Eisschnellläuferin Pechstein Die Unschuld vom Eise

Skandalöse Schlamperei der Eislauf-Union oder dreiste PR-Kampagne von Claudia Pechstein? Auf einer Pressekonferenz trat die Eisschnellläuferin zum Kampf gegen die Dopingvorwürfe an. Mit Expertenstab und Aktenstapel versuchte sie zu beweisen: Sie habe überhaupt nichts Unrechtes getan.

Von , Berlin


Fünf Olympiasiege hat Claudia Pechstein auf der Habenseite, aber ihren härtesten Kampf bereitet sie jetzt erst vor. Den Kampf gegen die ihr auferlegte zweijährige Dopingsperre nimmt der Eisschnelllauf-Star zumindest gut bewaffnet auf. Munitioniert mit einem dicken Aktenordner, einem PR-Berater als Moderator, unzähligen Zahlenkolonnen und einem leibhaftigen Medizinprofessor im Gepäck trat die 37-Jährige vor die Presse, mit dem Ziel, sämtliche Vorwürfe gegen sie wegen Blutdopings in alle Winde zu zerstreuen.

Eisläuferin Pechstein: "Ich will nur die Wahrheit sagen"
dpa

Eisläuferin Pechstein: "Ich will nur die Wahrheit sagen"

Am Ende der Veranstaltung blieben aus der Sicht von Beobachtern denn auch nur noch zwei Möglichkeiten übrig: Entweder handelt es sich um einen Riesenskandal der Internationalen Eislauf-Union Isu und ihrer Dopingfahnder, die die einzigartige Karriere einer Top-Athletin massiv beschädigt haben. Oder es ist die cleverste und dreisteste PR-Kampagne, die je eine Aktive im deutschen Sport durchgezogen hat.

Tatsächlich hätte es im Anschluss an Pechsteins fast zweistündige Rechtfertigung auch hartgesottenen Skeptikern schwerfallen können, nicht an ihre Unschuld zu glauben. Das lag weniger an den treuherzigen Bemerkungen Pechsteins: "Ich will niemanden auf meine Seite ziehen, ich will nur die Wahrheit sagen." Auch nicht daran, dass Pechstein sich zu Beginn bewusst mit einem voluminösen Aktenstapel in der Hand den Fotografen präsentierte, um schon optisch zu verdeutlichen: Die Faktenlage ist auf meiner Seite. Eindruck schindeten Pechstein, ihr Manager Ralf Grengel und Rechtsbeistand Simon Bergmann vielmehr dadurch, dass sie ein durchaus beeindruckendes Zahlengebäude zu errichten verstanden, um die Indizienkette der Isu zu zerpflücken.

Die Dopingvorwürfe des Internationalen Verbands fußen auf Blutproben, in denen ein erhöhter Anteil an sogenannten Retikulozyten - der Vorstufe der roten Blutkörperchen - aufgetaucht sind. Für die Isu ist das nach den neuesten Dopingrichtlinien ein klarer Hinweis auf Blutdoping.

Alles Unfug, wischt Pechsteins Team diese Erkenntnis vom Tisch und legt so richtig los: Die Dopingfahnder hätten in Pechsteins Fall schlampig gearbeitet, sie hätten Proben unter den Tisch fallen lassen und teilweise sogar schlicht verwechselt.

So wird anhand von Strichcodes, die auf den Proben zur Kennzeichnung angebracht sind, nachzuweisen versucht, dass einige der auffälligen Blutentnahmen nicht von Pechstein stammten, sondern von irgendeiner anderen Athletin. Gleichzeitig ergaben zwei Bluttests der Dopingfahnder bei Pechstein vom selben Tag völlig unterschiedliche Resultate, je nachdem welches Messgerät gerade zum Einsatz kam. "Da sind so eklatante Fehler passiert, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als diese Sperre wieder aufzuheben", sagt Anwalt Bergmann.

Das Doping-Labor Kreischa bestätigte am Donnerstagnachmittag, dass bei der Analyse einer Blutprobe von Claudia Pechstein unterschiedliche Testverfahren angewendet wurden, die zu verschiedenen Ergebnissen geführt haben. Allerdings sei in Kreischa das traditionelle und im Labor in Lausanne ein neues Verfahren benutzt worden, sagte Detlef Thieme, Direktor des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie, bei "MDR-Info".

Bei dem Verfahren werden Thieme zufolge Blutkörperchen nicht ausgezählt, sondern nur angefärbt. Dabei seien die unterschiedlichen Verfahren "unterschiedlich sensitiv". "Dass beide Messverfahren abweichende Werte liefern, weiß jeder, der etwas damit zu tun hat", sagte Thieme, "Die Irritationen kamen eigentlich nur dadurch zustande, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen wurden."

"Ganz normale Streuung von Messwerten"

Auf der Pressekonferenz bleiben Pechstein und Co. bei ihrer Argumentation - und ziehen ihren größten Trumpf erst nach einer Weile aus dem Ärmel. In Gestalt des Medizinprofessors Holger Kiesewetter, Chef des Instituts für Transfusionsmedizin an der Berliner Charité, die er bei der Veranstaltung allerdings nicht offiziell vertrat, wie die Klinik SPIEGEL ONLINE auf Nachfrage bestätigte.

