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Dopingurteil zu Ullrich Ein erledigter Fall

Erst Alberto Contador, jetzt Jan Ullrich: Der Internationale Sportgerichtshof hat mit diesen Urteilen den Anti-Doping-Kämpfern wieder Hoffnung gemacht. Für den Ex-Radstar ist der Richterspruch dagegen der Schlusspunkt eines beispiellosen Absturzes - für den er selbst verantwortlich ist.

Soll man Mitleid haben? Jan Ullrich ist vom Internationalen Sportgerichtshof des Dopings für schuldig befunden worden, alle seine Erfolge ab 2005 sind ihm aberkannt worden. Es ist der Endpunkt eines Absturzes, wie ihn ein Sportler in Deutschland noch nicht erlebt hat. Er war ein Volksheld. Jetzt ist er nur noch ein erledigter Fall.

Aber Ullrich ist auch noch viel mehr. Er ist so etwas wie die Symbolfigur einer selbstvergessenen Branche, die in ihren Hochzeiten Ende der neunziger Jahre jedes Maß verloren hatte. Befeuert von einem beispiellosen Hype, dem sich weder die Journalisten noch die Sponsoren entzogen, haben viele im Radsport jedes Mittel für angebracht gehalten.

Ullrich war zu einem nationalen Liebling geworden, sein Team Telekom wurde eine fast staatstragende Institution, umschmeichelt von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, angehimmelt von Millionen. Keiner wollte damals laut nachfragen, wie die Leistungen der Profis zustande gekommen sind, wie die Fahrer es fertigbrachten, noch im Berg bei zwölf Prozent Steigung ihre Tempo-Attacken zu starten. Alle waren berauscht.

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Jan Ullrich: Vom Helden zum Sünder

Foto: A3446 Patrick Seeger/ dpa

Der Rausch ist längst verflogen. Der Profiradsport hat seitdem einen Imageverlust erlitten, der dramatisch ist. Selten ist im deutschen Sport Liebe dermaßen in Enttäuschung umgeschlagen. Mittlerweile stehen in Deutschland Radprofis unter Generalverdacht.

Es ist nachvollziehbar, dass sich gerade junge Fahrer dagegen wehren, von vornherein als potentielle Doper abgestempelt zu werden. Dieser Zustand ist aber nicht den Kritikern dieser Sportart zu verdanken, sondern all den vermeintlichen Helden der Vergangenheit, den Armstrongs, Hamiltons, Virenques und Ullrichs. Sie haben diese Sportart durch ihr Handeln in Misskredit gebracht, sie haben sie an den Rand der Zerstörung gefahren.

Wenn er ehrlich zu sich ist, dürfte Ullrich selbst um seinen Anteil daran wissen. Auch wenn er nach außen hin die Maskerade des Opfers aufrechterhält und sich als unschuldig inszeniert. Sein Standardsatz "Ich habe niemanden betrogen" ist mittlerweile nicht nur ein Bonmot geworden. Es ist angesichts der Realitäten des Profiradsports in den vergangenen Jahren möglicherweise sogar eine wahre Zustandsbeschreibung gewesen. Gemäß der Argumentationskette: Fast alle haben mitgemacht, fast alle haben es gewusst oder zumindest geahnt, aber es wurde geschwiegen und der Schein gewahrt. Also ist auch niemand betrogen worden.

Für die Ullrich-Fans, die es immer noch gibt, ist dies Teil ihrer üblichen Rechtfertigungsstrategie. Ihr Motto: Alle haben gedopt, aber an Ullrich wird ein Exempel statuiert. Dann folgt gemeinhin das nächste Argument: Andere Länder hegen und pflegen ihre Sportidole. In Deutschland werden sie demontiert.

Fakt ist: Contador und Ullrich sind verurteilt

Es mag sein, dass anderswo mit einem Dopingvorwurf laxer umgegangen wird und dass es in Deutschland eine gewisse Mentalität gibt, die einer ungebrochenen Heldenverehrung im Wege steht. Spanien hat beinahe durchweg empört, geradezu fassungslos auf die Dopingsperre ihres Tour-Siegers Alberto Contador durch den Cas reagiert. In den USA gibt es viele Leute, die die Ermittlungen gegen Lance Armstrong als Majestätsbeleidigung empfunden haben. Fakt ist: Contador ist als Dopingsünder verurteilt, Ullrich ist es auch. Die Dopingermittlungen gegen Amstrong laufen weiter, auch wenn in den USA strafrechtlich nichts mehr gegen den siebenfachen Tour-Sieger unternommen wird.

Die Richter haben in Sachen Ullrich für Klarheit gesorgt. So wie sie das zu Wochenbeginn auch in der Causa Contador getan haben. Die Botschaft dieser Woche, wie sie von dem Gerichtshof in Lausanne ausgeht, muss denn auch lauten: Wer dopt, kommt nicht davon. Irgendwann bekommt jeder Athlet seine Strafe - und wenn es Jahre nach dem Karriereende ist wie bei Ullrich. Noch ist man von diesem Ziel weit entfernt. Aber diese Woche hat den Anti-Doping-Kämpfern zumindest wieder ein bisschen Hoffnung machen dürfen.

Der grandiose Tour-Sieg 1997, die Duelle mit Armstrong auf den 21 Kehren von L'Alpe d'Huez - man würde sich als Sportfan so sehr wünschen, dies als unschuldige Erinnerung an Ullrich im Gedächtnis zu behalten. Aber Ullrich wird stattdessen in die Sportgeschichte als Beispiel für eine Radprofi-Generation eingehen, die erst manipulierte und dann nicht in der Lage war, dazu zu stehen, als sie erwischt wurde. Um Sponsorenverträge nicht zu verlieren, um Preisgelder behalten zu können, wurde bestenfalls geschwiegen, schlechterenfalls gelogen.

Spitzensportler, die sich der verbotenen Leistungssteigerung bedient haben, taugen nicht mehr als Vorbilder. Nein, man muss kein Mitleid mit Jan Ullrich haben.

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