Bundestagsanhörung zu E-Sport Gewaltenteilung

Politik und Verbände versuchen gerade, E-Sport in gute und böse Spiele zu trennen. Dabei scheint für viele die Simulation von Gewalt schlimmer zu sein als reale Gewalt.

Screenshot aus dem Spiel "Counter-Strike: Global Offensive"
Medienagentur plassma

Screenshot aus dem Spiel "Counter-Strike: Global Offensive"

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Was ist "Tötungsabsicht"? Das war eine der zentralen Fragen, die in der Anhörung des Sportausschusses des Bundestags zur "Entwicklung des E-Sports in Deutschland" diskutiert wurde. Vertreter und Vertreterinnen der Parteien diskutierten mit verschiedenen Verbänden darüber, ob E-Sport förderungswürdig und gemeinnützig sei. Dabei zeigte sich vor allem, dass es keine überzeugende Abgrenzung des traditionellen Sports vom wettbewerbsmäßig betriebenen Gaming gibt.

Der Deutsche Olympische Sportbund, Dachverband des organisierten Sports in Deutschland, versucht sich in der Debatte trotzdem genau daran. Anders als etwa in Dänemark, wo der Staat jede Form von E-Sport schon in der Schule fördert, lehnte es für Deutschland die DOSB-Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker ab, E-Sport überhaupt als eigene Disziplin anzuerkennen. Stattdessen sollen die 62 Einzelverbände des DOSB die virtuellen Varianten ihrer Sportarten je individuell fördern, womit Games wie "Fifa" oder "Pro Evolution Soccer" zu einer Art Trainingsmittel für den echten Fußball degradiert würden.

Alle Spiele, die nicht direkt einen bestehenden Sport nachahmten, sind demnach überhaupt nicht förderungswürdig. Insbesondere die Simulation von Gewalt galt vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als nicht akzeptabel. So sagte der Abgeordnete Marcel Klinge, der für die FDP im Sportausschuss sitzt: Wenn die Zuschauer in der Halle jubelten, wenn im Spiel jemandem in den Kopf geschossen würde, dann sei das mit seinem "persönlichen Wertegerüst" nicht vereinbar.

Boxen? Fechten?

Die Menschen jubeln allerdings auch beim Boxen, wenn ein Kämpfer bewusstlos geschlagen wird. Mit dem Unterschied, dass in diesem Fall wirklich ein Mensch verletzt wird und möglicherweise nachhaltige Schäden davonträgt. Nun kann man beim Boxsport sicher nicht von der vielzitierten "Tötungsabsicht" sprechen, die bestimmte Games vermeintlich auszeichne. Diese Tötungsabsicht ist jedoch im E-Sport rein virtuell, weshalb der Vergleich mit dem Fechtsport im Ausschuss zur Sprache kam.

Hier wird es in der Tat schwierig, die Grenze aufrechtzuerhalten. Fechten ist in der Tat nichts anderes als simulierter Kampf auf Leben und Tod. Der wesentliche Grund, das für akzeptabel zu halten, "Counter-Strike" aber nicht, besteht darin, dass man es gewohnt ist, dass das eine in der Sportschau zu sehen ist und das andere lediglich auf Twitch.

Nun ist es insgesamt keine Überlebensfrage für den E-Sport, ob er von deutschen Sportverbänden anerkannt wird oder nicht. Die attestierte Gemeinnützigkeit (mit der steuerliche Vorteile und Fördergelder verbunden sind) ist sicher attraktiv für die Gamer. Aber noch attraktiver sind die überwiegend sehr jungen Menschen, die E-Sport betreiben, für die Verbände.

Diese jungen Menschen spielen ohnehin "Fortnite" oder "League of Legends". Die Attraktivität dieser Spiele ergibt sich nicht daraus, dass 50-jährige Verbandsfunktionäre sie für pädagogisch wertvoll erklären. Man kann glauben, als "Wertedebatten" getarnte Versuche, diese gesellschaftliche Realität zu verleugnen, seien dazu geeignet, Kids auf den Sportplatz zu bekommen. Man kann allerdings auch glauben, dass der Verzicht auf Sexualerziehung dazu geeignet ist, Teenager-Schwangerschaften zu verhindern.

