Dopingskandale Wie die Tour wirklich sauber wird

Doping? Wir doch nicht! Vor der Tour de France 2008 geben sich Profis und Rennställe geläutert - doch der nächste Dopingskandal kommt bestimmt. Der frühere Radprofi Jörg Jaksche kritisiert die internen Kontrollen der Teams - und erklärt, wie der Radsport wieder glaubwürdig werden kann.

"Die Tour de France 2008 wird die sauberste Tour aller Zeiten!" Das wird in diesen Tagen verdächtig oft behauptet. Auch Erik Zabel hat es in einem Interview gesagt. Ich teile diesen Optimismus nicht.

Sicher, die Tour mag 2008 sauberer sein als vor zehn Jahren. Das darf aber kein Zustand sein, mit dem man sich zufriedengibt. Wir sollten uns also nicht der Illusion hingeben, dass nicht mehr gedopt würde. Die sportlichen Leiter, die damals ihre Leute zu Dopingärzten wie Eufemiano Fuentes geschickt haben und heute noch den gleichen Job machen, werden nicht plötzlich sagen: Hey Leute, jetzt dopen wir nicht mehr! Warum sollten sie das auch tun? Es geht für sie auch um Ansprüche von Sponsoren und damit finanzielle Konsequenzen. Und zudem: Die Dopingdebatte ist in anderen Ländern weit weniger intensiv bis gar nicht geführt worden.

Und war es nicht schon im vergangenen Jahr die sauberste Tour aller Zeiten? Und im Jahr davor auch? Immer so lange, bis wieder vier, fünf Fahrer aufgeflogen sind. Es gibt sicherlich Teams, die auf Doping verzichten. Andere werden nur die Art, wie sie dopen, ein wenig verändern.

Die, die dann auffliegen, sind ja ohnehin meist nur die Dummen, weil sie nicht kapiert haben oder nicht berechnen können, wie lange manche Substanzen oder Praktiken nachzuweisen sind. Die gelten dann als Einzelfälle, über die man den Kopf schüttelt und die mit großer Geste entlassen werden. Dann rollt die Karawane weiter. In jedem Fall: Nach dem Gesetz der Serie müsste es eigentlich wieder einen Dopingfall geben. Auch wenn fast jedes Team inzwischen - zur besseren Eigenkontrolle - ein internes Anti-Doping-Programm aufgelegt hat.

Aber wie soll man diese öffentlichkeitswirksam installierten "Programme" eigentlich bewerten? Als Team bezahle ich jemanden dafür, der mich kontrolliert. Ist der Kontrolleur damit noch unabhängig? Entsteht zwischen den Teams und den Kontrolleuren nicht möglicherweise so etwas wie ein "Stockholm-Syndrom", also das Phänomen, dass sich eine Geisel mit dem Geiselnehmer solidarisiert.

Anders gesagt: Wenn ich dafür bezahlt werde, jemanden zu kontrollieren, sollte ich dann meinen wichtigsten Auftraggeber auffliegen und meine Geldquelle versiegen lassen? Und selbst wenn auf diesem Wege etwas entdeckt wird - wie geht man mit diesem Fund um? Wird der tatsächlich - wenn überhaupt - umgehend und ungefiltert an die Öffentlichkeit gegeben?

Ich wäre als Profi gern für ein Team gestartet, von dem man wusste, dass es den Kampf gegen Doping ernsthaft betreibt. Für ein Team, das einen großen Sponsoren hinter sich weiß, der keinen Druck ausübt, um jeden Preis erfolgreich zu sein. Für ein Team, bei dem man ein ordentliches und sauberes Radfahrerdasein leben kann. Damals gab es solche Teams nicht. Gibt es sie heute?

Ich habe daran meine Zweifel. Ich wäre auch gern jetzt für einen der deutschen - oder bis vor kurzem deutschen - Rennställe gestartet, aber angesichts des Verhaltens mancher Verantwortlicher dort denke ich, dass es mit dem Anti-Doping-Bewusstsein nicht so weit her ist. Und mit der Ehrlichkeit auch nicht. Den Schein aufrechtzuerhalten, ist oft wichtiger.

Da setze ich mehr Hoffnungen auf die externen Kontrolleure bei der Tour de France. Die sind unabhängig, weil sie in diesem Jahr erstmals von der französischen Anti-Doping-Agentur kommen. Aber wir müssen auch hier abwarten, ob die Franzosen dann tatsächlich mit den Ergebnissen so transparent umgehen, wie sie es immer propagieren. Außerdem sind Bluttransfusionen und viele andere leistungssteigernde Substanzen immer noch nicht sicher nachzuweisen.

Dennoch - dass quasi staatliche Stellen die Kontrollen in der Hand haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Dopingproblem wird nicht dadurch gelöst, dass jemand aus dem System beauftragt wird, das System in die Knie zu zwingen.

Ich glaube, dass der Radsport, wenn er Hilfe von außen annimmt, eine Chance hat, wieder aufzublühen. Aber: Der Radsport kocht immer weiter im eigenen Saft. Er will es gar nicht anders. Es sind immer noch die gleichen Leute, die an den Hebeln sitzen. Wenn ich nur daran denke, dass ich in meinen Aussagen manche sportliche Leiter schwer belastet habe, gegen die dann sportrechtlich noch nicht einmal ein Verfahren eingeleitet worden ist. Wie will denn der Radsport wirklich vorankommen, wenn er so unglaubwürdig agiert? Es sind sehr viele Möglichkeiten vergeben worden, externe Hilfe anzunehmen, aber das Dopingsystem kann nur von außen gesprengt werden.

Was bei diesem Verhalten herauskommt, kann man jetzt sehen. Nehmen wir nur die Tour de France: Da gibt es in Deutschland zwei bis vier Stunden Liveübertragung mit der ständigen Namensnennung der Sponsoren. Das geht über drei Wochen lang. Trotzdem gibt es hier erhebliche Probleme für Profiteams, Sponsoren zu finden, die neu in den Radsport einsteigen und ihn als Plattform nutzen wollen. Und diese neuen Kräfte brauchte dieser Sport dringender denn je. Das zeigt deutlich, in welcher bedrohlichen Situation sich der Radsport befindet.

Meine Favoriten für dieses Jahr sind Cadel Evans, Alejandro Valverde und Denis Mentschow. Valverde steht unter dem Verdacht, auch langjähriger Kunde von Fuentes gewesen zu sein, der mich ja auch betreut hat. Evans ist früher für den Rennstall Mapei gefahren, wo laut Patrik Sinkewitz systematisch gedopt wurde - und er soll mit dem berüchtigten Arzt Michéle Ferrari zusammengearbeitet haben. Mal sehen, wie sauber die Tour 2008 wird. Und wie sauber ihr Sieger ist."

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