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Dopingsperre: Der tiefe Fall der Claudia Pechstein

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Eisschnelllauf-Entscheidung Pechsteins einmaliges Glück

Claudia Pechstein bekommt eine letzte Chance: Sie darf am Eisschnelllauf-Weltcup in Salt Lake City teilnehmen. Welche Folgen hat die Entscheidung des Schweizer Bundesgerichts für den Anti-Doping-Kampf? Darf sich Pechstein nun sogar wieder Olympiahoffnungen machen? SPIEGEL ONLINE gibt Antworten.

Hamburg - Das juristische Hin und Her um Claudia Pechstein geht weiter. Die fünffache Olympiasiegerin im Eisschnelllauf darf nach dem stattgegebenen Eilantrag vor dem Schweizer Bundesgericht jetzt zwar am Freitag beim Weltcup in Salt Lake City antreten, ihr Olympiastart in Vancouver im Februar liegt aber noch in weiter Ferne. Wie kam es zu der Entscheidung und welche Folgen hat sie? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wieso kann sich das Schweizer Bundesgericht über die gegen Pechstein ausgesprochene Sperre des Internationalen Sportgerichtshofes Cas hinwegsetzen?

Das Bundesgericht in Lausanne ist die höchste richterliche Instanz der Schweiz. Da der Cas ebenfalls im schweizerischen Lausanne sitzt, ist das Schweizer Bundesgericht für Einsprüche gegen Cas-Urteile zuständig. Das Urteil des Bundesgerichts im Fall Pechstein kommt dabei nicht unbedingt überraschend und war von Experten durchaus erwartet worden: Bereits der deutsche Radsportler Danilo Hondo 2006 und der Eishockeyspieler Florian Busch im November dieses Jahres hatten vor dem Gericht erfolgreich gegen vom Cas verhängte Dopingsperren geklagt und von formalen Mängeln der Cas-Gerichtssprechung profitiert. "Wir haben auf diese Entscheidung gehofft, wir haben nur nicht damit gerechnet, dass sie so schnell fällt", sagt Pechsteins Manager Ralf Grengel SPIEGEL ONLINE.

Ist das Urteil eine Ohrfeige für den Cas?

Nein. Über das Cas-Urteil wird mit dem Eilantrag erst einmal nichts ausgesagt. Auch inhaltliche Fragen des Verfahrens sind von diesem Eilantrag zunächst nicht berührt. Das Bundesgericht hat lediglich abgewogen: Lässt man Pechstein jetzt starten, und sie verliert das Hauptverfahren vor dem Bundesgericht, ist der Schaden geringer als in dem Fall, wenn man sie jetzt von allen Wettkämpfen ausschließe und sie später freigesprochen werde. Die Kritiker des Cas-Urteils fühlen sich dennoch jetzt schon bestätigt. So hat der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner den Richterspruch kommentiert: "Ich wünsche mir, dass der Cas jetzt in die Schranken gewiesen wird und nicht mehr selbstgefällig agieren kann." Lehner ist allerdings in dieser Frage auch befangen: Als Verteidiger hat er unter anderem das Verfahren des Radsportlers Danilo Hondo vor Cas und Bundesgericht vertreten.

Wie reagieren die Eisschnelllauf-Verbände?

Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hat sich bisher hinter Pechstein gestellt. Von daher hat man auch die jetzige Entscheidung als gut befunden. "Das ist eine faire Entscheidung", sagte DESG-Präsident Gerd Heinze in einer ersten Reaktion. Der Weltverband Isu, der die Sperre gegen Pechstein ausgesprochen hat, hat bisher keine Stellung zu der neuen Entwicklung genommen. Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, nahm sich in seiner Kommentierung sehr zurück: "Wir respektieren die einstweilige Verfügung des Schweizer Bundesgerichts", ließ er lediglich verlauten.

Hat Pechstein jetzt Chance auf einen Start bei Olympia?

Die Entscheidung der Richter in Lausanne ist für Pechstein höchstens ein Etappensieg. Wenn sie sich am Wochenende sportlich für Olympia qualifizieren sollte, heißt das noch lange nicht, dass sie in Vancouver im Februar 2010 startet. "Wir denken jetzt nur von Spiel zu Spiel", sagt Grengel. Das Hauptverfahren vor dem Bundesgericht entscheidet letztlich, ob Pechstein in Vancouver starten darf. Der Einspruch gegen das Cas-Urteil wird offiziell allerdings erst im neuen Jahr eingereicht. Für das Pechstein-Lager wird das Verfahren damit auch zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

Wie geht es für Pechstein jetzt sportlich weiter?

Die 37-Jährige fliegt am Mittwoch zum Wettkampf nach Salt Lake City. Den Flug hatte Pechsteins Manager schon gebucht, bevor die Richter dem Eilantrag entsprachen. Am Freitag will sie über ihrer Spezialstrecke, die 3000 Meter, an den Start gehen. Das wird überhaupt ihr einziges Rennen sein, bei dem sie antritt. "Ob sie dem Druck dieses einzigen Wettkampfes standhalten kann, das kann noch niemand sagen", sagt Grengel. Um sich sportlich zu qualifizieren, muss sie unter die ersten Acht kommen. Pechstein hat in Berlin-Hohenschönhausen auch nach dem Cas-Urteil weiter trainiert. Die Strecke in Salt Lake City ist Pechstein bestens bekannt: Hier holte sie bei den Olympischen Spielen 2002 Gold über die 3000 Meter. Die Sportlerin selbst schätzt ihre Chancen eher abwartend ein: "Man kann von mir jetzt nichts Großes erwarten."

Wie reagiert die Konkurrenz auf Pechsteins Starterlaubnis?

Vor allem die Weltklasseläuferinnen aus den Niederlanden haben die Sperre Pechsteins wiederholt gutgeheißen und teilweise hämisch kommentiert. Das Pechstein-Lager stellt sich daher darauf ein, dass die Konkurrenz die Berlinerin in Salt Lake City nicht mit offenen Armen empfangen dürfte. "Das wird ihr allerdings relativ egal sein. Sie wird sich auf ihren Wettkampf konzentrieren - und auf nichts anderes", sagt Grengel SPIEGEL ONLINE.

Mit Material von dpa, sid
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