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Dopingverdächtiger Toursieger Das Contador-Desaster

Doping-Gerüchte verfolgen ihn schon seit seinem ersten Tour-Sieg - jetzt wurde im Urin von Alberto Contador tatsächlich das verbotene Mittel Clenbuterol gefunden. Für den Radsport bedeutet das den nächsten Rückschlag. Der Spanier war zuletzt das sportliche Aushängeschild der gebeutelten Sportart.

Am Mittwoch hat Alberto Contador noch ein bemerkenswertes Interview gegeben. In der "Sport Bild" ließ der dreifache Gewinner der Tour de France verlauten: "Dopingfälle sind Vergangenheit. Wir haben harte Kontrollen, zuletzt gab es keine positiven Tests." Ein Satz, der einen Tag später wie Realsatire klingt. Dass der Spanier zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht wusste, dass er bei der Tour im Juli positiv getestet worden ist, mag man sich wirklich nicht vorstellen. Ein überführter Toursieger Contador - für den ramponierten Profiradsport wäre das ein Desaster, von dem sich die Sportart womöglich nicht erholen könnte. Der Spanier selbst wird jetzt von den jahrelangen Gerüchten, die sich um Doping und seine Person ranken, eingeholt.

Contador beteuert seine Unschuld. Den Clenbuterolwert in seinem Urin begründet er damit, dass er wohl etwas Verunreinigtes gegessen haben müsse. Das ist das gängige Erklärungsmuster für Athleten, bei denen der verbotene Wirkstoff festgestellt wurde. Auch der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov, in der Vorwoche auf Clenbuterol positiv getestet, bringt als Erklärung ein, in China unsauberes Fleisch verspeist zu haben. Clenbuterol ist zwar an sich ein Stoff, der zur Asthmabehandlung eingesetzt wird - er wird jedoch seit vielen Jahren und in zahlreichen Ländern auch zur illegalen Kälbermast genutzt. Der Effekt ist bei der Tierzucht derselbe wie beim Doping: Dank Clenbuterol wird Fett ab- und Muskelmasse aufgebaut.

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Radstar Contador: Der nächste Sünder?

Foto: BOGDAN CRISTEL/ REUTERS

Unschuldsbeteuerungen Contadors sind nichts Neues. Seit der heute 27-Jährige in der Weltspitze des Radsports mitfährt, ist Dopingverdacht sein zuverlässiger Begleiter. Contador stand spätestens ab dem Zeitpunkt unter verschärfter Beobachtung, als die Ermittler in Spanien das Kürzel "AC" in der Kundenliste des Dopingarztes Eufemiano Fuentes gefunden haben. Nachzuweisen war ihm allerdings bisher nichts, das heikle Kürzel verschwand irgendwann später auf mysteriöse Weise aus der Kartei.

Die überragenden sportlichen Erfolge Contadors sorgten zudem dafür, dass der Star in den spanischen Medien seit Jahren geschont wird, wenn das Dopingthema aufkommt. Selbst der Sportminister sprach Contador, dem neben Tennisstar Rafael Nadal größten Sporthelden des Landes, das uneingeschränkte Vertrauen aus.

In einer Reihe mit der gesamten Weltelite

Der bei Contador gemessene Wert ist niedrig. Es gibt Experten, die es für möglich halten, dass solche Werte tatsächlich durch Essen aufgenommen werden können. An der vorläufigen Sperre Contadors durch den Radsportweltverband UCI ändert das jedoch erst einmal gar nichts. Wahrscheinlich ist auch, dass man ihm den Toursieg in diesem Jahr aberkennen würde, wenn Contador seine Unschuld nicht beweisen kann - er wäre nach dem US-Amerikaner Floyd Landis 2006 der zweite Fahrer, dem dies widerfährt.

Ein möglicher Dopingsünder Contador stünde in einer Reihe mit nahezu der gesamten Weltelite seiner Sportart der vergangenen 20 Jahre. Marco Pantani, Jan Ullrich, Lance Armstrong, Richard Virenque, Floyd Landis, Bjarne Riis, Tyler Hamilton, Alexander Winokurow, Erik Zabel, Ivan Basso - die Liste der Fahrer, die seit den neunziger Jahren wegen Dopings verdächtigt, überführt oder aus dem Verkehr gezogen wurden, ist das Who is Who des internationalen Radsports. Dass annähernd die komplette Rad-Weltspitze dopingverseucht ist - das unterscheidet diese Sportart signifikant von anderen Disziplinen wie dem Nordischen Skisport oder der Leichtathletik, in denen immer wieder mal einzelne Sünder auffliegen.

Sollte sich der Verdacht gegen Contador bestätigen, wären zudem all die Bemühungen um einen sauberen Radsport ad absurdum geführt. Wieder einmal.

Positive Probe vor der Königsetappe

Die positive A-Probe wurde am 21. Juli genommen, einen Tag bevor Contador die entscheidende Attacke seines Herausforderers Andy Schleck in den Pyrenäen konterte. Dass das Ergebnis erst zwei Monate später und nach Absicherung durch die B-Probe öffentlich wurde, ist zwar kein einmaliger Fall, aber durchaus ungebräuchlich. Das spricht sehr dafür, dass hinter den Kulissen zwischen Dopingfahndern und UCI heftig und über einen längeren Zeitraum diskutiert wurde, wie mit der Causa Contador umzugehen sei.

Es geht hier schließlich nicht um irgendeinen nachrangigen Dopingfall aus dem Peloton. Es geht um den Dominator des Profiradsports, den Mann, der die Tour in den vergangenen Jahren beherrscht hat, der zudem gerade erst einen millionenschweren Vertrag bei seinem künftigen Rennstall Saxo Bank unterschrieben hat. Bei dem Team, das von dem Dänen Bjarne Riis geführt wird. Riis hatte 1996 die Tour gewonnen und war später als Dopingsünder aufgeflogen. Im Unterschied zu Landis durfte er allerdings seinen Toursieg behalten.

Plötzlich erscheint auch Contadors Verzicht auf einen Start bei der Rad-WM, die zurzeit in Australien ausgetragen wird, in einem neuen Licht. Der Spanier hatte die WM Anfang September kurzfristig aus seiner Jahresplanung gestrichen. Man kann vermuten, dass Contador zu diesem Zeitpunkt bereits über die positive Urinprobe informiert war und ihm womöglich nahegelegt wurde, die Saison vorzeitig zu beenden.

Offiziell hatte Contador mitteilen lassen, er verzichte auf die WM, um sich für die kommende Saison schonen zu wollen. Wahrscheinlich kann er sich jetzt sehr lange schonen.