Edelhelfer Winokurow Türkis statt Magenta

Er sei der Chauffeur von Jan Ullrich, hatte Alexander Winokurow vor dieser Tour gesagt. Doch seit seinem Etappensieg gestern gibt es viele Anzeichen dafür, dass der Kasache viel zu gut ist für die Helferrolle im T-Mobile-Team. Dass er Ullrich als Kapitän ablösen darf, ist aber zu bezweifeln.

Von Steffen Gerth


Etappensieger Winokurow: "Der Toursieg ist das einzige Ziel, was ich noch habe"
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Etappensieger Winokurow: "Der Toursieg ist das einzige Ziel, was ich noch habe"

In der Stadt Petropawlowsk gibt es wohl nicht viele Dinge, mit denen sich ein Junge beschäftigen kann. Wirtschaftlich wird die Stadt dominiert von zwei Arbeitgebern: Einer Fabrik, die Elektrogeräte herstellt und einem großen Fahrradhersteller.

Es ist nicht genau überliefert, wie Alexander Winokurow im Alter von 14 Jahren erstmal mit einer sportlichen Version dieser Räder in Berührung gekommen ist und eine Liebe fürs Leben gefunden hat. Dieser Winokurow aus Petropawlowsk wurde Radprofi - und der Nationalheld von Kasachstan. Einem Land, von dem die meisten Deutschen wenig wissen, und dessen Lage Winokurow beschreibt mit "hundert Kilometer von Sibirien entfernt". Also irgendwo im Nirgendwo.

Wer aus dieser trostlosen Gegend kommt, der neigt wohl nicht zum Überschwang, der schätzt die schönen Dinge der Welt ein bisschen mehr als ein Deutscher, und der jammert nicht gleich herum, wenn das Leben mal nicht so läuft wie gewünscht. Als Winokurow am Dienstag nach Courchevel hinauffuhr, da ging es ihm richtig schlecht. Alle Welt hatte gedacht, dass er auf der ersten Alpenetappe dieser Tour de France seinen Stempel aufdrückt. Ja, auf dem Gipfel in 2004 Meter Höhe hätte der Kasache endgültig zeigen können, dass er besser ist als der Kapitän des T-Mobile-Teams, besser als Jan Ullrich.

Rhythmus verloren, Rhythmus gefunden

Erst mit fünf Minuten Verspätung auf die Tagessieger kam Winokurow dann ins Ziel. Zwei Tage später hatte er auch die Erklärung dafür parat: "Ich glaube, der Ruhetag hat meinen Rhythmus durcheinander gebracht. Meine Beine waren gut, aber ich konnte nicht atmen. Mein Puls schoss in die Höhe. Man fährt jeden Tag am Stück 50 Stundenkilometer, der Organismus gewöhnt sich daran. Am Ruhetag bin ich zweieinhalb Stunden gefahren, das war nicht genug."

Seit gestern hat Winokurow offenbar wieder seinen Rhythmus gefunden. Es war eine Demonstration der Stärke und des Willens wie der Kasache, nur noch begleitet von Santiago Botero, über den 2645 Meter hohen Col du Galibier gefahren ist, dann im Ziel in Briancon clever und entschlossen den Kolumbianer im Sprint niederrang und diese 11. Etappe gewann. "Wenn du nichts riskierst und immer am Hinterrad fährst, kannst du die Tour nicht gewinnen", sagte Winokurow hinterher. Es geht ihm also um die Tour als Ganzes, nicht nur um einen Etappensieg, denn der Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt sei "das einzige Ziel, was ich noch habe", hatte er zu Beginn der Etappenfahrt verkündet. Derzeit liegt er auf Rang zwölf der Gesamtwertung, 4:47 Minuten hinter Armstrong und 45 Sekunden hinter Ullrich.

Ullrich ist einer von uns

Es ist die Frage, ob der kasachische Nationalheld bei der Verfolgung dieses Ziels den richtigen Arbeitgeber hat. Denn wenn die Öffentlichkeit von T-Mobile redet, meint sie Ullrich, den Kapitän. Er soll die Tour gewinnen, er soll das Team führen, er ist der Mann, auf den Deutschland in diesen drei Wochen schaut. Doch was sieht das Land? Einen Fahrer, der stürzt, der vom Topfavoriten Lance Armstrong im Einzelzeitfahren gedemütigt wird - und einen Fahrer, der weit davon entfernt ist, etwas zu riskieren.

Winokurow mit Ullrich (r.): "Ich hoffe, unsere Freundschaft hält alles aus"
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Winokurow mit Ullrich (r.): "Ich hoffe, unsere Freundschaft hält alles aus"

Es sind derzeit zwei Kollegen, die bei T-Mobile Akzente setzen: Andreas Klöden ist als knapp geschlagener Tageszweiter der achten Etappe eine Art gefühlter Sieger, gestern dann Winokurows Parforceritt. Trotzdem kommen beide über den Status eines Edelhelfers nicht hinaus. Klöden hat damit sogar Erfahrung, denn im vorigen Jahr half es ihm auch nicht, die Tour als Zweiter abzuschließen: Kapitän blieb Ullrich - als Gesamtvierter.

