DTB-Vizepräsident Steeb "Wir sind nicht modern genug aufgestellt"

Seit der Ära von Boris Becker und Michael Stich hat das deutsche Tennis keinen Weltklassespieler hervorgebracht. Carl-Uwe Steeb, Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, spricht im Interview über die Gründe, Perspektiven in der Jugendförderung und Probleme im Davis-Cup-Team.

dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Steeb, vorige Woche hat der Sponsor des Davis-Cup-Teams, die Lebensversicherung Atlanticlux, seinen Vertrag fristlos gekündigt. Wie konnte das passieren?

Steeb: Das ist ein Vorgang, über den wir alle beim Deutschen Tennis Bund nicht glücklich sind. Der Vertrag mit Atlanticlux läuft noch für das Jahr 2013 und am liebsten würde ihn unsere Marketingabteilung sogar ausbauen. Deshalb ist der DTB bemüht, die Unstimmigkeiten schnellstmöglich zu klären.

SPIEGEL ONLINE: Das Davis-Cup-Team gehört auch aus sportlicher Sicht zu den Problemfeldern des DTB. Zwar konnte der Abstieg aus der Weltgruppe knapp vermieden werden, aber einen deutschen Weltklasse-Profi gibt es schon lange nicht mehr. Können Sie uns Hoffnung machen für die Zukunft?

Steeb: Um Weltklassespieler hervorzubringen, sind wir derzeit nicht gut und nicht modern genug aufgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Steeb: Die Kombination zwischen Schulausbildung und professionellem Training unserer Topkader müssen wir verbessern. Es ist wichtig, dass wir unsere 18 Landesverbände als Kaderschmieden noch besser nutzen und unterstützen. Ebenso müssen wir die junge Generation über die modernen Kommunikationswege erreichen, etwa die sozialen Netzwerke.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist Tennis bei Jugendlichen einfach uncool?

Steeb: Glaube ich nicht. Wenn die Kinder in den Clubs auf einen engagierten Trainer treffen und Spaß haben, dann bleiben sie auch dabei. Wahr ist aber, dass wir mit neuen Sportarten konkurrieren, Skateboarden, Mountainbiken zum Beispiel - und dass Tennis sehr schwierig zu erlernen ist. Man kommt nicht so leicht auf ein höheres Niveau.

SPIEGEL ONLINE: Es fehlt die Gier nach Erfolg, die Ihre Generation, zu der auch Boris Becker und Steffi Graf gehörten, ausgezeichnet hat?

Steeb: Es fehlt vor allem an Geld, damit unser Nachwuchs von geeigneten Trainern kontinuierlich betreut wird. Der französische Verband zum Beispiel leistet sich zehn Trainer, alles ehemalige Spitzenspieler, die sich exklusiv um ein, maximal zwei Talente kümmern. Wenn ein 13-, 14-Jähriger hochbegabt ist, müssen wir ihm auch die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Unsere Jugendlichen kommen aber niemals auf die Trainingsumfänge, die international üblich sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Trainingsstunden pro Woche halten Sie denn für einen 14-Jährigen für nötig?

Steeb: Unsere Talente kommen vielleicht auf 10 Stunden, aber sie bräuchten wahrscheinlich 20 pro Woche. Wir brauchen Leistungszentren mit Partnerschulen, von denen wir derzeit aber nur zwei, drei in Deutschland haben. Wir wollen aber auch nicht, dass die Kinder frühzeitig von der Schule gehen. In den Ländern, mit denen wir konkurrieren, ist das aber Standard.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Ländern?

Steeb: In sämtlichen Ostblockländern und im asiatischen Raum. Die machen Fernschulen, reisen mit einem Lehrer oder brechen die Schule komplett ab. Die setzen voll auf die Karte Tennis. Das wollen wir nicht. Deshalb müssen wir Konzepte entwickeln, in denen sich Abitur und die Vorbereitung auf eine Profikarriere nicht ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Tennis in den Medien derart nachrangig behandelt wird: Wie wollen Sie dann die Menschen für das Thema gewinnen? Die Zahl der DTB-Mitglieder ist jetzt auf dem Stand der Vor-Becker-Ära.

Steeb: Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Belebung der Tennisclubs. Und die beginnt nicht beim Tennistrainer, sondern bei der Infrastruktur: Wenn jemand heute irgendwo hingeht zum Sport, ob ins Fitnessstudio oder in die Anlage eines Trendsports, dann ist da alles nagelneu und modern, von den Duschen bis zur Gastronomie. Dagegen hatten viele Tennisclubs in den letzten Jahren kaum noch Geld zum Investieren - und haben die Anmutung von vor 10 oder 20 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Na ja, eher von vor 40 Jahren.

Steeb: Ich weiß, ich wollte es nett ausdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Viele Sportverbände gleichen die negative demografische Entwicklung dadurch aus, dass sie Einwandererkinder in die Vereine bringen. Wieso gelingt das dem Tennis kaum?

