EM-Keeper Fritz "Muss mich in Trance versetzen"

Handballtorwart Henning Fritz war einer der Garanten dafür, dass das deutsche Nationalteam in den vergangenen zwei Jahren bei EM und WM groß auftrumpfte. Vor der Europameisterschaft in Slowenien spricht der Kieler Torwart im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Kopftreffer, den verletzten Stefan Kretzschmar und sein Erfolgsrezept.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Fritz, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich aus kürzester Entfernung kleine, harte Bälle um die Ohren werfen zu lassen?

Henning Fritz: "Suche mir jemanden raus, um mich heiß zu machen"
DPA

Henning Fritz: "Suche mir jemanden raus, um mich heiß zu machen"

Henning Fritz: Wir hatten damals eine Schulsportgemeinschaft, da waren wir nur drei Mann, die in Frage kamen. Als der Trainer wissen wollte, wer denn ins Tor gehen möchte, hat sich keiner gemeldet. Damit das Training überhaupt stattfinden konnte, habe ich mich schließlich bereit erklärt. Weil ich mich gar nicht so dumm angestellt habe, ging es dort für mich weiter.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Ihnen Spaß gemacht?

Fritz: Ohne Spaß an der Sache wäre ich wohl nicht so weit gekommen. Ich hätte mir allerdings damals ein bisschen mehr Abwechslung vorstellen können und gerne draußen gespielt. Im Tor ist ein Handballer in seinen Aktionen doch sehr eingeschränkt. Auf dem Feld hat er mehr Möglichkeiten. Er kann seinen Frust rauslassen und kann den gegnerischen Torwart verschaukeln. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Sie dagegen haben den Körper voll blauer Flecken...

Fritz: Gottseidank bekomme ich nie blaue Flecken. Das ist wohl Veranlagung. Doch an einigen Körperteilen verspüre ich schon gewisse Verschleißerscheinungen: an Ellenbogen und Knien.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Schmerzen um?

Fritz: Die Körperspannung muss so hoch sein, dass man keine Schmerzen erleidet. Es ist auch eine Gewöhnungssache. Auf keinen Fall darf man vor Schmerzen Angst haben. Sonst hat man im Tor keine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Besonders schlimm sind Kopftreffer. Wie reagieren Sie darauf?

Fritz: Es ist ja das Ziel des Torwarts, da zu stehen, wo der Ball hinkommt. Deshalb kann es passieren, dass er den Ball auch mal an den Kopf bekommt. Allergisch reagiere ich, wenn Spieler es absichtlich versuchen, dicht am Kopf vorbeizuschießen.

SPIEGEL ONLINE: War das der Grund dafür, dass Sie beim 23:22-Sieg im WM-Halbfinale 2003 gegen Frankreich ein persönliches Duell mit Welthandballer Bertrand Gille austrugen?

Fritz: Es gab damals eine Situation, in der ich das Gefühl hatte, dass er absichtlich über Kopf geschossen hatte. Da bin ich ihm sofort hinterhergegangen. Ansonsten ist es so, dass ich mir sowieso jemanden raussuche, um mich heiß zu machen. Das hilft, um Aggressionen raus zu lassen, um ins Spiel zu finden. In dem Fall hat es ja auch ganz gut geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielten diese Partie wie in Trance.

Fritz: In so einen Zustand muss ich mich versetzen, um gute bis sehr gute Leistungen zu bringen. Man muss allerdings einen Mittelweg finden: zwischen Aggressivität und Ruhe. Das ist nicht immer so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Zumal Sie wissen, dass Ihre Leistung über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Fritz: Eine gute Torwartleistung ist Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. Als Torwart ist man aber auch abhängig von seiner Abwehr. Die Tage, an denen man so gut drauf ist, dass es egal ist, von wo die Spieler werfen, sind doch sehr selten. Ein schwächerer Abwehrspieler kann sich in der 6:0-Deckung vielleicht mal verstecken. Das geht als Torwart nicht. Wenn der Ball kommt, steht man dort allein. Deswegen sieht ein Keeper häufiger schlechter aus als ein Abwehrspieler.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie jedes Gegentor als persönliche Niederlage?

Fritz: Das kann man so sehen. Aber ich muss aufpassen: Wenn ich zu aufgedreht bin und mich über jedes Tor ärgere, dann geht es mit der Konzentration bergab. Deshalb muss ich versuchen, den Puls runter zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ruhe gilt als Ihre größte Stärke. Trainieren Sie die?

