Eiskunstlauf Wachablösung bei den Herren

Nach einer unsauberen Kür hat Andrejs Vlascenko seinen fünften Meistertiel im Eiskunstlaufen verpasst. Der Neu-Münchner musste sich in Oberstdorf überraschend dem Lokalmatadoren Silvio Smalun geschlagen geben.


Silvio Smalun: "Bin von meinem Sieg genauso überrascht wie viele andere"
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Silvio Smalun: "Bin von meinem Sieg genauso überrascht wie viele andere"

Oberstdorf - Mit einer handfesten Sensation und der völlig überraschenden Niederlage des Topfavoriten Andrejs Vlascenko endeten die deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften in Oberstdorf. Der 26 Jahre alte Füssener unterlag nach einem mit Fehlern durchsetzten Programm Lokalmatador Silvio Smalun aus Oberstdorf, der damit das Ticket für die Europameisterschaften in zwei Wochen in Bratislava löste. Dritter wurde der Stuttgarter Michael Hörrmann.

"Diese Entscheidung kann ich nicht nachvollziehen. Ich hatte den dreifachen Axel im Programm, Silvio nicht. Ich weiß, dass ich besser bin, der Titel ist mir eigentlich egal", kommentierte der viermalige Titelträger unwirsch die knappe Entscheidung. Für Vlascenko ist die Saison praktisch beendet, es sei denn, der wegen einer Sprunggelenkverletzung in Oberstdorf fehlende Junioren-Weltmeister Stefan Lindemann aus Erfurt wird bis zur EM nicht rechtzeitig fit.

Der neue Champion Smalun, der seit Jahren keinem DEU-Leistungskader mehr angehört, konnte seinen Erfolg kaum fassen: "Ich bin von meinem Sieg genauso überrascht wie viele andere, ich dachte nicht, dass mein Vorsprung aus dem Kurzprogramm reichen würde." Mit 5:4-Preisrichterstimmen setzte sich der Bundeswehrsoldat in der Kür gegen Vlascenko durch.

Vor der totalen sportlichen Pleite bewahrte ein halbes Dutzend begabter Eisprinzessinnen ein Rumpf-Championat, das offiziell deutsche Eiskunstlauf-Meisterschaften hieß. "Unsere jungen Damen sind viel, viel näher an der internationalen Klasse dran als die meisten anderen unserer Athleten", bilanzierte Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU).

Susanne Stadlmüller: "Viel, viel näher dran"
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Susanne Stadlmüller: "Viel, viel näher dran"

Exakt ein Jahr nach dem wohl endgültigen Rückzug von Glamour-Girl Tanja Szewczenko machten ihre potenziellen Nachfolgerinnen mit der alten und neuen Meisterin Susanne Stadlmüller an der Spitze Mut für die kommenden Jahre. Dönsdorf: "Die Talsohle ist durchschritten, wir befinden uns auf dem richtigen Weg." Bei ihrem EM-Debüt ist die Titelträgerin aus Stuttgart gefordert, mit einer Top-Ten-Platzierung einen zweiten internationalen DEU-Startplatz für den olympischen Winter einzufahren.

Die Startplätze, die für die talentierten Eis-Teenies noch Mangelware sind, stehen den Paarläufern im Überfluss zur Verfügung, können aber mangels Klasse bei weitem nicht ausgeschöpft werden. In zwei Wochen in der Slowakei kehren lediglich die in Oberstdorf verletzungsbedingt fehlenden letztjährigen Vize-Meister Mariana Kautz und Norman Jeschke aus Berlin aufs Eis zurück.

"Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich es noch kann"


Weder die neuen Meister Claudia Rauschenbach/Robin Szolkowy (Chemnitz/Erfurt) noch die zweitplatzierten Stuttgarter Brigitte Maier und Rastislav Grejtak werden international berücksichtigt. Die DEU muss alle Hoffnungen in das neue Paar Sarah Jentgens/Mirko Müller setzen, das in diesem Winter wegen erheblicher Trainingsrückstände alle Wettkämpfe abgesagt hat. Dönsdorf: "Das problematische Bild hat sich leider verschärft, die Situation ist noch kritischer geworden."

Seinen ersten nationalen Titel im Eistanzen holten sich das Essener Geschwisterpaar Stephanie und Thomas Rauer. Nach der Absage der erkrankten Titelverteidiger Kati Winkler und Rene Lohse aus Berlin gewannen Rauer/Rauer vor den Dortmundern Jill Vernekohl und Dimitri Kurakin sowie Natalie Spies und Sebastian Fraas aus Amberg.

Einen Sieg über sich selbst durfte am Fuße des tief verschneiten Nebelhorns Eva-Maria Fitze feiern. Nach der Überwindung einer schweren Essstörung (Bulimie) war die 18 Jahre alte Münchnerin trotz mehrerer Patzer über ihren fünften Platz froh und glücklich: "Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich es noch kann, das bedeutet mir sehr viel für meine Zukunft. Als Siegerin hätte ich meinen Startplatz der DEU zur Verfügung gestellt, weil ich mich dem Stress im internationalen Vergleich noch nicht gewachsen fühle."

Von Andreas Frank, sid



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