Spitzensport Dopingstudie belastet angeblich Ex-Innenminister Genscher

Wer hat vom Doping in Westdeutschland gewusst? Nun taucht offenbar der Name Hans-Dietrich Genscher auf, der von Zeitzeugen im Abschlussbericht laut "SZ" belastet wird. Der Report wurde lange zurückgehalten, offiziell aus Datenschutzgründen - was eine vorgeschobene Begründung sein dürfte.
Politiker Genscher (l.), Schmidt (1978): "Das ist mir egal"

Politiker Genscher (l.), Schmidt (1978): "Das ist mir egal"

Foto: A1750 Egon Steiner/ dpa

Hamburg - Das Zitat ist eines mit Sprengkraft in dem vollständigen Abschlussbericht der Studie "Doping in Deutschland". Folgender in dem 800 Seiten umfassenden Bericht zitierte Wortwechsel zwischen einem namentlichen nicht genannten Sportmediziner und einem verantwortlichen Politiker von Anfang der siebziger Jahre liegt der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) nach eigenen Angaben vor: "'Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München' (Austragungsort der Olympischen Spiele 1972 - d. Red.). Da habe ich gesagt: 'Herr Minister: Ein Jahr vorher? Wie sollen wir da noch an Medaillen kommen?' 'Das ist mir egal.'" Wie die "SZ" berichtet, soll es sich bei dem Politiker um den damaligen Bundesinnenminister handeln: Hans-Dietrich Genscher.

Der frühere FDP-Spitzenpolitiker, später als Außenminister weltberühmt geworden, war von 1969 bis 1974 als Innenminister auch für den Sport zuständig. Und er soll in dem rund 800 Seiten umfassenden Abschlussbericht gleich von mehreren Zeitzeugen belastet werden. Diese werfen ihm dem "SZ"-Bericht zufolge vor, von Dopingpraktiken gewusst und sie mindestens geduldet zu haben.

So sagt etwa Ommo Grupe, früher Direktoriumschef des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), das dem Bundesinnenministerium (BMI) unterstellt ist und die Studie in Auftrag gegeben hat: "Einer der damaligen Innenminister hat den Satz geprägt: 'Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten.' Das kann ja als Begründung für ganz vieles herangezogen werden." Auch hier soll der Minister Genscher gemeint sein. Ein Funktionär von damals soll zudem berichtet haben, Genscher habe Medaillen bei Olympia gefordert, "koste es, was es wolle".

Viele brisante Namen aus dem Bericht entfernt

Der 86-Jährige ließ auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage ausrichten, er habe den Bericht erst am Mittwochmorgen erhalten. Er wolle diesen erst studieren, bevor er sich dazu äußert. Derzeit sei, so Genschers Büro, der Aussage vom Sonntag nichts hinzu zu fügen. Auf die Frage, ob Politiker vor den Spielen 1972 Druck auf den deutschen Sport ausgeübt hätten, hatte er der "Bild am Sonntag" gesagt: "Ich wüsste nicht, wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen."

Das BISp hatte den lange zurückgehaltenen Abschlussbericht erst auf Druck der Öffentlichkeit freigegeben und auf seiner Internetseite publiziert - allerdings laut "SZ" eine deutlich gekürzte Version. Rund 680 Seiten fehlen demnach gegenüber dem ursprünglichen Bericht - und mit ihnen angeblich viele brisante Namen. Das BISp hatte zunächst darauf verwiesen, der erste Bericht habe nicht den Datenschutzrichtlinien entsprochen. Nun plötzlich heißt es, die erste Version habe nicht die formalen Anforderungen an einen Abschlussbericht erfüllt.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE hatte am Sonntag ein Sprecher des BMI gesagt, der Bundesdatenschutz-Beauftragte Peter Schaar hatte Bedenken bei der ersten Fassung des Abschlussberichtes gehabt. Allerdings stellte Schaar am Dienstag in seinem Blog  klar, dies sei nicht der Fall gewesen: "In den letzten Tagen geäußerte Vorwürfe, datenschutzrechtliche Bedenken hätten die Veröffentlichung der seit vielen Monaten vorliegenden Studie verzögert oder behindert, kann ich nicht nachvollziehen."

Weiter heißt es bei Schaar, er begreife "den Datenschutz nicht als Decke, die über Versäumnisse der Vergangenheit gebreitet werden darf. Soweit Verantwortliche in amtlicher Funktion, Verbandsvertreter oder Spitzensportler an entsprechenden Doping-Aktivitäten beteiligt waren, verhindert der Datenschutz die Veröffentlichung entsprechender (auch personenbezogener) Forschungsergebnisse nicht."

ham
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