Basketballprofi Kanter vs. Erdogan Das Zerwurfnis

Die türkische Regierung verfolgt den NBA-Star Enes Kanter als Terroristen - weil der Präsident Erdogan kritisiert. Als Held aber taugt der Sportler kaum: Sein Engagement für den Islamistenprediger Gülen befremdet selbst Oppositionelle.

AP

Von , Istanbul


Enes Kanter ist gerade in Indonesien, als er erfährt, dass die türkische Regierung hinter ihm her ist. Sein Manager zerrt ihn an einem frühen Samstagmorgen im Mai 2017 aus dem Hotelbett. Die indonesische Polizei suche nach ihm, sagt er. Angeblich auf Wunsch der Türkei.

In den Vereinigten Staaten ist Kanter ein Star. Er spielt für die New York Knicks in der Basketball-Profiliga NBA. Er verdient 18 Millionen Dollar im Jahr. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist er ein Terrorist.

Kanter ist im Frühsommer 2017 in Indonesien, um für ein Basketballcamp seiner Stiftung zu werben. Nun verlässt er das Land fluchtartig. Er nimmt den nächsten Flug in die USA. Als er in Bukarest zwischenlandet, teilen ihm die Behörden mit, dass die Türkei seinen Pass annulliert habe. Kanter ist mit einem Mal staatenlos. Nur mit der Hilfe von amerikanischen Senatoren und NBA-Funktionären gelingt es ihm, in die USA einzureisen.

Haftbefehl gegen Kanter

Der Fall Kanter sorgt international für Aufsehen. Erst im Januar sagte der Basketballprofi eine Reise mit seinem Team nach London ab - aus Angst, von Schergen des türkischen Regimes verschleppt oder ermordet zu werden. Kurz darauf erließ die Staatsanwaltschaft in Istanbul über Interpol einen Haftbefehl gegen ihn.

Für die meisten Beobachter sind die Rollen klar verteilt: Hier ein berühmter Athlet, der es wagt, die türkische Regierung zu kritisieren. Dort ein Präsident, der in seinem Verfolgungswahn noch nicht einmal mehr vor NBA-Profis zurückschreckt. Doch das Drama um Enes Kanter ist komplizierter.

Kanter, 26 Jahre alt, ist als Sportler ein Ausnahmekönner. Er begann seine Basketballkarriere bei Fenerbahce Istanbul. 2011 wechselte er zu Utah Jazz in die NBA. Seit 2017 läuft er als Center für die New York Knicks auf.

Kanter setzt sich für Gülen ein

Sein politisch-religiöses Engagement aber ist umstritten. Kanter setzt sich öffentlichkeitswirksam für den türkischen Prediger Fethullah Gülen ein, der von Millionen Anhängern als islamischer Reformer verehrt wird, den Kritiker jedoch für einen Sektenführer halten und der von der türkischen Regierung bezichtigt wird, hinter dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu stecken.

Fethullah Gülen lebt in Pennsylvania im Exil, seit die türkische Justiz in den Neunzigerjahren wegen islamistischer Umtriebe gegen ihn ermittelt hat. Seine Anhänger haben Schulen, Universitäten, Stiftungen, Kliniken, Versicherungen, Medienhäuser in mehr als 140 Ländern gegründet.

Gülen gibt sich mit der Rolle als Islamgelehrter nicht zufrieden. Journalisten und Ermittler haben dokumentiert, wie Gülen-Kader über Jahrzehnte hinweg systematisch staatliche Institutionen in der Türkei unterwandert haben. "Der konspirative Teil der Bewegung zeichnet sich durch strikte Hierarchien aus und erinnert in seiner Struktur an Erscheinungsformen organisierter Kriminalität", zitieren Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt ihre Gesprächspartner in einem internen Papier aus dem Jahr 2018.

Kanter wollte "so sein" wie Gülen

Enes Kanter engagierte sich seit seiner Kindheit in der Gülen-Gemeinde. Sein Vater schickte ihn auf Gülen-Schulen in Van im Südosten der Türkei und in Ankara. Kanter sagte in einem Interview mit einer Zeitschrift, die der Gemeinde nahesteht, er habe Gülen schon als Schüler bewundert: "Ich wollte so sein wie er."

Lange Zeit war es in der Türkei unter Erdogan hilfreich, Teil der Gülen-Gemeinde zu sein. Der Regierungschef versorgte Gülen-Funktionäre mit Posten und Gülen-Unternehmer mit Aufträgen, die Gemeinde half ihm umgekehrt, säkulare, liberale Oppositionelle auszuschalten.

