Erfolgsteam CSC Bjarne is back

Bjarne Riis feiert bei der Tour de France sein Comeback. 2007, nach dem Dopinggeständnis, war der CSC-Teamchef unerwünscht - heute stört sich niemand mehr an dem Mann, dessen Mannschaft zur dominierenden Kraft geworden ist.

Aus St. Etienne berichtet Jörg Schallenberg


Es ist heiß, es ist eng und der Lärmpegel ist hoch. Am Start der 18. Etappe der Tour de France von Bourg d'Oisans nach St. Etienne herrscht das Chaos. Vor dem Teambus des dänischen Rennstalls CSC-Saxo Bank drängeln sich in einer schmalen Straße Zuschauer, Journalisten und Fahrer, dazwischen schieben sich wild hupend die verspäteten Begleitfahrzeuge anderer Mannschaften. Doch dem hochgewachsenen Mann mit der dunklen Sonnenbrille und den wenigen kurzen Haaren ist die ganze Hektik um ihn herum egal.

CSC-Teammanager Riis: "Es ist sehr schön, ja"
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CSC-Teammanager Riis: "Es ist sehr schön, ja"

Bjarne Riis, Teamchef von CSC-Saxo Bank, lässt sich seelenruhig mit ein paar Nachwuchs-Fahrern aus Südafrika fotografieren, schreibt lächelnd Autogramme und nimmt sich dann Zeit für ein Gespräch, während um ihn herum die spanischen Reporter fast durchdrehen, weil sie endlich ein paar Worte von Carlos Sastre, dem neuen Träger des Gelben Trikots, erhaschen wollen. Der bleibt lieber im Bus.

Riis dagegen stellt sich den Fragen - und antwortet direkt. Ob er wirklich so gelassen sei, wie er sich gibt? "Aber ja, es gibt doch auch einen guten Grund dafür." Dieser Grund besteht nicht in den momentanen Erfolgen seiner Fahrer, sondern liegt 14 Monate zurück. Am 25. Mai 2007 gestand der Däne, bei seinem Toursieg 1996 - er fuhr damals für das Team Telekom - gedopt gewesen zu sein. Seitdem scheint er wie von einer ungeheuren Last befreit.

Dabei reagierten die Veranstalter der Frankreich-Rundfahrt prompt, strichen ihn aus den Siegerlisten und stellten klar, dass Riis nicht unbedingt beim anstehenden Rennen erwünscht sein würde. Der blieb bis auf einen kurzen Besuch zuhause, seine Mannschaft musste ohne ihn antreten.

Jetzt ist Riis zurück. Schon vor dem Beginn der Tour in Brest wurde der 44-Jährige so herzlich begrüßt, als sei nie etwas gewesen. Als der Däne samt Team offiziell vorgestellt wurde, strahlte Renndirektor Christian Prudhomme über beide Ohren und applaudierte kräftig - derselbe Prudhomme, der Riis ein Jahr zuvor zur "unerwünschten Person" erklärt hatte.

"Das war natürlich ein gutes Gefühl", sagte Riis in Bourg d'Oisans, "ich war vorher schon angespannt, aber dann war alles ganz normal." So wie immer eben. Nur total anders. Denn seit jenen Zeiten, in denen Riis selbst als Profi in einem völlig dopingverseuchten Umfeld fuhr, hat sich offenbar einiges geändert - und er hat zumindest einen Teil dazu beigetragen.

Riis investierte nach seinem Geständnis einen Teil seines persönlichen Vermögens in ein teaminternes Dopingkontrollprogramm und engagierte mit seinem Landsmann Rasmus Damsgaard einen der angesehensten Dopingexperten weltweit, der ihn zuvor mehrfach scharf attackiert hatte. Zwar erregen solche Programme oft Misstrauen, weil man sie auch nutzen kann, um sich an Grenzwerte heranzudopen.

Von allen Maßnahmen, die bei den Rennställen ergriffen wurden, gilt die Methode, die CSC-Saxo Bank anwendet, aber noch am seriösesten.

Die vergleichsweise umfangreichen Kontrollen werden von einer schwedischen Firma durchgeführt, die Ergebnisse danach zunächst an den Weltverband UCI geschickt, die auffällige Befunde an die Welt-Anti-Doping-Agentur weiterreichen würde. Das Team erfährt die Werte zuletzt, betont Riis. Bislang ist kein positiver oder verdächtiger Befund bekannt geworden. "Ich kann ihnen garantieren, dass meine Mannschaft sauber ist", hat der CSC-Teamchef vor einigen Tagen selbstbewusst verkündet.

Die Gewissheit verblüfft, denn Kollegen wie Hans-Michael Holczer von Gerolsteiner oder Garmin-Chipotle-Chef Jonathan Vaughters betonen ein "Restmisstrauen" gegenüber den eigenen Fahrern. "Ich kann ihnen ja keinen Babysitter mitgeben, der immer aufpasst", sagt Vaughters. Solche Zweifel sind Riis ebenso fremd wie irgendeine Spur von Aufregung an diesem Morgen am Fuße der Alpen. Als Profi war er nie annähernd so locker, selbst bei seinem Auftritt als Teamchef 2006 wirkte der Däne viel gestresster und gehetzter.

Dabei erregen seine Fahrer als mit Abstand stärkste Mannschaft im Feld durchaus Misstrauen. Beim Zwischenstopp in Italien wurden gleich sechs CSC-Profis von den dortigen Kontrolleuren zum Test gebeten, am Donnerstag durchsuchte der französische Zoll unweit von Bourg d'Oisans das Auto von Johnny Schleck, dem Vater der CSC-Fahrer Fränk und Andy. Die Beamten fanden nichts Verdächtiges, das Comeback von Riis darf weiter als geglückt gelten.

Wie erklärt er eigentlich die Leistungen seines Teams? "Sehen Sie sich die Namen an", sagt er und zeigt in Richtung Teambus. Tatsächlich ist nach dem Abgang von Astana und Discovery Channel keine Mannschaft beim Kampf um das Gesamtklassement ähnlich stark besetzt wie CSC-Saxo Bank.

Zweifel an der Ehrlichkeit von Riis in seinem neuen Engagement gegen Doping rühren eher daher, dass er erst dann gestand, als ihn der frühere Telekom-Pfleger Jef d'Hont ohnehin schwer belastet hatte. Oder dass Jörg Jaksche erklärte, Riis habe ihm mit schweren Konsequenzen gedroht, falls er bei seiner Doping-Beichte Namen nenne. Der Deutsche fuhr 2004 für CSC.

Riis will ihm nie gedroht haben, und zu seinem Geständnis erklärte er der "Neuen Zürcher Zeitung" kürzlich: "Warum habe ich nicht früher etwas gesagt? Vielleicht hatte ich Angst." Von jener Angst, von jenem Druck, den er als Fahrer immer empfunden hat, ist nun nichts mehr zu spüren. Genießt er diese Tour mehr als jede andere? " Riis zögert, dann sagt er: "Ich glaube schon. Für mich ist das etwas ganz Persönliches, etwas ganz Besonderes, es ist sehr, sehr schön, ja."

Sogar seinen Titel hat er vorläufig wieder. In den Tour-Annalen wird Riis nun doch als Sieger von 1996 geführt. Die einfache Begründung: Sein Vergehen ist verjährt. Doch eine endgültige Bewertung steht noch aus. Sowohl über den Titel 1996 als auch über Bjarne Riis.



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