DOSB-Aktionsplan Gegen den Sport

Mehr Aktionismus, weniger Aktion: Der vom Deutschen Olympischen Sportbund verabschiedete Plan ist kein Fortschritt im Kampf gegen Doping. DOSB-Boss Bach hat sich erst einmal gegen staatliche Eingriffe durchgesetzt. Macht ihm die Politik einen Strich durch die Rechnung?


Zunächst muss ein Irrtum aus der Welt geschafft werden. Doping macht den Sport nicht kaputt. Unerlaubte Leistungssteigerung schadet vielmehr der Gesundheit des sich dopenden Athleten. Der moderne Hochleistungssport leidet lediglich darunter, wenn über Doping allzu viel und offen geredet wird. Das weiß auch Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Deshalb dürfte ihm das bald zu Ende gehende Jahr auch nicht gefallen haben.

DOSB-Präsident Bach: Den IOC-Thron im Blick
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DOSB-Präsident Bach: Den IOC-Thron im Blick

Es gab etliche Affären, mittendrin deutsche Topsportler. Da war der Radfahrer Jan Ullrich, der, stark des Dopings verdächtigt, nicht bei der Tour de France 2006 starten durfte und später vom Team T-Mobile gefeuert wurde. Und es gab, um nur einen weiteren prominenten Fall zu nennen, den Leichtathletik-Coach Thomas Springstein. Der wurde wegen der Weitergabe von Dopingmitteln an Minderjährige verurteilt. Es wurde intensiv über die Verfehlungen der Sportler und Betreuer debattiert, einige forderten die Verabschiedung eines Anti-Doping-Gesetzes. Aber Diskussionen in der Öffentlichkeit, zumal solche über die Notwendigkeit staatlicher Intervention im Sport-System, mag Bach nicht. Da ist dem Vizepräsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) das Risiko zu groß, die Kontrolle zu verlieren.

Auf der gestrigen Hauptversammlung des DOSB in Weimar ist Bach deshalb wieder vorgeprescht. Die Verabschiedung des Aktionsplans gegen Dopingmit einer Mehrheit von 93,7 Prozent ist für den 52-jährigen Wirtschaftsanwalt auch ein politisches Signal. Wir haben das im Griff, will der Mann mit dem FDP-Parteibuch sagen. Und an die Gegner des Gesetzes ("Wir lassen uns nicht erpressen") gerichtet: Seid mit dem zufrieden, was wir euch anbieten! Lasst uns über die angenehmen Seiten des Sports reden! Vergesst Spritzen und Tabletten, wir brauchen Sieger und Rekorde!

So einfach ist es aber nicht. Zum einen kann in der Debatte über Bestleistungen im Sport die Dopingfrage schon lange nicht mehr ausgeklammert werden. Zum anderen hat der verabschiedete Aktionsplan keineswegs das Potenzial, das Dopingproblem in Deutschland von der Wurzel her zu packen. Der DOSB will unter anderem den Zuschuss an die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) auf nunmehr 520.000 Euro verdoppeln. In erster Linie zur Finanzierung einer höheren Kontrolldichte. Ein Zeichen für die Öffentlichkeit, in der Praxis jedoch irrelevant.

Wirkungslosigkeit der Dopingkontrollen

Wer Hightech-Doping professionell betreibt, wird bei Kontrollen, auch unangemeldeten, nicht erwischt. Das passiert nur denjenigen, die nicht vorsichtig genug sind, den Doping-Deppen also. Wenige Minuten Vorwarnzeit reichen Dopern inzwischen, um beispielsweise mit Hilfe von Fremdurin, den sie sich in die eigene Blase injizieren, die Kontrolleure zu täuschen (Blutproben werden nur im Wettkampf genommen). Hinzu kommen Methoden (etwa Eigenbluttransfusionen) und Substanzen (beispielsweise Wachstumshormone), die schlichtweg nicht nachzuweisen sind.

Die Affären der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass nur dann wirksame Erfolge im Anti-Dopingkampf verbucht werden konnten, wenn staatliche Institutionen die Initiative ergriffen. Den Skandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, in dessen Folge Ullrich seinen Job bei T-Mobile verlor, brachte die Staatsanwaltschaft Madrid ins Rollen. Im Fall des Leichtathletik-Trainers Springstein waren es ordentliche Gerichte, die ermittelten.

Bach und dem DOSB fehlt diese Einsicht. Doch dopende Sportler sind heutzutage nicht Opfer des Systems, wie einst minderjährige Sportler in der DDR. Sie sind Täter, die dafür zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Doch Bach und Co. sind dagegen, dass bereits der Besitz von Dopingmitteln ein Straftatbestand sein soll (derzeit sind es nur Handel und Weitergabe). Sportler sollen auch in Zukunft lediglich den Sportgerichten unterstehen. Der DOSB-Aktionsplan macht deutlich: Der Sport gleicht einem Süchtigen, der sich seiner Abhängigkeit zwar bewusst ist, die nötige Entziehungskur jedoch ablehnt.

Für den Lobbyisten Bach, der seit langem darauf hinarbeitet, IOC-Präsident zu werden, wäre es ein Horrorszenario: Gerichtsverfahren gegen Sportler im Monatsrhythmus. Die Daseinsberechtigung ganzer Sportarten wäre gefährdet, Sponsoren würden sich zurückziehen. So hilft das DOSB-Manifest in erster Linie Bach, gegenüber dem ehrlichen Sport ist es ein Affront.

Bach und dessen Mitstreiter, darunter auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, können jetzt nur noch von der Bundespolitik gestoppt werden. Die Verabschiedung eines Anti-Doping-Gesetzes inklusive Besitzstrafbarkeit würde die Sportfunktionäre ausbremsen. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat jedoch kürzlich verlauten lassen, er stelle sich nicht gegen den Sport. Aus seinem Ministerium sind jedoch andere Stimmen zu hören. Noch ist offen, wer sich am Ende durchsetzt. Derzeit sind aber Bach und Co. im Vorteil.



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