Eishockey-Helden "Eine Riesensensation"

Vor zwei Jahren noch schlitterte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der B-WM auf wackeligen Kufen übers Eis. Bei Olympia feiert die Zach-Truppe eine unverhoffte Renaissance und darf beim Konzert der Großen mitspielen.


DEB-Jungs jubeln nach der Schlusssirene: Lob von Kanadas Coach
DPA

DEB-Jungs jubeln nach der Schlusssirene: Lob von Kanadas Coach

Salt Lake City - Schon Sekunden bevor die Schlusssirene ertönte, stürmten die deutschen Eishockeyspieler die Eisfläche. Mit 4:1 hatte die DEB-Auswahl Lettland im letzten Spiel der Gruppe A besiegt und darf jetzt nach drei Siegen in drei Spielen beim olympischen Turnier mit Eishockey-Weltmächten wie Tschechien (erster Gegner am Freitag), Schweden und Kanada sogar um Medaillen kämpfen. Weil mit diesem Erfolg nicht unbedingt zu rechnen war, kannte die Euphorie unter den Spielern anschließend keine Grenzen mehr.

"Das Größte bisher"


"Ich setze diesen Erfolg auf eine Stufe mit Bronze 1976", sagte Verteidiger Jörg Mayr, der nach seinem Kieferbruch, erlitten im ersten Spiel gegen die Slowakei, den Triumphzug in die olympische Finalrunde von der Tribüne aus verfolgte: "Damals haben Kanadier und Schweden gefehlt. Die Eishockey-Welt hat sich verändert. Was diese Mannschaft geleistet hat, ist sensationell." Seine Kollegen widmeten den entscheidenden 4:1-Sieg gegen Lettland dem Pechvogel. "Wir haben für Jörg mitgekämpft, denn er hat sich für die Mannschaft geopfert", meinte Kapitän Jürgen Rumrich und versuchte seinerseits, den Sprung in Runde der besten Acht einzuordnen: "Es ist das Größte bisher in meiner Karriere, eine Riesensensation, das Endprodukt von zwei Jahren Aufbauarbeit."

Als Außenseiter war das Team von Bundestrainer Hans Zach in Salt Lake City angetreten, nach drei Spielen darf es nun im hochkarätigsten Eishockey-Turnier aller Zeiten mitspielen. "Jeder in Deutschland kann stolz sein auf diese Burschen", lobte der Chefcoach des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) für seine Verhältnisse geradezu überschwänglich.

Jungstars sind heiß auf die NHL-Cracks


Freude am Einsatz: Andreas Morczinietz kämpft noch beim Umfallen
AP

Freude am Einsatz: Andreas Morczinietz kämpft noch beim Umfallen

Die deutschen Eishockeycracks, vor knapp zwei Jahren noch zweitklassig, können das Tête-à-tête mit den millionenschweren Superstars aus der NHL kaum erwarten. "Da spielen alle meine Vorbilder", sagte der gerade einmal 20-jährige Verteidiger Dennis Seidenberg mit Blick auf die Spiele am Freitag (3 Uhr MEZ) gegen Weltmeister und Olympiasieger Tschechien, am Sonntag gegen Kanada und am Montag gegen Schweden.

Die Vorfreude auf die Duelle mit den Weltstars ist riesig. "Jetzt träume ich, dass wir die Kanadier schlagen", flachste Verteidiger Christoph Schubert, ebenfalls erst 20 Jahre alt, "aber erst sind die Tschechen dran." Etwas nüchterner sah Zach den Höhepunkt seiner Amtszeit. "Jetzt kommen Mannschaften von einem anderen Stern, die besten Spieler der Welt, gestählt in der NHL", so der Bundestrainer und versprach: "Wir werden es keinem Gegner leicht machen."

Sturm, Hecht und Kölzig verstärken die Zach-Truppe


Torsteher Marc Seliger: Einmal mehr ein großartiger Rückhalt
REUTERS

Torsteher Marc Seliger: Einmal mehr ein großartiger Rückhalt

Zach kann nun ebenfalls seine NHL-Stars aufbieten. Marco Sturm von den San Jose Sharks, der schon beim 3:0-Auftaktsieg gegen die Slowakei kurz Olympia-Luft schnupperte, fliegt in diesen Tagen ebenso in Salt Lake City ein wie Jochen Hecht von den Edmonton Oilers. Auch mit Torhüter Olaf Kölzig von den Washington Capitals, der an einer Knieverletzung laboriert, plant der Bundestrainer: "Ich gehe mit drei Torhütern in die Endrunde: Kölzig, Marc Seliger und Christian Künast. Dann entscheide ich von Spiel zu Spiel, wer zum Einsatz kommt." Für den verletzten Mayr, der "noch ein bisschen hier bleiben" will, holt Zach dessen Kölner Abwehrkollegen Mirko Lüdemann nach.

"Ich bin superstolz auf das Team. Jetzt fängt der Spaß richtig an", frohlockte Sturm. Hecht hingegen hofft, dass der WM-Achte "mit ihnen noch einen Gang zulegen und einen weiteren Coup landen kann". Kanadas Co-Trainer Wayne Fleming traut der Zach-Equipe mindestens Platz sechs zu. "Ich bin beeindruckt", sagte der einstige Coach des EV Landshut.



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