Nach den Parlamentswahlen 2011 jedoch zerstritten sich die beiden Partner über Machtfragen. Die Auseinandersetzung eskalierte, als die Regierung im Herbst 2013 Gülen-Schulen schließen ließ. Die Gülen-Gemeinde wollte Erdogan loswerden, ihre Kader in der Justiz eröffneten ein Korruptionsverfahren gegen Regierungsmitglieder. Der Konflikt gipfelte im Putschversuch, der fast 300 Menschen das Leben kostete.

Erdogan nimmt den Staatsstreich als Vorwand, nicht nur Tausende vermeintliche Gülen-Anhänger zu verfolgen, sondern grundsätzlich jeden, der sich seiner Herrschaft widersetzt: Oppositionspolitiker, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten.

Putsch im Auftrag der Gülen-Gemeinde

Moderate Berater im Präsidentenpalast haben Erdogan angehalten, die Säuberungen einzugrenzen. Es würde der Glaubwürdigkeit der Regierung schaden, wenn sie Sportler wie Enes Kanter als vermeintliche Terroristen verfolge, argumentieren sie. Doch der Präsident will von diesen Bedenken nichts hören.

Kanter wiederum nutzt seine Bekanntheit, um den türkischen Staatschef herauszufordern. Er bezeichnet Erdogan als den "Hitler des 21. Jahrhunderts", gleichzeitig preist er Gülen als Friedensstifter: "Nachdem ich (Gülens) Vorträge gehört habe, verstand ich, dass er Frieden und den Dienst an der Menschheit predigt", sagt er.

In der Türkei zweifeln selbst Erdogan-Gegner nicht daran, dass die Gülen-Gemeinde am Putschversuch beteiligt war. Zwar hat die Regierung bis heute keine eindeutigen Beweise für Gülens Schuld erbracht, die Indizien jedoch sind erdrückend: So wurden am frühen Morgen des 16. Juli 2016 fünf Zivilisten auf dem Gelände des Luftwaffenstützpunkts Akinci bei Ankara, der Zentrale der Putschisten festgenommen. Vier von ihnen waren hochrangige Funktionäre der Gülen-Gemeinde, zwei von ihnen waren unmittelbar vor dem Putsch gemeinsam in die USA gereist, wo Gülen lebt. Etliche Beschuldigte bekannten, im Auftrag der Gülen-Gemeinde gehandelt zu haben. Ex-Generalstabschef Hulusi Akar, der in der Putschnacht gefesselt wurde, sagte aus, dass die Aufständischen ihm angeboten hätten, mit Gülen zu telefonieren.

"Sie sind unschuldig"

Enes Kanter nimmt Gülen in Schutz. "Ich bin seit Langem Teil dieser Bewegung. Ich kenne diese Menschen. Sie sind unschuldig", sagt er. Er bezeichnet den Putschversuch als Inszenierung der Regierung, auch wenn es dafür wenige Hinweise gibt. Für die Gülen-Gemeinde ist der Basketballprofi ein Geschenk: Sie setzt ihn bei jeder Gelegenheit für ihren PR-Krieg gegen die türkische Regierung ein.

Mit seiner Parteinahme für Gülen stößt Kanter in der Türkei selbst bei neutralen Beobachtern auf Kritik. "Es ist schrecklich, was ihm widerfährt. Doch Enes tut sich mit seiner Propaganda für einen Sektenführer keinen Gefallen", sagt ein regierungskritischer türkischer Journalist, der Kanters Karriere seit Langem verfolgt.

Wie sehr Kanter offenbar unter Einfluss der Gülen-Gemeinde steht, zeigte sich, als er sich von seiner Familie lossagte, nachdem diese ihn, möglicherweise auf Druck durch den Staat, für seine politische Haltung verurteilte. "Heute habe ich meine Mutter, meinen Vater, meine Brüder und Schwestern verloren", schrieb er auf Twitter. Er unterzeichnete das Statement mit seinem neuen Namen: "Enes (Kanter) Gülen."

insgesamt 2 Beiträge
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Kaffki 05.02.2019
1. Merkwürdig
ist doch, das Herr Kanter angeblich ja Gülen anhänger ist, Gülen anhänger gehen 5x am Tag beten - hab noch NIE GESEHEN, das sich Herr Kanter in eine Mosche begeben hat. Für Geld hat er seine Herkunft, seine Mutter, seinen Vater seine ganze Familie verkauft - sein Vater sagte Sie seien Mason´s und keine Gülenisten.
Redigel 05.02.2019
2. @1
Stalken sie Kanter 24 Stunden lang in den USA oder warum haben Sie ihn noch nie in einer Moschee beten gesehen?
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