Manipulierte Daten Verdacht auf russische Doping-Vertuschung bis Anfang 2019

Dem russischen Sport droht offenbar eine Fortsetzung des seit Jahren andauernden Dopingskandals. Der Chef der russischen Antidopingagentur erhebt im SPIEGEL-Interview schwere Vorwürfe.
Labor der russischen Antidopingagentur in Moskau

Labor der russischen Antidopingagentur in Moskau

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Russland hat womöglich noch Anfang 2019 Daten aus dem Moskauer Dopingkontrolllabor manipuliert. Das sagt der Leiter der russischen Antidopingagentur (Rusada), Jurij Ganus, im Interview mit dem SPIEGEL. "Jemand hat versucht, im großen Ausmaß gezielt Informationen zu vertuschen", sagt Ganus. Der Rusada-Leiter gibt sich fassungslos über den Vorfall: "Es ist, als ob man in einem Auto gesessen und es direkt gegen die Wand gesteuert hätte."

Eine weitere Person mit Kenntnis des Vorgangs bestätigte dem SPIEGEL, dass die Wada derzeit diesem Verdacht nachgehe. Das russische Sportministerium wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.

Im September war bekannt geworden, dass die Welt-Antidopingagentur die Echtheit von Daten anzweifelt, die sie im Januar aus dem Moskauer Labor extrahiert hat. Die Daten stammen aus den Jahren 2012 bis 2015 und sollen der Wada dabei helfen, nachträglich Sportler zu überführen, die von dem russischen Systemdoping profitierten.

"Die schwerste Krise überhaupt"

Laut Rusada-Leiter Ganus sollen die Daten aber bis kurz vor Übergabe an die Wada illegal manipuliert worden sein. "Es geht nicht nur um das, was war, also den Datensatz von 2015, sondern auch darum, wie das Material danach noch verändert wurde", sagt Ganus, "wir sprechen von Monaten, die jüngsten Änderungen stammen aus dem Zeitraum Dezember 2018 und Januar 2019."

Das Ausmaß der Manipulation sei enorm. Ganus: "Die Veränderungen der Daten sind so groß und signifikant, das ist alles kein Zufall." Er spricht von "Tausenden" Änderungen am Datensatz.

Die Wada schickte nach Entdeckung der Auffälligkeiten einen Fragenkatalog an das russische Sportministerium, dieses antwortete am Dienstagabend kurz vor Ablaufen der Frist der Wada. Ganus glaubt nicht daran, dass die Replik aus Russland den Vorfall auflösen kann: "Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie man auf diese Vorwürfe vernünftig antworten kann", sagt der Rusada-Chef. Er glaubt: "Wir erleben die schwerste Krise überhaupt."

Damit droht dem russischen Sport erneut der Ausschluss von der Weltbühne. Erst im September 2018 hatte die Wada die russische Agentur nach einer rund dreijährigen Suspendierung unter Auflagen wieder zugelassen. Eine der Bedingungen: Bis Ende 2018 sollten Wada-Ermittler Zugang zum Moskauer Dopingkontrolllabor erhalten, um verdächtige Proben- und Datensätze konfiszieren zu können.

Ganus sieht Teilnahme an Olympischen Spielen 2020 und 2022 gefährdet

Doch erst im Januar 2019 konnten die Daten aus Moskau sichergestellt werden. Kurz vor Weihnachten war eine Wada-Delegation noch mit leeren Händen aus Russland abgereist - angeblich, weil die Ausrüstung der Ermittler nicht nach russischem Recht zertifiziert war. Stimmen die nun bekannt gewordenen Vorwürfe, könnte der Grund aber ein anderer sein: Die womöglich gezielte Manipulation von Daten war noch nicht abgeschlossen.

Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, muss Russland mit einer harten Strafe rechnen. Jurij Ganus sieht Russlands Teilnahme an Olympia 2020 in Tokio und 2022 in Peking gefährdet: "Die Strafen werden sehr hart ausfallen, weil es nicht das erste Mal ist, dass Russland gegen Regeln verstößt."

Am Dienstag gab die Wada bekannt, bei der Frage nach einer Sanktionierung keinem festen Zeitplan zu folgen. Das Wada-Compliance-Komitee wird dem Exekutivkomitee eine Empfehlung aussprechen, ob und wie Russland bestraft werden könnte. Kommt es zu einer erneuten Suspendierung, dürfte der Fall auch den Weltsportgerichtshof Cas beschäftigen.

Mitarbeit: Alexander Cherynshev
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