Dopingvorwürfe gegen Armstrong "Eigenartige Kampagne"

Wieder einmal steht der siebenmalige Toursieger Lance Armstrong unter Dopingverdacht. In einer Urinprobe aus dem Jahr 1999 hat ein französisches Labor Epo gefunden, berichtet die französische Sportzeitung "L'Equipe". Deutsche Dopingexperten sehen aber schwere Verfahrensfehler.

Paris - Sechs Jahre nach Armstrongs erstem Triumph bei der Tour habe die Untersuchung tiefgefrorener Urinproben des US-Radprofis in einem französischen Labor die Anwendung der verbotenen Blutdoping-Substanz Erythropoietin (Epo) ergeben, berichtet die "L'Equipe" heute.

Experten des nationalen Doping-Labors in Châtenay-Malabry bei Paris hätten die alten Urinproben von damals noch einmal untersucht, so die Zeitung weiter. Damals seien die Nachweismethoden für Epo noch nicht so weit entwickelt gewesen. Die moderneren Methoden hätten in sechs verschiedenen Proben des Champions Epo nachgewiesen. Das Epo-Hormon erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, so dass das Blut mehr Sauerstoff aufnimmt.

Armstrong wies die Vorwürfe zurück: "Ich habe niemals leistungssteigernde Mittel genommen. Das ist purer Skandaljournalismus der L'Equipe", erklärte der Texaner auf seiner Internet-Seite. Er sprach von einer Hexenjagd gegen ihn. Der 33-Jährige hatte im Juli nach seinem siebten Tour-Sieg seine Radsportkarriere beendet.

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Der Geschäftsführer der Nationalen-Anti-Doping-Agentur Deutschland (Nada), Dr. Roland Augustin, warnt, voreilige Schlüsse zu ziehen. "Ich traue dem Braten noch nicht", sagte Augustin SPIEGEL ONLINE. In einem möglichen Dopingfall müssten festgelegte Regularien eingehalten werden, nach denen zuerst der jeweilige Verband des betroffenen Athleten informiert werden müsse, der wiederum dann den Sportler selbst über ein positives Ergebnis einer Probe in Kenntnis setzt. "Bis dahin gilt für alle: Mund halten", betont Augustin.

Zudem müsse geprüft werden, so der Doping-Experte, ob die besagte Probe Armstrongs nach sechs Jahren Lagerzeit noch verwendbar gewesen sei. "Es gibt schließlich biologische Prozesse." Allerdings sieht der Wada-Code vor, dass eine Probe acht Jahre aufbewahrt werden darf.

Zweifel an der Qualität der Urinprobe

Auch Professor Klaus Müller, Leiter des Instituts für Dopinganalytik in Kreischa, hält die Qualität einer sechs Jahre alten Urinprobe zumindest für zweifelhaft. "Urin ist instabil, daher kann es ja auch schon Unterschiede zwischen einer A- und einer B-Probe geben", sagte der Experte SPIEGEL ONLINE. Dass aber Proben über einen längeren Zeitraum gelagert werden, ist offenbar nicht unüblich. Müller spricht hier von Rückstellproben, die aufbewahrt würden, wenn ein Test unbefriedigende Ergebnisse geliefert hat.

Folgt man dieser Logik, dann liegt der Schluss nahe, dass bei der 1999 untersuchten Urinprobe Armstrongs tatsächlich Zweifel an der Sauberkeit des Amerikaners aufgekommen sein können. Aber mangels eines stabilen Epo-Testverfahrens per Urinuntersuchung konnte damals noch keine Eindeutigkeit erzielt werden.

Dieses Testverfahren liegt aber seit einiger Zeit vor - entwickelt vom Franzosen Jaqcues de Ceaurriz. Auch in Kreischa werde dieser Urin-Test angewandt, um Epo nachzuweisen, so Professor Müller. "Das ist keine unseriöse Methode", betont der Experte. Ihn irritiert nur die Vorgehensweise des französischen Labors, das Ergebnis der Probe zuerst einer Zeitung mitzuteilen. "Ich hätte es in einem solchen Fall zuerst mit der Wada geklärt."

Rufschädigung für das Labor befürchtet

Die Vorgehensweise bei Armstrongs Probe bezeichnete Müller als "eigenartige Kampagne": Selbst wenn der Urin nur aus wissenschaftlichen Zwecken untersucht werde, habe das anonym zu geschehen. Ob der Ruf seines französischen Kollegen nun Schaden nehmen könnte, wisse Müller nicht. "Ich will es aber auch nicht ausschließen". Der Dopingexperte geht davon aus, dass die Wada nun aktiv wird, um den Fall zu ermitteln - auch wenn die Untersuchung in Frankreich kein offizieller Dopingtest war.

Jaqcues de Ceaurriz erklärte indes, es bestehe kein Zweifel an den Resultaten der Dopingproben, auch wenn der Urin bereits sechs Jahre vor Durchführung der Tests entnommen worden seien. Gleichzeitig erläuterte Ceaurriz jedoch, dass Armstrong auf Grundlage der neuen Tests keine Sanktionen zu befürchten habe. "Die Tests wurden im Rahmen wissenschaftlicher Forschungsarbeiten durchgeführt. Wir haben die Proben wie immer anonym ausgewertet. Der rein experimentelle Charakter des Tests und die Tatsache, dass es keine Möglichkeit zu einem Gegengutachten gibt, lassen jedoch keine Möglichkeit, die Fahrer aufgrund unserer Ergebnisse zu sanktionieren", sagte der Wissenschaftler.

"L'Equipe" verweist aber darauf, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) juristische Schritte einleiten könnte. Nach dem Bericht der Sportzeitung soll Armstrong nicht der einzige Fahrer mit Positivtests bei der Tour vor sechs Jahren gewesen sein. Insgesamt liegen zwölf positive Ergebnisse vor. Weitere Namen wurden jedoch nicht genannt.

Steffen Gerth

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