Eiskunstlauf-Skandal Das Sportgericht greift ein

Der Streit um die umstrittenen Wertungen in der olympischen Paarlauf-Entscheidung hat eine neue Dimension erreicht. Nun hat sich auch der oberste Sportgerichtshof eingeschaltet.


Jamie Sale, David Pelletier nach der Preisrichterentscheidung: "Gesetz des Eislaufs"
AP

Jamie Sale, David Pelletier nach der Preisrichterentscheidung: "Gesetz des Eislaufs"

Salt Lake City - Mit einem Dringlichkeitsantrag am späten Donnerstagabend hat das Nationale Olympische Komitee für Kanada (COA) erreicht, dass alle am Paarlauf beteiligten Kampfrichter am Freitag vor einer Ad-hoc-Kommission des Obersten Sportgerichtshofs CAS zu erscheinen haben. Das COA will durch die Eingabe erreichen, dass dem kanadischen Paar Jamie Sale und David Pelletier nachträglich die Goldmedaille zuerkannt wird.

In einem CAS-Schreiben wurden die Kampfrichter aufgefordert, alle für die Wertung in der Paarlauf-Entscheidung relevanten Dokumente vorzulegen. Dem Gremium sitzt der Londoner Rechtsanwalt Peter Leaver vor, ihm zur Seite stehen der Schweizer Hans Nater und der Italiener Massimo Coccia. Das Trio will nach der Anhörung entscheiden, ob dem Antrag des COA stattgegeben wird.

Konsequenzen angekündigt


Zudem wurde die Internationale Eislauf-Union (ISU) angewiesen, dafür zu sorgen, dass die bei der Paarlauf-Entscheidung zum Einsatz gekommenen Preisrichter die Olympia-Stadt Salt Lake City in den nächsten 24 Stunden nicht verlassen. Sie sollen vor dem CAS-Gremium aussagen. Die ISU war zuvor vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) aufgefordert worden, in der Affäre eine "sehr schnelle Lösung" herbeizuführen. "Sobald wir den Bericht des Verbandes erhalten haben, werden wir über Konsequenzen sprechen", sagte IOC-Generaldirektor Francois Carrard am Donnerstagabend.

Goldmedaillengewinner Elena Bereschnaja, Anton Sicharulidse: "Skandal um nichts"
EPA/DPA

Goldmedaillengewinner Elena Bereschnaja, Anton Sicharulidse: "Skandal um nichts"

Die russischen Olympiasieger sehen dafür keinen Grund. Trotz eines kleinen Patzers in der Kür sehen sich Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse zu Recht mit Gold ausgezeichnet. "Wir finden, dass wir diese Medaille verdient haben", sagten die Russen am Donnerstagabend in ihrer ersten öffentlichen Stellungnahme nach der umstrittenen Entscheidung. "Vieles in unserem Programm war besser als bei Jamie und David", fügte Sicharulidse im Gespräch mit CNN-Moderator Larry King hinzu: "Ich fühle mich wie ein olympischer Champion. Ich weiß nicht, warum es so einen riesigen Skandal um nichts gibt", erklärte er.

"Nichts Neues"


Die Kanadier Jamie Sale und David Pelletier hatten sich nach einer höchst umstrittenen 5:4-Entscheidung der Preisrichter mit der Silbermedaille begnügen müssen. Der französische Verband ließ inzwischen durchblicken, dass seine Preisrichterin vor der Entscheidung unter Druck gesetzt worden war. Die ISU prüft zurzeit, ob dies tatsächlich der Fall war. "Bei allem Respekt vor der Autonomie eines Fachverbandes", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach, "haben wir der ISU den freundschaftlichen Rat gegeben, die Affäre spätestens bis zum Beginn des Eistanzes abzuschließen. Es war ein nachdrücklicher Rat. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Sports. Die Athleten müssen den Punktrichtern vertrauen können, wenn sie an den Start gehen."

Nach Ansicht des französischen Eiskunstläufers Philippe Candeloro seien solche Praktiken "bekannt" und "nichts Neues". "Alle Länder machen das. Es gibt Mauscheleien und Absprachen. Wenn Frankreich das nicht täte, gäbe es keine Medaillen. Das ist das Gesetz des Eislaufs", sagte der Olympia-Dritte von Nagano der französischen Tageszeitung "France Soir".

Am Freitag wollte sich auch IOC-Präsident Jacques Rogge in einer Pressekonferenz zu dem Fall äußern.



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