Fan-Gewalt bei der EM Die Fakten zu den Krawalltagen von Marseille

Es ist wie ein Rückfall in die dunklen Zeiten des Fußballs: Bei der EM hat es in Marseille drei Tage in Folge Krawalle zwischen gewaltbereiten Fans gegeben. Eine Übersicht über die Fakten.

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Was wir wissen:

  • Drei Tage Krawalle in Folge

Bereits am Donnerstagabend hatte es in der Altstadt von Marseille die ersten Krawalle und Straßenschlachten gegeben. Vor allem Anhänger des englischen Teams waren beteiligt, aber auch Franzosen - insgesamt ist von bis zu 250 Personen die Rede und von zwei Festnahmen. Erneute Ausschreitungen gab es auch am Freitag - hier wurden sieben Festnahmen verzeichnet. Heftiger war es am Samstag vor dem Spiel England gegen Russland, als sich die Anhänger beider Mannschaften im Alten Hafen von Marseille Straßenschlachten lieferten - die Polizei setzte Tränengas ein. In der Schlussphase der Partie kam es auch im Stade Vélodrome zu Schlägereien zwischen den Fans. Auslöser waren offenbar russische Anhänger, die hinter dem Tor von Englands Keeper Joe Hart auf in benachbarten Blöcken sitzende englische Fans losgestürmt waren.

  • Lebensgefahr nach Schlägen

Bei den Ausschreitungen am Donnerstag und Freitag sprach die Polizei von sieben Verletzen. Die Bilanz des Samstags: Mindestens 35 Menschen mit leichten Verletzungen, vier mit schweren. Ein Fan schwebt in Lebensgefahr, nachdem ihm offenbar Schläge mit einer Metallstange am Kopf zugefügt wurden. Helfer hatten den blutverschmierten Mann wiederbelebt, bevor er in ein Krankenhaus gebracht wurde. Sein Zustand ist nach den Angaben von Polizeipräfekt Laurent Nunez kritisch.

  • Faktor Alkohol

Offenbar waren viele Anhänger stark alkoholisiert und hatten am Samstag den ganzen Tag über getrunken. Der 23-jährige Engländer Danny Hart sagte, es sei keine gute Idee gewesen, das Spiel auf 21.00 Uhr anzusetzen: "Bis dahin waren alle völlig besoffen." Auch der Chef der nationalen Abteilung zur Hooliganismus-Bekämpfung, Antoine Boutonnet, sagte, einen großen Anteil an der Fan-Gewalt habe ein übertriebener Alkoholkonsum gehabt.

  • Zweifel am Sicherheitskonzept

Die Sicherheitskräfte haben während der Ausschreitungen im Stadion keinen souveränen Eindruck hinterlassen. Als die Randale ausbrach, schauten Ordner zunächst tatenlos zu, bevor Polizisten mit einer speziellen Nahkampfausbildung eingriffen, um die gegnerischen Fans voneinander zu trennen. Auch die Eskalation in Marseilles Altstadt konnte die Polizei nicht verhindern - obwohl französische Medien von über 1200 Beamten und zusätzlich 580 Kräften der Marine berichteten, die in der südfranzösischen Hafenstadt im Einsatz waren. Und obwohl das Spiel im Vorfeld als problematisch eingestuft wurde. Zudem gab es nur wenige Festnahmen - das erscheint angesichts der schockierenden Bilder recht gering.

Für eine Überforderung spricht auch, dass einige Unbeteiligte ins Visier der Sicherheitskräfte geraten sein sollen. Die Ehefrau von Englands Stürmer Jamie Vardy teilte mit, sie sei in Stadionnähe ohne Grund mit Tränengas beschossen und eingesperrt worden. Im Vorfeld der EM hatte die Gefahr durch Anschläge im Mittelpunkt gestanden und nicht die Gewalt von Hooligans. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve versicherte nun in einer Erklärung, die Sicherheitskräfte hätten die Gefahr durch gewaltbereite Fans "voll berücksichtigt" - "genauso wie andere Bedrohungen, insbesondere terroristische". Die Uefa will nach den Ausschreitungen die Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien verstärken. Sie räumte inzwischen ein, es habe bei der Partie in Marseille Probleme bei der Trennung der Fans beider Mannschaften gegeben.

