht in problematische und weniger problematische Sportarten und sie berücksichtigen auch nicht, dass der Spieler den Test nur wenige Stunden später nachgeholt hat. Deswegen hat sich der DEB zu recht anders entschieden. Sollte die NADA weiter auf dem Thema rumreiten, beschädigt sie sich damit nur selbst. Weder wird dadurch das Dopingproblem in den dafür problematischen Sportarten gelösst, noch hilft es gegen bestechliche Schiedsrichter in den Sportarten, die dafür anfälliger sind. Wenn sich die NADA hier durchsetzt, hat niemand etwas davon. Es wäre nur ein weiterer nutzloser Sieg des Rechts über die Gerechtigkeit.
sam clemens, 22.04.2008
3. Wie bitte?
Dass Doping in Mannschaftssportarten wie Eishockey keine leistungssteigernde Rolle spielen kann, halte ich für fachlich falsch. Je besser die konditionellen Fähigkeiten ausgebildet sind (die man bekanntlich mit Doping entscheidend verbessern kann), desto mehr ist der Sportler in der Lage, konzentriert und genau zu handeln, auch und vor allem seine technischen Fähigkeiten einzusetzen. Jeder Sportler weiß doch genau, wie anstrengend es ist, unter Ermüdungsbedingungen technisch gut zu bleiben. Oder einfach: Ausdauer heißt gute Technik bei hoher Ermüdung (sagt der Sportwissenschaftler). Außerdem sind bestimmte Dopingmittel durchaus geeignet, die in Spielsportarten so anstrengenden Intervallbelastungen besser verkraftbar zu machen. Wenn man liest, dass ein (Profi?)-Spieler und A-Kader (?) die Doping-Kontrollen nicht so ernst nimmt und dass der verband das toleriert, kommt einem schon das große - Entschuldigung! - Kotzen, denn in anderen Sportarten, in denen beträchtlich weniger (wenn überhaupt)Geld an die Athleten fließt, wird erheblich härter durchgegriffen. Wie soll man denn Recht überhaupt umsetzen, wenn nicht buchstabengetreu? Abgesehen davon halte ich die gegenwärtige Kontrollpraxis, wie an anderer Stelle schon geschrieben, für würdelos und zudem uneffizient. Nehmen Sie mir das nicht übel, Guderian, aber so ist die Lage im Hochleistungssport.
Uli123 22.04.2008
4.
Zitat von GuderianEishockey ist eine Mannschaftssportart, da kann man mit Doping nur sehr schwer betrügen. Kraft und Ausdauer sind im Eishockey nicht derart spielentscheidend wie in anderen Sportarten. Was wirklich zählt sind Teamfähigkeit und Geschicklichkeit. Sowas kann man nicht herbei spritzen. Wer sich im Eishockey einen Vorteil verschaffen will, der dopt nicht, sondern besticht einen Schiedsrichter. Weil das auch der DEB weiss, hat er hier Gnade vor Recht ergehen lassen und den Spieler, der nur wenige Stunden nach dem Vorfall eine negative Dopingprobe abgegeben hat, verschont. Im Eishockey ist Doping nicht das große Thema wie im Radsport. Die Dopingkontrollen werden daher auch nicht so extrem ernst genommen. Dem Spieler war sicher nicht klar, dass er eine Zweijahressperre riskiert. Es wäre in diesem Falle überhart, wenn man die NADA Regeln wörtlich anwenden würde. Denn diese unterscheiden nicht in problematische und weniger problematische Sportarten und sie berücksichtigen auch nicht, dass der Spieler den Test nur wenige Stunden später nachgeholt hat. Deswegen hat sich der DEB zu recht anders entschieden. Sollte die NADA weiter auf dem Thema rumreiten, beschädigt sie sich damit nur selbst. Weder wird dadurch das Dopingproblem in den dafür problematischen Sportarten gelösst, noch hilft es gegen bestechliche Schiedsrichter in den Sportarten, die dafür anfälliger sind. Wenn sich die NADA hier durchsetzt, hat niemand etwas davon. Es wäre nur ein weiterer nutzloser Sieg des Rechts über die Gerechtigkeit.
Also erlauben wir Doping beim Eishockey? Und in welchen Sportarten noch? Es gibt eine glasklare Regel und einen sogenannten Sportler der dagegen verstoßen hat. Da gibt es nichts zu intepretieren, sondern die Strafe ist einfach zu verhängen. Wenn der deutsche Verbandssumpf hier anders urteilt, dann bestärkt mich das in meinem Urteil diese Sportarten auch nicht mehr anzusehen und somit leider auch die ehrlichen Sportler zu "bestrafen". Aber nur durch die macht der Zuschauer, sich und die Sponsorgelder auf "saubere" Sportarten zu fokussieren, kann hier was ändern. Uli
Guderian 22.04.2008
5.
Weder hab ich gesagt, dass Doping garnichts bringt, noch hab ich eine Legalisierung gefordert. Aber Doping kann nur dabei helfen, die technischen Fähigkeiten einzusetzen, die man ohnehin schon hatte. Um aber erstmal technisch versiert zu werden, muss man viel trainieren. Dadurch bekommt man die Ausdauer quasi gratis mit dazu. Zusätzlich dopen bringt im Mannschaftsspiel so gut wie nichts. Deswegen hat die Wettmafia auch Robert Hoyzer bestochen, anstatt Steroide unter die Cornflakes von Energie Cottbus zu mischen. Man kann in einer Mannschaftssportart eine schlechte Mannschaft nicht zu einer guten Mannschaft zurecht dopen. Bei bestimmten Leistungs- und Ausdauersportarten geht das aber durchaus. Im 100-Meter-Lauf oder bei der Tour-de-France gewinnt garantiert derjenige, der am meisten gedopt hat. Nicht derjenige, der mit der besten Technik radelt oder sprintet. Deswegen dopen bei den Radfahrern auch so viele. Die Vorteile für die Doper sind in diesem Sport ungleich größer als beim Eishockey. Das weiss aber auch jeder. Wenn die NADA nur die Sperre kennt und keine leichteren Strafen für leichtere Vergehen, dann muss sie damit rechnen, ignoriert zu werden. Der DEB braucht die NADA nicht, noch hat er irgendwelche Rechtfertigungsprobleme in Sachen Doping. Eigentlich interessiert sich doch auch sonst keiner fürs Deutsche Eishockey, weder von der Presse noch von irgendwelchen Sportfunktionären. Also weshalb soll der DEB seine Angelegenheiten nicht auch diesmal alleine regeln? Das ist einfach ein Problem, das die NADA mit dem DEB hat, nicht umgekehrt. Der DEB konnte selber urteilen und das hat er getan! Die NADA möchte sich einfach nur wichtig machen und ist furchtbar entsetzt darüber, dass sie keiner für voll nimmt. P.S.: DEB-Präsident Hans-Ulrich Esken ist übrigens von Beruf Richter, er sagt dazu: "Wir wollen einem jungen Mann nicht sein ganzes Leben verbauen". Was durchaus die Folge einer solchen Sperre hätte sein können. Also man kann auch anders urteilen. Recht ist auch Auslegungssache.
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