Einhand-Weltumsegelung Sir Robins letzter Ritt

Totgesagte segeln länger: Robin Knox-Johnston galt 1969 bei seinem Versuch, als erster Mensch alleine die Welt zu umsegeln, bereits als tot. Dann tauchte der Engländer überraschend wieder auf und schrieb Geschichte. Morgen startet der Abenteurer zu seiner letzten Reise.

Von Frank Neumann


134 Tage lang hatte man von ihm nichts mehr gehört. Viereinhalb Monate Funkstille. Das letzte Lebenszeichen war aus den "Roaring Forties", den "Brüllenden Vierzigern" gekommen, jener Region im Südpolarmeer, in der das Wort Naturgewalt für Segler zum Alltag wird. "Ich fange an, mich zu fragen, wie viel ich von meinem Boot während der Reise verliere." Das war der letzte Funkspruch von Robin Knox-Johnston. Die "Sunday Times", die die erste Einhand-Weltumsegelung veranstaltet hatte, druckte später schon den Nachruf auf den Engländer.

Zu früh, wie sich herausstellte. Am 22. April 1969 segelte Knox-Johnston mit seiner selbstgebauten Ketsch "Suhaili" in den Hafen von Falmouth ein. Eine triumphale Rückkehr nach 30.123 Seemeilen und 313 Tagen allein auf dem Meer. Der damals 29-Jährige wurde für die Leistung, als erster Mensch alleine und nonstop die Welt umsegelt zu haben, von der Queen zum Ritter geschlagen. Die anderen sechs Teilnehmer des Golden Globe hatten aufgegeben, einer war über Bord gegangen. Man hat ihn nie gefunden.

Am Sonntag, den 22. Oktober, nach fast vierzig Jahren, bricht Sir Robin wieder auf. Das Velux-5-Oceans-Rennen, Nachfolger der unter Golden Globe, BOC Challenge und zuletzt Around Alone bekannten Hochseeregatta, soll seine letzte Weltumsegelung werden. Diesmal von Bilbao aus und freilich nicht mit der 1963 aus Teakholz in den Bombay Docks gefertigten "Suhaili", sondern in einem knapp 20 Meter langen Hightechrenner aus Kohlefaser, ausgestattet mit Computer, Navigationssystem, Satellitentelefon, Neigekiel und Stromgenerator. Gemütlicher wird es deswegen nicht. Die Boote der "Open 60"-Klasse gehören zu den schnellsten Einrumpfseglern der Welt.

Mount Everest der Meere

Normalerweise werden sie von 10-15 Mann starken Crews gesegelt. Der 30.000 Seemeilen (ca. 56.000 Kilometer) lange Törn über drei Etappen mit Stopps in Australien und den Vereinigten Staaten zurück nach Bilbao soll diesmal in etwa 100 statt 313 Tagen bewältigt werden. Ein dreieinhalb Monate langer Hochgeschwindigkeitstrip unter Extrembedingungen. Der Everest der Meere. Nur, dass schon 15.000 Menschen den höchsten Berg der Erde erklommen haben, während der Club derjenigen, die alleine um die Welt gesegelt sind, mit 163 Mitglieder ziemlich exklusiv ist.

Manchen mag das Unterfangen des Segelopas vorkommen, als wolle Neil Armstrong nochmal auf den Mond. "Nur weil wir die 65 hinter uns haben, heißt das noch lange nicht, dass wir schwachsinnig oder klapprig sind und beim Treppensteigen einen Herzanfall bekommen”, sagte Sir Robin dem "Segel-Journal". Ganz im Gegenteil: Der Veteran der Weltmeere will es den jungen Segelcracks noch einmal zeigen. Gegen acht Topprofis tritt er an. Darunter der Schweizer Titelverteidiger Bernhard Stamm (42), Mike Golding (46), der als Erster die Welt in beiden Richtungen umsegelte, und der erst 32 Jahre alte Alex Thomson, sein enger Freund und einer der kommenden Segelstars aus Großbritannien.

"Robin ist immer noch stark wie ein Ochse. Und natürlich ist er ein fantastischer Segler", sagt Thomson über seinen Mentor, der ihm den ersten Job als Profisegler verschaffte. Vor elf Jahren verpackte Thomson in einer Plastikfabrik am Fließband Strohhalme für McDonald’s. "Eines Abends kam mein Chef vorbei, nahm mich zur Seite und sagte: ,Alex, du machst das super. In zwei Jahren kannst du es zum Schichtleiter bringen’." Am nächsten Tag kam Thomson nicht wieder. 1999 wurde er zu Englands "Hochseesegler des Jahres" gewählt, nachdem er als jüngster Skipper der Geschichte das Clipper Race um die Welt gewonnen hatte. Sir Robin hatte ihm die Führungsposition anvertraut, obwohl Thomson noch nicht einmal über den Atlantik gesegelt war.

Loch im Boot

Jetzt treten sie gegeneinander an, und Thomson ist sich sicher, dass man den alten Mann nicht abschreiben sollte. "Er gehört nicht zu den Favoriten, aber das liegt vor allem daran, dass er nur wenig Vorbereitungszeit hatte und sein Boot nicht besonders schnell ist." Für die "Hugo Boss", mit der Thomson segelt, gilt das Gegenteil. Es soll die schnellste Yacht im Teilnehmerfeld sein. "Einen Podiumsplatz möchte ich schon haben", sagt der Youngster, für den das Velux-5-Oceans-Rennen nur der Auftakt zu einem Hattrick sein soll.

Der jetzigen Umrundung sollen die Teilnahme am Zweihandrennen Barcelona World Race 2007/2008 und schließlich 2008/2009 der Klassiker Vendee Globe folgen. Drei Rennen um die Welt in vier Jahren, das hat noch keiner geschafft. "Die Vendee Globe ist für mich das ultimative Ziel. Ohne Pause alleine um den Globus, härter geht es nicht mehr. Das ist mein Olympia." Und es ist ein Rennen, das Thomson schon aus persönlichen Gründen endlich bewältigen will. "2004 musste ich bei der Vendee Globe aufgeben. Mitten im Südpolarmeer hatte ich ein Loch im Boot und die Wellen rollten über mich drüber", erzählt Thomson. Für Menschen wie ihn ist das ein Grund, erst recht wiederzukommen. Manchmal sind Segler einfach anders.

"Offshore-Racing”, sagt Thomson, "das ist mein Ding.” Der ruhmreiche America’s Cup, wo in Küstennähe 90-minütige Segelduelle ausgetragen werden, würde ihn nicht reizen. Er ist zwar auch kein Freund der Einsamkeit und segelt lieber mit einer Crew, aber der Herausforderung dieses Marathons über die Weltmeere kann er nicht widerstehen. Selbst wenn schon die Vorbereitung an den Kräften zehrt. "Seit vier Wochen", erzählt Thomson, "arbeite ich mit einem Schlafdoktor." Er muss lernen, alle zwei, drei Stunden nicht mehr als ein dreißig Minuten am Stück zu schlafen. Vielleicht kommt deshalb die Antwort auf die Frage, was er am meisten an Hochseeregatten liebt, wie aus der Pistole geschossen: "Das", sagt Thomson, "ist die Party im Ziel."



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