Das passt nicht zusammen, hat aber Methode. Ullrich ist in Deutschland eine eingeführte Marke, wer hier von Radsport redet, redet von ihm, im nächsten Atemzug von T-Mobile. Peter Becker, sein alter Trainer aus Berlin, hat einmal gesagt, dass die, die ständig auf Ullrich herumhacken, froh sein sollten, dass es diesen Fahrer gibt. Denn als der junge Mann aus Rostock 1997 die Tour gewonnen hat, hätte die ganze Branche profitiert. Fahrradfahren wurde über Nacht in Deutschland schick, Ullrich ein Superstar, dem der Sportartikelhersteller Adidas einen Zehnjahresvertrag angeboten haben soll (Dimensionen, die sonst nur Franz Beckenbauer erreicht).

Kuschelrock hören, trotzdem erfolgreich sein

Auch die deutschen Radsportjournalisten, die bisher im Ausland eher Hinterbänkler waren, traten seit 1997 mit breiter Brust auf: man hatte ja einen eigenen Helden. Und dieser Ullrich war so recht nach dem Geschmack der Deutschen: ein netter Biedermann, der keine Fremdsprachen spricht, Kuschelrock hört, trotzdem erfolgreich ist.

Schwer vorzustellen, dass dieser deutsche Held nun verdrängt werden darf von einem Oberst der kasachischen Armee, der in Monte Carlo wohnt und in seinen spärlichen Interviews nur Französisch spricht. Und einem Mann, der schon optisch etwas Besonderes ausstrahlt: Trikot, Hose, Helm und Mütze leuchten türkisfarben, den Farben des kasachischen Landesmeisters. Zum Magenta der Kollegen passt dieses pastellene Leuchten keineswegs.

"Ich bin der Chauffeur von Jan", lautete ein beliebter Satz von Winokurow, um auf den eigenen Status im Team hinzuweisen. Alles für Ullrich, sollte das heißen. Das war vor der Tour. Mittlerweile sagt er: "Ich bin hier, damit wir die Tour gewinnen." Bei der Verwendung des Plurals wird deutlich: Es geht Winokurow längst nicht mehr nur um Ullrich.

Tempofahrer Winokurow: "Man muss etwas riskieren"
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Tempofahrer Winokurow: "Man muss etwas riskieren"

Auf solche Feinheiten zu achten, lohnt sich. Denn im straff organisierten PR-Apparat von T-Mobile hat es keine abweichenden Meinungen zu geben, entsprechend klingen auch die Statements von Teamsprecher Olaf Ludwig und dem Sportlichen Leiter Mario Kummer wie eine Durchsage von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber.

Radio Kasachstan klingt deutlicher: "Die Absprache in unserem Team ist klar: Für den Stärksten wird gefahren. Als ich 2003 in Paris als Dritter auf dem Treppchen stand, habe ich gemerkt, dass ich es eines Tages noch zwei Stufen höher schaffen kann. In diesem Jahr könnte es soweit sein", so Winokurow in der französischen Sportzeitung "L'Equipe". Die letzte Direktheit unterdrückt er sich, vor allem wohl auch wegen des hervorragenden persönlichen Verhältnisses zu Ullrich. Fast klingt es, als würde es Winokurow leid tun, würde er statt dem Deutschen von der Teamleitung freie Fahrt bekommen: "Ich hoffe, dass unsere Freundschaft alles aushält."

Das Irgendwo im Nirgendwo

Natürlich wird diese Freundschaft Bestand haben, das liegt auch an Ullrichs Charakter, der frei ist von jeglicher Selbstsucht. Ob allerdings Winokurow an der Seite von Ullrich auf Dauer glücklich wird, ist stark zu bezweifeln. Denn die Ambitionen des Kasachen sind größer als das Vermögen Ullrichs - nur wird man dies bei T-Mobile niemals eingestehen. Denn in der Öffentlichkeit gilt die Mannschaft immer noch als deutsche Radnationalmannschaft, und nur ein deutscher Fahrer kann dieses Team anführen.

Für Winokurow stellt T-Mobile aber nur einen Arbeitsplatz der Luxusklasse im Radsport - den im nächsten Jahr auch das Team Discovery Channel bieten kann. Armstrong hört ja auf, und dass er vom Kasachen beerbt wird, ist nicht so unwahrscheinlich. "Wenn ich T-Mobile verlasse, dann nur in Richtung Discovery. Ich fühle mich aber sehr wohl hier."

Gutes Angebot von T-Mobile

Mit Winokurows Abgang muss T-Mobile also rechnen, tut es auch: "Wir haben ihm ein gutes Angebot unterbreitet. Aber wenn ein Mann wie Wino zu haben ist, dann sind auch 19 andere Teams interessiert. Das wissen wir", sagt der designierte Teamchef Ludwig zu den komplizierten Vertragsverhandlungen.

Ullrich wird weiter bei T-Mobile bleiben, er kann kaum anders, T-Mobile kann kaum anders. Vielleicht wird Winokurow im nächsten Jahr in einer anderen Mannschaft dann die Tour gewinnen, vielleicht gegen die neuen Stars wie Alejandro Valverde, Ivan Basso oder Mickael Rasmussen.

Und der deutsche Held? Ihm droht das Irgendwo im Nirgendwo.



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