Dopingopfer Krieger Vom Staat missbraucht

Heidi Krieger begann als junges Mädchen eine Sportlerkarriere in der DDR. Das systematische Doping brachte ihr Erfolge - doch die Hormone veränderten ihren Körper. Heute heißt der Star von damals Andreas Krieger, eine Geschlechtsumwandlung ermöglichte ihm ein neues Leben.

Der Mann, der früher mal eine Frau war, steht in Magdeburg auf dem Bürgersteig und raucht. Andreas Krieger, geboren als Heidi Krieger am 20. Juli 1965, schnippt die Kippe auf die Straße und geht in seinen Laden. Über der Tür des Geschäfts weht eine kleine Deutschland-Fahne.

Krieger verkauft Bundeswehrhosen, Feldjacken und Armee-Rucksäcke, es war noch kein Kunde da heute morgen. Im Hinterzimmer kramt er eine gelbe Kiste aus dem Schrank. Es kommen zum Vorschein: eine hellblaue DDR-Trainingsjacke und ein weißes Leichtathletik-Trikot, Startnummern und Urkunden, Medaillen von DDR-Meisterschaften und Spartakiaden, von Welt- und Europameisterschaften. "Alles Sperrmüll", sagt Krieger.

Heidi Krieger war in der DDR eine Spitzenathletin. Vor zwölf Jahren ließ sie sich umoperieren zum Mann, sie konnte keine Frau mehr sein, weil ihre Trainer sie jahrelang mit Anabolika vollgestopft hatten, ohne dass sie davon wusste.

Andreas Krieger ist ein staatlich anerkanntes DDR-Dopingopfer, eines von 193. Er sagt: "Ich weiß nicht, ob ich ohne diese blauen Pillen heute auch ein Mann wäre oder eine Mutter von fünf Kindern. Ich hatte keine Wahl. Man hat mich meiner Biografie beraubt. Die Trainer und die Sportärzte haben Gott gespielt."

Die Verlockung des Ruhms

Ilona Slupianek wird 1980 in Moskau Olympiasiegerin im Kugelstoßen. Heidi Krieger trainiert beim SC Dynamo und beobachtet, wie Trainer und Funktionäre die neun Jahre ältere Vereinskameradin hofieren, Politiker wollen sich mit ihr zeigen, feiern sie als Star. Ilona Slupianek wird trainiert von Willi Kühl, Heidi Krieger von Lutz Kühl, dem Sohn. Heidi, die sich nach Anerkennung sehnt, beschließt: Was Ilona gerade erlebt, will ich auch mal erleben. Sie hängt sich rein im Training, quält sich.

1980 stößt sie die Kugel 11,93 Meter weit, der Diskus landet bei 33,92 Meter. 1981 schafft sie 14,05 und 45,66 Meter. Sie wird Zweite im Kugelstoßen bei der Spartakiade, und gehört nun zum Kaderkreis II. Ihr Leistungsauftrag für die Saison 1981/82, geschrieben auf rosa Karton, ausgestellt am 7. November 1981, lautet: 15,50 Meter im Kugelstoßen und 53 Meter im Diskuswerfen. Damit soll sie bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft in beiden Disziplinen um Platz eins bis drei kämpfen.

Heidi Krieger wird als "Sportlerin 54" in das Anabolikaprogramm der DDR aufgenommen. Sie ist 16 Jahre alt.

Blaue Pillen für ein höheres Trainingspensum

Im April 1982 nimmt Willi Kühl sie in der Trainingshalle zur Seite. Er trainiert Heidi inzwischen und drückt ihr eine Kugel Silberpapier in die Hand. Darin eingewickelt sind blaue Pillen. Kühl sagt: Das ist ein unterstützendes Mittel, das nimmt jeder, dein Trainingspensum wird höher, die Pillen helfen dir, das zu kompensieren.

Heidi leuchtet das ein. Sie fragt nicht nach, steckt die Pillen in die Tasche und schluckt sie zu den vorgegebenen Zeiten. Sie vertraut ihrem Trainer grenzenlos. Warum sollte er ihr etwas Ungesundes und Verbotenes geben?

1982 schluckt Heidi Krieger in 14 Wochen 885 Milligramm Oral-Turinabol, sie schafft mit der Kugel 16,82 Meter, mit dem Diskus 56,28 Meter. Sie wird dicker, legt Muskelmasse zu, wundert sich darüber aber nicht: Sie ist von zahlreichen Sportlerinnen umgeben, denen es genauso geht.

Der Leistungsauftrag für die Saison 1982/83, datiert vom 20. November 1982: 18 Meter im Kugelstoßen, 60 Meter mit dem Diskus, erwartet wird der erste Platz bei den DDR-Jugendmeisterschaften, außerdem Platz eins bis zwei bei der Junioren-Europameisterschaft.

1983 nimmt Heidi Krieger 1820 Milligramm Oral-Turinabol zu sich, in 22 Wochen. Sie wird Jugend-Europameisterin mit der Kugel und mit dem Diskus. Ihre persönlichen Bestleistungen steigen auf 19,03 und 61,98 Meter. Aus Sicht der Partei erfüllt sie ihr Soll.

