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31. Mai 2006, 18:37 Uhr

Dopingverdacht

Streit über Armstrong-Gutachten

Eine Kommission des Radsport-Weltverbandes UCI hat heute den siebenmaligen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong vom Dopingverdacht freigesprochen. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Selbst der Auftraggeber kritisierte das Vorgehen seines Gremiums.

Hamburg - "Das kommt mir seltsam vor", kommentierte Dick Pound, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) den Bericht der UCI-Kommission. Deren Vorsitzender Emile Vrijman hatte zuvor verkündet: "Die Kommission entlastet Armstrong komplett vom Vorwurf, seinen ersten Toursieg 1999 mit Hilfe von Doping errungen zu haben."

Rekordsieger Armstrong: "Voreiliges Vorgehen"
AP

Rekordsieger Armstrong: "Voreiliges Vorgehen"

Diese Anschuldigung hatte die französische Sportzeitung "L'Équipe" im vergangenen Jahr erhoben. Damals hatte das Blatt über sechs aufgetaute und nachträglich untersuchte Urinproben Armstrongs berichtet, die angeblich Spuren des Blutdopingmittels EPO aufwiesen. Die Proben stammten aus dem Jahr 1999, EPO ist jedoch erst seit 2001 nachweisbar. Deshalb sei im Jahr von Armstrongs erstem Toursieg nichts aufgefallen.

Der Radsportweltverband UCI hatte daraufhin die Untersuchungskommission unter Leitung von Vrijman, einem Anwalt aus Amsterdam, eingesetzt. Dieser warf der Wada heute zudem vor, Armstrong mit Schuldzuweisungen in Misskredit gebracht zu haben. Der Betroffene äußerte sich erleichtert: "Der Report beweist meine Unschuld. Er zeigt aber auch, dass Dick Pound zusammen mit dem französischen Labor und Frankreichs Sportministerium die Regeln ignoriert und sie gebrochen hat", sagte Armstrong in einem offiziellen Statement.

Der US-Star wirft seinen Anklägern mangelnde Kooperation mit den Untersuchungsbeauftragten vor. "Ich bin vom Radsport zurückgetreten. Aber im Interesse aller aktiven Athleten ist es wichtig, ein faires Dopingtestsystem zu finden, um diese Art von Attacken zu verhindern, die auch die Glaubwürdigkeit von WADA und des internationalen Anti-Dopingsystems erschüttern", sagte Armstrong.

"Wie kann ein Anwalt die wissenschaftlichen Analysen eines weltweit anerkannten Instituts in Zweifel ziehen", konterte Wada-Chef Pound. "Das Schlimmste, was wir von vornherein erwarteten, ist eingetroffen: Es bestand keinerlei Interesse wirklich herauszufinden, ob die Proben positiv waren." Selbst die UCI kritisierte das "voreilige Vorgehen" Vrijmans, der an die Öffentlichkeit trat, bevor die definitive Version des Reports allen relevanten Stellen vorlag. Der Verband habe die Veröffentlichung mit "großem Erstaunen" vernommen, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme.

hut/dpa/sid

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