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Randale beim Spiel England-Russland: Massenschlägerei in Marseille

Was wir nicht wissen

  • Spontane Angriffe oder geplante Attacken?

Ob hinter den Ausschreitungen System steckt und sich die Hooligans gezielt zu den Kämpfen verabredet haben ist unklar. Ein englischer Fan sagte, etwa hundert Russen hätten "aus dem Nichts heraus" angegriffen - davon waren einige einheitlich schwarz gekleidet. Neutrale Augenzeugen berichten teils von spontanen Gewaltausbrüchen und einem Umschlagen der Stimmung innerhalb von Sekunden. Am Donnerstag sollen englische Anhänger mit Schmähgesängen über die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) provoziert haben und Zeilen wie "Isis, where are you?" angestimmt haben. Von russischer Seite soll bei den Vorfällen am Samstag provoziert worden sein. So wird berichtet, wie Russen in höhnischen Posen mit englischen Fahnen posierten, die andere Fans zurückgelassen hatten. Es spricht aber einiges dafür, das zumindest im Stadion die Attacken gezielt erfolgten - russische Fans sollen sich gezielt in die Nähe englischen Anhänger gesetzt haben. Durch Ticketkäufe vor Ort in Frankreich ist das möglich.

  • Wer sind die Täter?

Ob unter den Tätern einschlägig bekannte Hooligans sind oder es sich um bisher nicht in Erscheinung getretene Angreifer handelt, ist bisher nicht bekannt. Zudem besteht auch die Möglichkeit, dass bereits bekannte Problemfans illegal ins Land gereist sind. Auch deutsche Hooligans sind während der EM im Visier der deutschen und französischen Polizei. Dazu gibt es nach Angaben des Innenministers Thomas de Maizière (CDU) zwischen den beiden Ländern eine enge Zusammenarbeit. "Wir haben mit Frankreich einen Informationsaustausch über die polizeibekannten und gewalttätigen deutschen Hooligans eingerichtet und die Namen und Daten von rund 2500 Personen übermittelt", so de Maizière. Bei Grenzkontrollen unterstützen deutsche Beamte, die sich in der Szene auskennen, ihre französischen Kollegen. Das französische Innenministerium hatte vor der EM 3000 Einreiseverbote verhängt.

  • Konsequenzen für das Team?

Die Disziplinarkommission der Uefa hat bereits Ermittlungen aufgenommen und inzwischen ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Welche Folgen die Ausschreitungen haben werden, steht aber noch nicht fest. Es könnte sogar die russische Mannschaft treffen. Bereits bei der EM 2012 war Russland wegen Ausschreitungen seiner Anhänger von der Uefa zu einer Geldstrafe und einem Punktentzug verdonnert worden. Auch für das englische Team sind Konsequenzen denkbar - ein Verfahren wurde aber bisher nicht eingeleitet. Randale englischer Hooligans hatte es ebenfalls in Marseille während der Weltmeisterschaft 1998 gegeben. Damals hatten sich zumeist betrunkene Anhänger der Three Lions über zwei Tage heftige Auseinandersetzungen mit einheimischen Jugendlichen und tunesischen Fans geliefert. Dutzende Menschen wurden verletzt. Im Jahr 2000 rasteten in Belgien 850 britische Fans aus - 56 Menschen wurden damals verletzt.

Zu einem der schlimmsten Fälle von Gewalt kam es bei der WM 1998 in Lens: Damals wurde der Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans angegriffen und schwer verletzt. Der Familienvater lag sechs Wochen lang im Koma - er blieb auf einem Auge blind und ist rechtsseitig gelähmt.

Eklat bei EM-Spiel in Marseille

mit Material von AFP/dpa

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