Steeb: Seien wir ehrlich: Die Barrieren sind zu hoch. Kinder aus Migrationsfamilien führt das Leben normalerweise nicht in einen Tennisclub. Das kann man aber ändern, durch Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen, oder etwa indem ein Club einmal pro Woche zum Training einlädt, speziell für Jugendliche aus solchen Familien. Wenn man heute die Fußball-Nationalmannschaft sieht mit all den Özils, Khediras oder Podolskis, dann sind wir beim Tennis davon weit entfernt. Aber es muss unser Ziel sein, das zu ändern.

Das Interview führte Alfred Weinzierl



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magicmat 30.10.2012
1. Es fehlt vor allem das Geld...
Aber nicht an der Stelle wo Herr Steeb es bemängelt, sondern viel eher in der breiten Basis. Nach wie vor kostet Tennis für Kinder mit gescheitem Training viel Geld. Zu Zeiten des Becker-Booms haben da die Vereine dank der explodierenden Mitgliedszahlen einen großen Beitrag leisten können. Bis zu einer Förderung des Bezirks oder gar Verbands ist es nämlich ein weiter Weg. Nicht zuletzt daher ist der abschließende Vergleich mit Fußball völlig weltfremd.
ambergris 30.10.2012
2.
Zitat von sysopdapdSeit der Ära von Boris Becker und Michael Stich hat das deutsche Tennis keinen Weltklassespieler hervorgebracht. Carl-Uwe-Steeb, Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, spricht im Interview über die Gründe, Perspektiven in der Jugendförderung und Probleme im Daviscup-Team. http://www.spiegel.de/sport/sonst/dtb-vizepraesident-steeb-im-interview-a-864122.html
Also das stimmt doch nicht, das mit den Weltklassespielern. Mit Haas, Schüttler und Kiefer gab es seitdem 3 Männer die es in die Top Ten geschafft haben. Bei den Damen waren es Grönefeld, Kerber und einige in den Top Zwanzig. Sooo schlimm ist es jetzt nun nicht.
Sternzwerg 30.10.2012
3.
Ich frage mich immer, wieso sich keiner der Großen aus der Vergangenheit (Stich, Graf etc) nicht in das System hat eingliedern lassen, um zB Jugendliche zu trainieren. Ich befürchte, es lag und liegt auch ab den Funktionären. Steeb hat aber auch völlig recht damit, dass Tennisclubs zT ein sehr ältliches Flair verbreiten, was Einsteiger abschrecken könnte.
ediz 30.10.2012
4. Hauptgrund
Zitat von sysopdapdSeit der Ära von Boris Becker und Michael Stich hat das deutsche Tennis keinen Weltklassespieler hervorgebracht. Carl-Uwe-Steeb, Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, spricht im Interview über die Gründe, Perspektiven in der Jugendförderung und Probleme im Daviscup-Team. http://www.spiegel.de/sport/sonst/dtb-vizepraesident-steeb-im-interview-a-864122.html
Man vergisst nur dass die heutige Jugendliche schneller Geld zu verdienen beabsichtigen. Tennis ist eine Sportart dass man erst mit vier Jahre zu trainieren beginnen muss. Jemand aus der Familienkreis,der früher Tennis gespielt hat, waere auch einen Grund dafür,die Kinder sich mit Tennis bekanntzumachen. Steffi Graf ist eine sehr beeindrucksvoller Beispiel dafür, dass sie erst mit vier jahre mit Unterstützung ihres Vaters,Tennis gelernt und dann nach langen Jahren eine Weltstar geworden ist. Ausserdem damals gab es viele Tennisclubs,die durch die Erfolge von Boris Becker,Steffi Graf neue Mitglieder gefunden haben und Geld verdient haben.Man braucht immer gute Musterspieler/innen ,die Star geworden sind,um mit Tennis zu beschaeftigen.
couprevers 30.10.2012
5. Dem Tennis..
.fehlt der Nachwuchs. Kinder haben kaum noch die Zeit und die Unterstützung um einen so anspruchsvollen Sport zu lernen. Und dann ist da noch die Härte. Diese Duell Situation im Tennis ist für die meisten eher abschreckend. Also wird Tennis in den Clubs oft so praktiziert: Schleifchenturnier in trinkfester Seniorenrunde. Das lockt natürlich auch nicht gerade die sportliche Jugend an. Fast alle Kinder/Jugendlichen hören in dem Moment auf Tennis zu spielen in dem sie nicht mehr von Mama zu der vom Club geförderten Trainerstunde gefahren werden. Tennis ist momentan out. Da kann der DTB auch nichts dafür. Die deutschen Tennisspieler aber sind doch ganz gut. Man kann sich keine GrandSlam Sieger backen. Ich kann Tennis aber nur empfehlen. Ein guter Tennisspieler kann sportlich fast alles. Auch auf der mentalen Seite des Sports.
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