Dopingverdächtiger Rasmussen Start frei für den Sünder

Über Michael Rasmussen sind binnen Stunden so viele Anschuldigungen hereingebrochen, dass sich die meisten Beobachter bei der Tour fragen, warum um Himmels Willen er heute noch starten durfte. Doch Weltverband und Veranstalter unternehmen nichts - sie greifen sich lieber gegenseitig an.

Aus Albi berichtet Jörg Schallenberg


Es war kein angenehmer Arbeitstag für Michael Rasmussen, aber ein erfolgreicher. Ein schwieriges Zeitfahren auf regennasser Straße ist so ziemlich das Schlimmste, was sich der Däne vorstellen kann - rein sportlich betrachtet. Bei der Tour 2005 war er beim Rennen gegen die Uhr so nervös, dass er zweimal stürzte und dreimal das Rad wechseln musste. Der zweite Platz im Gesamtklassement war futsch. Dieses Jahr lief es besser: Er bewältigte die 54 Kilometer rund um Albi herum sehr ordentlich, ist weiterhin Erster.

Doch der Verlust des "Maillot Jaune" hätte Rasmussen heute ohnehin am wenigsten interessiert, denn seit dem späten Donnerstagabend sind so viele Anschuldigungen über ihn hereingebrochen, dass sich die meisten Beobachter bei der Tour de France fragen, warum um Himmels Willen der Bergspezialist überhaupt noch starten darf. Vier Verwarnungen soll der 33-Jährige wegen verpasster Dopingtests kassiert haben, dazu kommen noch die Anschuldigungen eines ehemaligen Teamkollegen wegen Blutbeutel-Schmuggels.

Doch bei Rasmussens Rennstall Rabobank läuft alles im gewohnten Ritzel. Die ersten Fahrer des Teams rollen sich ein, die Offiziellen plaudern unter einer vor den Teambus gespannten Zeltplane mit ein paar geladenen Gästen und erwecken den Eindruck, als sei das miese Wetter wesentlich störender als der Rummel um Rasmussen. Fragen nach dem Dänen wurden vor dem Start des Zeitfahrens abgewehrt. "Es gibt nichts Neues", sagt ein Pressesprecher des Teams.

Bei den anderen Teams, zumindest den etwas dopingkritischeren aus Frankreich und Deutschland, löst es völliges Unverständnis aus, dass Rabobank Rasmussen weiter mitfahren lässt. Jean-René Bernaudeau vom Team Bouygues: "Wenn einer meiner Fahrer von seinem nationalen Verband ausgeschlossen würde, wäre er hier nicht mehr am Start." Auch Hans-Michael Holczer von Gerolsteiner und T-Mobile-Teamchef Bob Stapleton machten klar, dass Rasmussen bei ihnen längst suspendiert wäre. "Die Richtlinien sind klar: Rasmussen gehört nicht mehr ins Fahrerfeld", sagt auch T-Mobile-Fahrer Marcus Burghardt.

Eric Boyer, Teamleiter beim französischen Rennstall Cofidis, kritisiert seinen Rabobank-Kollegen Theo de Rooij: "Er hat gezeigt, wie oberflächlich er handelt. Er hat längst gewusst, in welchen Schwierigkeiten Rasmussen steckt, und hat ihn trotzdem für die Tour nominiert." Boyer wirft auch die Frage auf, ob der Weltverband UCI und das Rabobank-Team unter einer Decke stecken. Angesichts der Tatsache, dass die Vorwürfe gegen den Dänen bei der UCI seit längerem bekannt waren, fragt der Franzose in der "L'Equipe": "War das Laxheit oder Komplizenschaft?"

Tourchef Christian Prudhomme verkündete gestern, dass Rasmussen "aus Mangel an Beweisen" starten darf. Vor Gericht wäre das ein Freispruch mit erheblichen Zweifeln. Obwohl erst nach Prudhommes Statement bekannt wurde, dass Rasmussen insgesamt vier Tests (zwei der UCI und zwei des dänischen Verbandes) verpasst hat, sahen sich die Tourveranstalter bisher nicht in der Lage, den Dänen aus dem Wettbewerb zu nehmen. Patrice Clerc, Präsident des Tourveranstalters Amaury Sports Organisation (Aso), räumt zwar ein, dass gegen Rasmussen ermittelt wird, doch ihm fehlen noch die klaren Beweise: "Wie könnten wir jemanden wegen eines Gerüchts ausschließen?" Dieser Meinung ist auch der heutige Etappensieger Alexander Winokurow, der von einer "guten Entscheidung" sprach, Rasmussen weiter fahren zu lassen.

Bei der Aso richtet sich die geballte Wut momentan allerdings nicht gegen Rasmussen, sondern gegen die UCI - weil die "Missed Tests" genau in jenem öffentlichkeitswirksamen Moment bekannt wurden, in dem Rasmussen Gelb trug. UCI-Präsident Patrick McQuaid berichtet in der "L'Equipe" von einem Anruf Prudhommes am späten Abend, bei dem ihn der Tourchef heftig attackiert haben soll: "Er hat mich gefragt, ob ich die Tour de France umbringen will. Ich bin überhaupt nicht zu Wort gekommen. Nach drei oder vier Minuten habe ich dann aufgelegt. Ich erwarte jetzt eine Entschuldigung." McQuaid weist den Verdacht zurück, der Tour schaden zu wollen. Er sieht auch keinen Anlass, von Seiten der UCI gegen Rasmussen vorzugehen: "Es wird kein Verfahren gegen einen Fahrer geben, der bei der Tour startet. Es ist sein Recht zu fahren."

Weil die zuständigen Institutionen zögern, fordert Marc Madiot, Chef des Teams La Française des Jeux, die Journalisten auf, Rasmussen zumindest in den Medien aus dem Rennen zu nehmen: "Er ignoriert die unangemeldeten Kontrollen, also ignoriert Ihr ihn! Kein Bild von ihm darf mehr im Fernsehen oder als Foto zu sehen sein, kein Wort von ihm darf mehr abgedruckt werden."

Diese Strafe allerdings ist noch unwahrscheinlicher als ein hartes Durchgreifen von UCI, Aso oder Rabobank. Und das will einiges heißen.



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