Entscheidendes Zeitfahren Nur Vollgas bringt den Sieg

Spannendes Duell um den Toursieg: Carlos Sastre hat 94 Sekunden Vorsprung. Doch wird das reichen? Cadel Evans gilt als Favorit beim entscheidenden Zeitfahren in den kommenden Stunden. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jörg Jaksche erklärt, warum für ihn das Rennen völlig offen ist.


Diese Tour war spannend wie schon lange nicht mehr. Und die Entscheidung ist noch nicht gefallen, das Rennen um den Sieg keinesfalls gelaufen - auch wenn viele bereits Cadel Evans als den Mann sehen, der am Sonntag im Gelben Trikot in Paris eintreffen wird.

Tourfavoriten Evans (l.) und Sastre: Wer vorsichtig fährt, hat verloren
AFP

Tourfavoriten Evans (l.) und Sastre: Wer vorsichtig fährt, hat verloren

1:34 Minuten liegt der Bergspezialist Carlos Sastre vor dem Zeitfahrspezialisten Evans. Auf 29,5 Kilometern beim ersten Kampf gegen die Uhr auf der vierten Etappe hatte der 31-jährige Australier, der für Silence-Lotto fährt, dem zwei Jahre älteren Spanier noch 1:16 Minuten abgenommen.

Heute (11.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es über 53 Kilometer - für viele ist die Rechnung also klar. Doch so einfach ist es nicht. 18 Tage sind seit der damaligen Etappe vergangen, die Fahrer haben fast 3400 Kilometer in den Beinen, darunter etliche durch Pyrenäen und Alpen. Die Vorzeichen sind nun also ganz andere.

Außerdem lassen sich die zwei Zeitfahren nicht vergleichen. Dieses Rennen wird auch im Kopf entschieden. Viel mehr als im ersten Zeitfahren, spielt die Einstellung eine große Rolle. Die Fahrer müssen es schaffen, sich ihrer Angst vor diesem sehr harten Teilstück zu entledigen. 53 Kilometer sind für eine Zeitfahren eine sehr lange Strecke. Fünf Kilometer müssen dem Radprofi reichen, um seinen Rhythmus zu finden. Ab dann gilt Vollgas.

Über eine Stunde im roten Bereich mit maximaler Belastung - wer hier vorsichtig fährt, hat schon verloren. Man muss sich - neben dem Aufwärmen auf der Rolle - auch mental gut vorbereiten. Man muss sich sagen: Dieses Zeitfahren wird vorbeigehen. Da macht auch die Erfahrung eine Menge aus. Sastre, der um 16.26 Uhr und damit neun Minuten nach dem Gesamtvierten Evans startet, ist hier im Vorteil. Ein weiterer Grund, warum es durchaus spannend werden könnte.

Der Spanier wird alles geben. Das Gelbe Trikot wird bei Sastre noch einmal zusätzliche Kräfte freisetzen. Die Tour ist noch immer das prestigeträchtigste Radrennen der Welt, der Sieg der größte Triumph, den ein Radsportler erringen kann.

Sastres Teamchef bei CSC, Bjarne Riis, hat mit seiner Mannschaft sicherlich alles gemacht, um für diesen Bestfall, also einen möglichen Toursieg durch ein gutes Zeitfahren, vorzusorgen. Die Aerodynamik, das Kurvenfahren - alles wird tausendmal besprochen worden sein. Riis weiß genau, worauf es ankommt. Er weiß, wie er seine Fahrer vorzubereiten hat.

Deswegen gelten für mich auch Jens Voigt und Fabian Cancellara vom CSC-Team außer Evans zu den Favoriten auf den Etappensieg an diesem Samstag. Da es eine lange Zeitfahretappe ist, würde ich dem Schweizer Cancellara die besten Chancen auf den Tagessieg zusprechen. Dennis Mentschow (Rabobank) schätze ich nicht so stark ein.

Gerolsteiner-Profi Stefan Schumacher, der das erste Zeitfahren gewonnen hat, räume ich ebenfalls keine Siegchancen ein. Das gilt auch für den Gesamtzweiten Fränk Schleck (CSC/Luxemburg), über den es Berichte gibt, er habe in Kontakt zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes gestanden.

Auch der Dritte, Bergkönig Bernhard Kohl (Gerolsteiner/Österreich), ist nicht als guter Zeitfahrer bekannt. Überhaupt wird es keine Überraschungen geben. Die üblichen Verdächtigen, die ich auch schon teilweise genannt habe, werden den Sieg unter sich ausmachen.

Für alle anderen, für die es um nichts mehr geht, zählt eigentlich nur das Ankommen in einer möglichst angenehmen Art und Weise. Aber ich kenne das aus eigener Erfahrung, dass man doch Angst hat, aus dem Zeitlimit herauszufliegen. Und ganz so schlecht will man ja auch nicht ausschauen. Es wird dann also doch anstrengend.



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