EM-Niederlage der Handballer "Die Dänen waren mal dran"

Der Traum vom EM-Titel ist vorbei: In einer hart umkämpften Partie sind Deutschlands Handballer im Halbfinale an Dänemark gescheitert. Die Spieler von Bundestrainer Brand waren zwar niedergeschlagen, zeigten sich aber als faire Verlierer.

Von , Lillehammer


Der Moment, der alles entscheidet, teilt das Handballfeld der Hakons Hall in Lillehammer. Auf der einen Seite sinken Handballer zu Boden, schütteln die Köpfe, manch einer starrt mit leerem Blick ins Nichts. Auf der anderen Seite stürmt alles laut grölend auf Lars Christiansen zu - der dänische Linksaußen kann nicht lange flüchten und wird dann unter einem Berg aus schwitzenden Leibern begraben. Christiansen hat den finalen Siebenmeter geworfen, hat das Duell gegen den deutschen Keeper Henning Fritz gewonnen und damit auch das Halbfinale der achten Europameisterschaften in Norwegen entschieden: Drei Sekunden vor Schluss täuscht er einen Wurf an, wiederholt diese Finte, und erst dann lässt er weit nach links fallen und schmettert das Leder in das linke untere Eck – die 25:26 (13:10)-Niederlage des deutschen Weltmeisters gegen den WM-Dritten ist besiegelt. Damit streitet Dänemark nun mit Olympiasieger Kroatien (24:23 gegen Frankreich) um Europas Krone, während Deutschland am Sonntag um Bronze kämpft (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"Ich kenne den Torhüter sehr gut, ich fühle mich gut. Ich wusste, ich kann diesen Siebenmeter hineinwerfen und das Spiel entscheiden. Es war ein phantastisches Gefühl", berichtete der 35-jährige Linksaußen von der SG Flensburg-Handewitt über die Momente, die den größten Erfolg des dänischen Handballs seit 41 Jahren bedeuteten. 1967 waren die Skandinavier Vize-Weltmeister geworden.

Es war ein Moment, der alle Prognosen über den Haufen warf, der vielleicht auch zukünftig alles verändert in diesem Duell zwischen David und Goliath. Deutschland hat seit Jahrzehnten gegen Dänemark gewonnen, wenn es um etwas ging, zuletzt in den zwei EM-Halbfinals 2002 und 2004. Die Dänen waren spielerisch oft gleichwertig, aber ihnen versagten immer die Nerven, wenn es darauf ankam.

Deutsches Verletzungspech

Und nun kam Christiansen und verwandelte den letzten Ball eiskalt. "Ich wusste, dass er den rein macht. Weil ihr Journalisten alle geschrieben habt, dass er so schwache Nerven hat", witzelte Mannschaftskamerad Joachim Boldsen. "Das ist der erste entscheidende Siebenmeter, den er verwandelt", erklärte Markus Baur, der Christiansen aus zahlreichen Duellen in der Bundesliga kennt und sehr schätzt. Trockener Kommentar von Christian Zeitz aus Kiel: "Irgendwann müssen die das ja mal besser machen."

So knapp die Niederlage auch ausfiel, so niedergeschlagen die deutschen Profis das Ausscheiden auch hinnahmen, so fair gratulierten sie dem Gegner, der mit fünf Bundesliga-Legionären angetreten war – neben den Flensburgern Christiansen, Knudsen, Nielsen verdienen auch Rechtsaußen Lindberg (HSV Hamburg) und Lasse Boesen (TBV Lemgo) ihr Geld in der stärksten Liga der Welt. "Das geht so in Ordnung. Wir haben jetzt ja nicht gegen die HSG Saarlouis verloren, sondern gegen eine starke Mannschaft. Die Dänen waren mal dran", sagte Rechtsaußen Florian Kehrmann, der mit sechs Toren bester deutscher Torschütze war.

Kein Wort davon, dass auch er nun vom deutschen Verletzungspech betroffen war. Schon in der ersten Halbzeit hatte Kehrmann nach einem Tempogegenstoß wegen einer Muskelverletzung behandelt werden müssen, in der zweiten Halbzeit erneut, und doch kehrte er wieder zurück aufs Feld. Sein Ersatz auf der Rechtsaußenposition, Zeitz, war Ende der ersten Halbzeit auf den Steiß gefallen. "Dann gab es ein wenig Wärmegel drauf, und dann ging es weiter", so Zeitz, der die schlechte Wurfquote aus dem Rückraum beklagte. "Da haben wir einfach zu viele Bälle weggeworfen."

"Die Franzosen sind auch fertig mit der Welt"

In der Tat war im Rückraum, dem zentralen Mannschaftsteil der Offensive, nach den vier Geschossen des Halbrechten Holger Glandorfs nicht mehr viel gelaufen. Pascal Hens, das Pendant auf Halblinks, zollte ebenfalls den Kraft raubenden sieben Spielen Tribut und traf, da von der dänischen 6:0-Defensive ausgezeichnet verteidigt wurde, nur dreimal. Obwohl der 37-jährige Aufbauspieler Markus Baur so durchschlagkräftig wie lange nicht mehr war (vier Feldtore), konnte das Brand-Team den 12:7-Vorsprung aus der 26. Minute, den es durch einen furiosen 7:0-Lauf herausgeworfen hatte, nicht halten. "Da haben wir den Vorsprung leichtfertig verspielt", haderte Bundestrainer Brand später. Die Dänen kamen, angefeuert von rund tausend angereisten Fans, kontinuierlich heran und schafften beim 15:15 (38.) erstmals wieder den Ausgleich.

Fast übermenschlich der Einsatz und die Einstellung, den beide Seiten angesichts der Strapazen in einer packenden und am Ende dramatischen Schlussviertelstunde noch einmal aufboten. Als Aufbauspieler Michael Kraus 20 Sekunden vor der Schlusssirene ausglich, schien sich die Partie nach zahlreichen Führungswechseln wieder auf die deutsche Seite zu neigen. Doch entgegen aller Prognosen zogen die Dänen ihr Angriffskonzept cool durch, erkämpfte sich der Flensburger Michael Knudsen den Siebenmeter, und dann zerstörte Christiansen alle deutschen Hoffnungen auf eine Verlängerung.

"So ist das im Sport", sagte der nachnominierte Abwehrspezialist Frank von Behren, der seine Augen aber bereits auf das Spiel um Platz drei richtete. "Bis dahin müssen wir uns wieder aufbauen. Und die Franzosen sind auch fertig mit der Welt."



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