Kiesewetter verkündete mit der Selbstgewissheit eines Professors, dass "das Messen von Retikulozyten als Dopingnachweis ohnehin absolut ungeeignet" sei, und versuchte damit, sämtliche Grundlagen zu zerfetzen, auf denen die Vorwürfe gegen die Berliner Sportlerin aufbauen. Schwankungen bei den Blutwerten, wie sie bei Pechstein diagnostiziert wurden, seien beim Menschen völlig normal, behauptete Kiesewetter, dessen wissenschaftlicher Ruf allerdings nicht unumstritten ist: Es handele sich "um die ganz normale Streuung von Messwerten". Pechstein-Anwalt Bergmann gab auf Nachfrage übrigens zu, dass Kiesewetter für seine Analyse ein Honorar bezog.

Dopingexperte Werner Franke zweifelt Kiesewetters These an: "Jeder Erythrozyt, also ein rotes Blutkörperchen, war mal Retikulozyt. Und für die roten Blutkörperchen gibt es ja Grenzwerte, bei denen Schutzsperren ausgesprochen werden. Also muss, was für Erythrozyten gilt, auch für Retikulozyten gelten. Die Frage ist nur, ab welchem Wert", so der Dopingexperte zu SPIEGEL ONLINE. Mit dem deutlichen Hinweis, nun folge Satire, sagte er zudem: "Ihre Knochenmarkzellen, in denen die Retikulozyten entstehen, müssen anscheinend wissen, wann die Großveranstaltungen im Eisschnelllauf stattfinden. Immer bei Höhepunkten waren die Werte hoch."

Für das Team Pechstein ist jedoch das gesamte Vorwurfsgebäude der Isu einsturzgefährdet. Dass die Athletin außerdem selbst dazu gezwungen sei, ihre Unschuld zu beweisen, - eine Forderung, der sich auch Bundesinnenminister Schäuble als oberster Dienstherr Pechsteins angeschlossen hatte - "stellt zudem sämtliche Rechtsgrundsätze auf den Kopf", legt Anwalt Bergmann nach. Für Manager Grengel liegt der Fall sowieso klar auf der Hand: "Hier wird mit einem absoluten Irrsinn die unbescholtene Karriere eines Aushängeschilds des deutschen Sports systematisch beschädigt, wenn nicht sogar zerstört."

Das Aushängeschild selbst hält sich während der Veranstaltung eher zurück, lässt Manager und Anwalt die Angriffslinie ausformulieren. Als sie von den Vorwürfen erfahren habe, sei "eine Welt zusammengebrochen, ich bin in den vergangenen Wochen durch die Hölle gegangen", sagt sie am Ende noch und dass "die Isu sich persönlich bei mir entschuldigen muss". Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Vancouver im kommenden Winter bleibe aber ihr Ziel: Ein Eilantrag beim den Internationalen Sportgerichtshof Cas sei gestellt, dass sie zumindest wieder am regulären Training teilnehmen dürfe. "Man wird ja sonst irre, wenn man zu Hause hockt, die Schlagzeilen liest und selbst weiß: Man hat gar nichts Unrechtes getan."

mit Material der dpa

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spiegel-hai 05.08.2009
1.
Zitat von sysopErst wurde die Eisschnellläuferin für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt, dann wurde bekannt, dass eine Probe unterschiedliche Ergebnisse aufwies. Wurde Claudia Pechstein voreilig verurteilt? Diskutieren Sie mit!
jetzt jedenfalls wird man Doping kaum noch nachweisen können, denn es müssen ja auch erst mal die richtigen beschafft werden. Insgesamt scheint mir das - wie auch immer es ausgeht - samt kaum erklärbarer Schlampereien ein Fall der üblichen Arroganz der Sportfunktionäre zu sein. Und die Häufung fehlerhafter Übertragung von Werten hat schon ein G'schmäckle.
pathfinder, 05.08.2009
2. Sport?
Tarnen und Täuschen, das sind doch die Sportarten heutzutage. Laboratorien, Disziplinarkommissionen, Juristen und Sportgerichtshöfe sind doch die eigentlichen Akteure in dieser medienwirksamen Inszenierung. Der Sport ist nur noch Nebenschauplatz. Zum Glück gibt es Wichtigeres..
Voll Mann, 05.08.2009
3.
Oh, oh, oh.... Das klingt verdammt nach Supergau.
slapsh0t 05.08.2009
4. Leichtfertig und unverantwortlich
Ich vermag nicht zu sagen ob Fr. Pechstein dopt oder nicht. Aber mit welcher Leichtfertigkeit der Verband offensichtlich mit Prozessen umgeht, die ja faktisch Berufsverbote und die Zerstörung ganzer Karrieren zur Folge haben, scheint schon bedenklich. Ich bin auch der Meinung, dass die Verwechselung von Proben (Beweisen!) kein "Formfehler" ist.
sam clemens, 05.08.2009
5. Bestätigung
Diese Situation entspricht genau dem, was ich (klingt zwar blöd, ist aber so) schon bei mehreren Gelegenheiten hier bei SPON schrieb: Die Testpraxis ist - trotz des entwürdigenden Procederes - in den Händen unkontrollierter Organisationen, die mit den Proben (und auch darüber hinaus) machen können, was sie wollen. Die Tester, die Laboranten und alle weiteren Beteiligten unterliegen keiner gesetzlichen Schweigepflicht, die Laborergebnisse sind mehr oder weniger offen für alle möglichen Seiten. Es wird Zeit für eine sichere, würdevolle Testpraxis.
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