Fritz: Ich habe keine speziellen Methoden, mich auf einen bestimmten Gegner mental vorzubereiten. Ich habe mir im Laufe der Jahre hier und da etwas abgeschaut. Früher war ich viel ruhiger, da hatte ich etwas, was man stoische Ruhe nennt, mittlerweile bin ich aggressiver geworden. Ich finde aber, dass man mehr psychologisches Training machen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Während des Spiels sieht Ihre Methode nach fast jedem Angriff des Gegners so aus: Zur Auswechselbank gehen und Wasser trinken. Hilft das?

Fritz: Ich unterhalte mich an der Bank vor allem kurz mit dem Torwartkollegen darüber, was ich gerade verkehrt gemacht hat oder nicht. Es ist gut, darüber zu sprechen und die Situation aufzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom Torwartkollegen. Ist der kein Konkurrent für Sie?

 Fritz in Aktion: "Ich bin aggressiver geworden"
AP

Fritz in Aktion: "Ich bin aggressiver geworden"

Fritz: Natürlich sind Christian Ramota, Karsten Lichtlein und ich Konkurrenten. Es wäre Quatsch, etwas anderes zu sagen. Jeder hat die Motivation, die Nummer eins zu sein. Aber wir wollen gemeinsam Erfolg haben. Wenn das Spiel angepfiffen wird, drückt man demjenigen die Daumen, der zwischen den Pfosten steht. Es ist wichtig, ihm zu helfen und den Rücken zu stärken.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zwei Jahren waren Sie erstmals die Nummer eins bei Bundestrainer Heiner Brand. Hat Sie das zusätzlich motiviert?

Fritz: Mir hat es gut getan zu wissen, woran ich war. Selbstvertrauen ist die Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. Im WM-Finale hat man das gesehen. Als einige unserer Leistungsträger verletzt gefehlt haben, mussten andere Spieler ran, die in dem Moment nicht so viel Selbstvertrauen hatten, und vielleicht auch deshalb Fehler gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: 2002 wurde das deutsche Nationalteam Vizeuropameister, 2003 ging das WM-Finale gegen Kroatien verloren. Was fehlt zum Titel?

Fritz: Eigentlich nichts. Wenn es um die Wurst geht, sind es immer Kleinigkeiten, die den Ausschlag geben. Hätte Jan-Olaf Immel im vergangenen Jahr gegen Kroatien den Ball reingeworfen, hätte sich das Spiel gedreht. Dann fragt kein Mensch danach. Aber hätten wir in den Partie zuvor gegen Frankreich oder Jugoslawien das eine oder andere Tor nicht gemacht, dann wären wir schon da draußen gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wer außer Deutschland ist Favorit auf das EM-Gold?

Enttäuschung: Die DHB-Auswahl nach der 31:34-Niederlage gegen Kroatien im WM-Finale 2003
DPA

Enttäuschung: Die DHB-Auswahl nach der 31:34-Niederlage gegen Kroatien im WM-Finale 2003

Fritz: Fast alle Mannschaften sind so stark, dass sie eine Chance haben zu gewinnen. Wie in den Turnieren zuvor denke ich wieder nur von Spiel zu Spiel. Dass Kroatien den WM-Titel holen würde, damit hätte nie einer gerechnet. Auch die Dänen haben eine sehr gute Mannschaft, die Schweden müssen sich noch für Olympia qualifizieren, Serbien-Montenegro kann jeden schlagen. Franzosen und Spanier sind traditionell stark. Und Russland ist immerhin amtierender Olympiasieger.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat die EM in diesem Olympia-Jahr?

Fritz: Vom ideellen Wert ist Olympia das Größte. Aber beide Titel sind erstrebenswert, egal ob Europameister oder Olympiasieger. Gold in Slowenien oder Athen - es wäre für uns eine riesige Sache.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das Team den Ausfall von Linksaußen Stefan Kretzschmar verkraften?

Fritz: Wir haben mit Torsten Jansen und Heiko Grimm auf dieser Position gute Leute. Ich hoffe, dass sie "Kretzsche" gut ersetzen werden. Aber allein vom Namen und der Persönlichkeit wäre er ein ganz wichtiger Mann für uns gewesen.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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