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung


In Leipzig macht sich der Trainingswissenschaftler Lothar Hinz Sorgen um Heidi Krieger, weil sie bereits als Minderjährige gedopt wurde. In einer vertraulichen Expertise notiert er, dass die "vorzeitige Anwendung" unbegründet ist, da ihr Körper noch nicht voll ausgebildet sei. Auch die hohen Dosen passen ihm nicht. Eigentlich dürfe die Grenze von 1000 Milligramm Anabolika im Jahr "in keinem Anwendungsfall überschritten werden", aber "der härtere Kampf um die Nominierung" dränge die Trainer "zu langen Einsatzzeiträumen und hohen Jahressummen".

Die Ärzte in Berlin mästen Heidi weiter. 1984 geben sie ihr in 29 Wochen 2590 Milligramm Oral-Turinabol. Das ist die doppelte Menge an Testosteron, die ein männlicher Körper im gleichen Zeitraum produziert. Heidi Krieger stößt die vier Kilogramm schwere Kugel zum ersten Mal weiter als 20 Meter. Sie wird in Göteborg Dritte bei den Hallen-Europameisterschafen der Senioren.

"verkehrt unterwegs"

1986 findet die Europameisterschaft in Stuttgart statt. Zur Vorbereitung erhält Heidi täglich 25 Milligramm Oral-Turinabol, im Kraftraum wuchtet sie beim Bankdrücken 150 Kilogramm in die Höhe. Kurz vor dem entscheidenden Wettkampf am 26. August gibt der Verbandsarzt ihr noch eine sogenannte Überbrückungsspritze mit Testosteron in den Hintern, das Sexualhormon soll die aufgebaute Kraft konservieren und die Aggressivität steigern.

Vor der Ausreise in die Bundesrepublik muss Heidi Krieger wie vor jeder Reise in Ausland Urin abgeben. Sie stellt die Tests nicht in Frage. "Die Mediziner haben gesagt, sie prüfen, ob wir gesund und fit sind". Tatsächlich haben sie geprüft, ob noch Spuren des Dopings zu finden sind.

Das Finale im Kugelstoßen beginnt am frühen Abend im Stuttgarter Neckar-Stadion. Heidi Krieger wärmt sich eine Stunde vorher auf, wirft sich ein, sie bemerkt, die Kugel fliegt wie von selbst. Im Wettkampf stößt sie die Kugel gleich im ersten Versuch auf 21,10 Meter, sie steigert ihre persönliche Bestmarke um 37 Zentimeter, holt Gold. Erich Honecker schickt um 22:54 Uhr ein Glückwunschtelegramm an die "liebe sportfreundin heidi krieger".

Fünf Pillen täglich - trotzdem nur WM-Vierte

Ihr Körper wird stärker und stärker, er nimmt immer männlichere Formen an. 1987 bewegt Heidi Krieger im Kraftraum in 14 Tagen über 100 Tonnen. Auf dem Flughafen in Wien fragt sie jemanden, wo die Toilette sei. Er schickt sie zum Männer-WC.

1987 nimmt sie täglich fünf Pillen Oral-Turinabol, bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Indianapolis wird sie trotzdem nur Vierte. Muskeln und Knochen können nicht mehr. Heidi Krieger wird nach Leipzig zitiert und für ihre Leistungen gerügt. Sie habe in Amerika "Scheiße gebaut".

Sie trainiert weiter, erreicht aber nie mehr ihr altes Niveau. 1991 beendet sie ihre Karriere, ein Arzt in Rostock rät ihr dringend dazu, sie sei dabei, ihre Wirbelsäule zu ruinieren.

Wann sie die letzte blaue Pille geschluckt hat, kann Heidi Krieger heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, sie weiß nur, dass sie 1988 noch welche bekommen hat.

Ihre Mutter schenkt ihr das Buch "Doping-Dokumente" von Brigitte Berendonk. "Du stehst da drin", sagt Elfriede Krieger zu ihrer Tochter. Und die liest zum ersten Mal etwas über Oral-Turinabol, über Doping, über den Staatsplan 14.25, über "Hormon-Heidi" und "Sportlerin 54". Sie glaubt kein Wort, hält es für üble Propaganda. "Ich war unglaublich naiv", sagt sie heute.

Depressionen und Selbstmordgedanken

1992 zieht sie mit einer Frau zusammen, fühlt sich "heterosexuell zu ihr hingezogen", sagt sie. "Ich hätte sie geheiratet, wenn ich ein Mann gewesen wäre." Heidi Krieger ist überzeugt, sie befindet sich im falschen Körper.

Sie findet sich zunehmend unwohler in ihrer Haut. Heidi Krieger wird depressiv. 1994 lässt sie Wasser in die Badewanne laufen und greift sich eine Rasierklinge. In Gedanken sieht sie schon das Blut aus den Pulsadern fließen. Ihr Hund rettet sie, er kommt ins Badezimmer, stößt sie mit der Nase an, es ist Zeit zum Gassigehen.