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AufJedenFall 20.02.2019
1.
Die Counter-Strike E-Sport Szene ist wahrscheinlich die beste E-Sport Szene überhaupt. Viel Tradition (für ein PC Spiel), eine natürlich gewachsene Szene mit Nachwuchsmannschaften und Turnieren und Ligen in allen Bereichen: von Amateuren über Halbprofis bis Vollprofis. Zur Gewalt: Wenn ich am Wochenende zum Kreisligafussballspiel gehe, ist es dort viel aggressiver als bei einem CS Turnier, alleine wie die Schiedsrichter angegangen werden, das traut sich kein E-Sport Profi. Aber wie der Autor schon richtig geschrieben hat: Es ist halt wohl schwer für einen Außenstehenden zu begreifen, dass der "Mord" im Spiel absolut abstrakt ist. Ich kenne keinen CS Spieler den es ums töten seiner Gegenspieler geht. Die gezeigt Gewalt wird nicht als Gewalt empfunden, weil diese eben nur Mittel ist, die Runde zu gewinnen. Weil es auch eigentlich keine Gewalt ist, sondern nur Pixel die andere Pixel bepixeln. Es geht nie um die Gewalt sondern nur um die Fähigkeiten des Spielers, die Taktiken und dem Teamwork. Dass die Spielfigur eine Waffe in der Hand trägt spielt gar keine Rolle. Der Fussballer denkt auch nich darüber nach, welche "Gewalt" er den Ball angetan hat, weil er ihn mit voller Wucht getreten hat. Aber wie gesagt, das ist wohl schwer zu verstehen, dass das erstmal offensichtliche, nämlich das Erschießen von anderen, komplett in den Hintergrund gerät. Da muss man einfach mal selbst Erfahrungen gesammelt haben. Und für alle die in die E-Sport Szene eintauchen wollen: Jetzt momentan läuft das CS Major Turnier in Katowice, reinschauen lohnt sich sicherlich. Es wird auch auf deutsch übertragen.
DrStrang3love 20.02.2019
2.
Die Wahrheit ist, dass unsere Politiker und Entscheidungsträger seit Becksteins "Killerspiel"-Debatte vor jetzt fast genau 20 Jahren praktisch kein Stück weitergekommen sind.
wittchen2000 20.02.2019
3. Die Gewalt muss garnicht sein
Was mit Computerspielen in den letzten 25 jahren passiert ist ist eine reine Tragödie. In den 80ern waren die Spiele sehr vielfältig, dann kam Doom/Wolfenstein 3D und das Genre "Ultrabrutale 3D Schießbude mit atemberaubend realistischer/aufwändiger Grafik" war geboren. Seitdem hat sich an "dem Spiel" kaum etwas geändert, nur die Grafik wurde halt immer aufwändiger und verschiedene Spielelemente wurden unterscheidlich betont. Assassin's Creed hat schließlich das ganze Rennaissance-Italien fotorealistisch Simuliert nur damit der Spieler wieder amoklaufen kann. Das ganze ist eine unglaubliche Tragödie! Die Menschen sind eigentlich viel besser. Die ganze Gewalt, die ganze Schusswaffensimulation, der ganze immergleiche virtuelle Amoklauf... es muss alles überhaupt nicht sein. Wann wird die Spieleindustrie es endlich kapieren? Wann wachen die Spiele die die Spieleindustrie entwirft aus aus ihrem kreativen/cognitiven/lahmen Winterschlaf auf?
m82arcel 20.02.2019
4.
Ich bin mir nicht sicher, ob es für den E-Sport als jugendgeprägte Kulturform überhaupt erstrebenswert ist, sich aufgeblähten, trägen Organisationen unterzuordnen, die von Menschen geführt werden, die von der Materie keine Ahnung haben. Schneller, als manch einer den Begriff 'Funktionär' buchstabieren kann, haben sich die Leute ohnehin dem nächsten Spiel zugewandt, während sich besagte Funktionäre noch über die Regelauslegung in FIFA '09 streiten. Und ja, virtuelle Gewalt ist in solchen Kreisen (entgegen aller Forschung) natürlich ganz böse, während insbesondere das genannte Fechten, aber auch das Schießen natürlich hoch gelobte, olympische Disziplinen sind.
Onkel Drops 20.02.2019
5. fiktiv gefährlich halt - reale Todeszahlen und fehlende Verletzte
besteht ein Handlungsbedarf? nicht mal ansatzweise! Spiele dürfen eins nicht sein Kunst und Spaß, Team Geist ist auch Mist. wir sind"nicht tödlich" und wo geballert wird darf man bei uns erst ab 18 rein. Gewinner kriegen Preisgelder statt Orden und Verlierer kommen nicht im Sarg heim ! Politiker sind schön, stark und mutig ... einmal ausgerichtet stürmen sie vorwärts. knallen schön vor die Realitätsmauer, prallen dabei stark ab, um mutig wieder Anlauf zu nehmen. alles über 8 bit ist nicht Politiker kompatibel momentan, da gibt es wichtigeres zu regeln. jagt die Steuer Betrüger mit virtuellen Aktien und realem Schaden fürs Allgemeinwohl. nervt wen der es verdient!!!
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