Ein Jahr später laden Freunde sie zum Abendessen ein, irgendwann redet man über Transsexualität. Ein Mann sagt zu Heidi, er habe das Gefühl, sie sei "verkehrt unterwegs". Er knöpft sich das Hemd auf und sagt: "Nach einer Operation bleibt nur das da übrig." Auf seiner Brust sind zwei kleine Narben. Heidi Krieger weint, lacht, schreit. "Die Lösung meines Problems stand vor mir."

Ende 1996 besorgt sich Heidi Krieger zwei psychologische Gutachten, die bescheinigen, dass sie ein Mann in einem Frauenkörper ist. Sie überlegt, wie sie als Mann heißen soll. Anders. Andersrum. André? Nein. Andreas. Am 23. Januar 1997 wird die Änderung des Vornamens rechtskräftig, am 7. März lässt sich Krieger in einer vierstündigen Operation die Brüste amputieren, die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernen. Für den Rest seines Lebens bekommt Andreas Krieger alle drei Wochen eine Depotspritze mit Testosteron. Wenn der Hormonspiegel sinkt, wird er launisch, aggressiv.

Kampf gegen Doping

Andreas Krieger bekommt im selben Jahr Post von der Zerv, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, die auch Unrechtstaten des DDR-Sports aufzuklären versucht. Krieger soll als Zeuge aussagen, die Zerv will prüfen, ob die Geschlechtsumwandlung mit den extrem hohen Dosen Anabolika in Zusammenhang steht. Erst jetzt fängt Krieger an zu glauben, dass er systematisch gedopt worden ist. Er liest Berendonks Buch noch einmal, er ruft Werner Franke an: "Liegt es am Doping, dass ich Andreas bin?"

Franke antwortet, eine Vermännlichung auf hormonellem Wege sei bei weiblichen Teenagern möglich, die geschlechtlich nicht eindeutig festgelegt sind, die eine Veranlagung hätten zum männlichen Geschlecht. Später wird er deutlicher: "Das war schon kein Doping mehr, das war eine schwerwiegende sexuelle Transformation."

Andreas Krieger wird 1999 Beirat des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, er stiftet ihm seine Goldmedaille, die er bei der Europameisterschaft 1986 gewonnen hat. Die Medaille wird in eine Plastik eingeschweißt und seit 2000 als Heidi-Krieger-Preis verliehen - an Menschen, die sich im Kampf gegen Doping besonders engagieren.

"Benutzt wie eine Maschine"

Am 30. Mai 2000 sagt Krieger in Berlin vor Gericht aus, im Prozess gegen Manfred Höppner und Manfred Ewald. Er zeigt dem Richter ein Foto, von sich als Heidi: kurze Haare, spitze Nase, kräftiges Kinn. "Sie haben mich benutzt wie eine Maschine", sagt er. Erzählt, dass er seinen Körper gehasst habe.

Andreas Krieger erhält als staatlich anerkanntes Dopingopfer vom Bund eine Entschädigung. Rund 10.000 Euro.

Es gibt ehemalige DDR-Trainer, frühere Funktionäre, die behaupten, sie hätten Heidi Krieger mit den blauen Pillen einen Gefallen getan, weil sie sowieso immer ein Mann werden wollte. "Das ist so, als würde ich einem Menschen das Bein abhaken und danach sagen: Ich wusste, dass sie es schon immer loswerden wollten", sagt Krieger. "Diese Leute haben mir keine Chance gegeben, über mein Leben selbst zu bestimmen."

An einem Sommerabend sitzt Andreas Krieger mit seiner Frau in Magdeburg im Biergarten. Die beiden überlegen, wie sie zusammen mit der Doping-Opfer-Hilfe während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin auf das Schicksal der DDR-Dopingopfer aufmerksam machen können. Sie fordern eine Rente für Dopingopfer, sie wollen vor dem Olympiastadion eine Mahnwache halten, wollen mit dem Internationalen Olympischen Komitee reden und mit dem Internationalen Leichtathletikverband, mit der Welt-Anti-Doping-Agentur, sie wollen eine Pressekonferenz geben, wollen die Heidi-Krieger-Medaille verleihen.

Die WM als Freak-Show

Andreas Krieger guckt sich die WM nicht an, keinen Wettkampf, selbst wenn der Deutsche Leichtathletik-Verband ihn eingeladen hätte.

"Was soll ich da?", fragt er. "Ich will mich nicht vorführen lassen, es gibt keinen Schulterschluss, die Inszenierung mache ich nicht mit." Es geht ihm nicht um Show-Effekte, sondern um die Aufarbeitung von Geschichte.

"Die Weltmeisterschaft ist eine Freak-Show", sagt Krieger. "Vielleicht tue ich ein oder zwei Menschen Unrecht, aber ich denke, ohne Doping kann man nur in ganz wenigen Disziplinen unter die ersten sechs kommen." Er hockt zusammengesunken auf einer Bierbank, er sieht müde aus, seine Frau auch. "Ich habe Mitleid mit den Athleten", sagt Andreas Krieger. "Die Vorbilder von heute, das sind die Patienten von Morgen."

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