Erfurter Affäre Dopingjäger bekämpfen sich gegenseitig

Nada und Wada widersprechen sich in der Erfurter Dopingaffäre - und schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die UV-Bestrahlung von Blut eine verbotene Dopingmethode ist. Der DOSB fürchtet um die Sperre von Athleten, die an den Sommerspielen in London teilnehmen sollen.
Blutproben: UV-Bestrahlung verbotene Dopingmethode?

Blutproben: UV-Bestrahlung verbotene Dopingmethode?

Foto: REUTERS

Der Imageschaden ist groß. Und das Durcheinander in der Doping-Affäre am Erfurter Olympiastützpunkt beschädigt die Glaubwürdigkeit der Dopingbekämpfung in Deutschland. "Mein Vertrauen in die Arbeit der Nada ist durch den Umgang mit der Causa Erfurt nicht größer geworden", sagte Viola von Cramon-Taubadel, sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, SPIEGEL ONLINE: "Ich bin hochgradig erstaunt, wie sich die Sache entwickelt hat und zu welchen Volten die beiden wichtigen Institutionen Wada und Nada in der Lage sind."

Einmal mehr wiederholte sie ihre Forderung nach besserer finanzieller Ausstattung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Währenddessen ging Fritz Sörgel einen Schritt weiter. "Wir brauchen eine neue Nada", forderte der Pharmakologe und Dopingexperte in der "Berliner Zeitung". Für Sörgel, der als Sachverständiger unlängst im Sportausschuss des Bundestages von Abgeordneten der Koalition verhöhnt wurde, steht fest: Nada und Regierungskoalition wollen die in der Causa Erfurt betroffenen Sportler "freiboxen".

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat ebenfalls ein Interesse daran, die Nominierungsrunden für das Olympiateam der Sommerspiele in London nicht zu belasten. Die Frage hinter den verwirrenden Äußerungen von Verantwortlichen der Nada und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zur Blutdopingaffäre am Erfurter Olympiastützpunkt ist die: Handelt es sich bei der UV-Bestrahlung des Blutes von knapp 30 olympischen Kaderathleten um eine verbotene Dopingmethode, oder nicht?

Howman-Interview versetzt Nada in Aufregung

Die meisten Experten, die sich dazu bislang äußerten, haben eine klare Meinung: Die Methode sei seit Jahren verboten, weshalb gegen die betroffenen Athleten Verfahren eingeleitet werden müssten. Doch die Nada, die in dem Fall nachweislich fast ein Jahr untätig blieb, präsentierte Ende April überraschend ein einseitiges Schreiben von Olivier Rabin, wissenschaftlicher Direktor der Wada, in dem begründungslos behauptet wird, die Methode sei erst seit 2011 untersagt. Die Nada verkaufte diese Auskunft umgehend als angeblich endgültiges Urteil der Wada, obgleich sie zur selben Zeit ein Gutachten von Heiko Striegel erstellen ließ.

Der Mediziner und Jurist, so wurde inzwischen bekannt, kam zu einem gänzlich anderen Urteil und argumentiert ebenfalls, dass es sich seit Jahren gemäß Wada-Code um eine verbotene Dopingmethode handele. Laut Nada ist das Gutachten jedoch nicht fristgemäß zum 31. Mai überstellt worden. Man warte täglich darauf. Striegel selbst hat sich öffentlich bislang nicht geäußert. Die Nada hat aber bereits verlauten lassen, sie wolle das Striegel-Papier vom eigenen Aufsichtsrat erneut prüfen lassen.

Seit Montag sind die Nada-Verantwortlichen - und darüber hinaus der gesamte deutsche sportpolitische Komplex vom Hauptsponsor Bundesinnenministerium (BMI) bis zum DOSB und den betroffenen Fachverbänden - in heller Aufregung. Denn Wada-Generaldirektor David Howman war extra für zwei Interviews mit deutschen Journalisten nach Deutschland gekommen und hatte Spektakuläres verkündet: Er räumte Fehler im eigenen Haus ein, wies aber vor allem der Nada die Verantwortung zu.

Nada streitet Howman-Vorwürfe ab

Nach umfassender Prüfung sagte Howman "Zeit Online" nun: "Der Brief von Olivier Rabin kann nur als das genommen werden, was er ist. Ein Zwischenstand, basierend auf den Informationen, die uns zur Verfügung standen. Da uns Informationen fehlten, ist diese Einschätzung hinfällig. Unvollständige Informationen ergeben keine finale Antwort. Der Brief ist nichts wert."

Die Wada sei von der Nada schlecht und unzureichend informiert worden. "Die Nada hat suggeriert: Was die Wada sagt, das ist eine Entscheidung", so Howman, "Das ist komplett falsch. Deshalb mische ich mich jetzt ein und sage: Nein, nicht wir entscheiden. Und, nein, über das ausstehende Gutachten waren wir nicht informiert."

Die Nada widerspricht diesen Behauptungen. "Die Aussagen von David Howman bewerten wir in mehreren Punkten als falsch", sagte Pressesprecher Berthold Mertes auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Wir haben der Wada keinerlei relevante Unterlagen vorenthalten."

Während die Nada rechtzeitig vor den ersten Olympia-Nominierungen des DOSB für die Sommerspiele in London allen Athleten Persilscheine ausgestellt hat, empfiehlt Howman, aus der Gruppe der Sportler, die vor 2011 in Erfurt Blut bestrahlen ließen, "einen herauszugreifen und ihn vors Schiedsgericht zu bringen. Wenn dabei festgestellt wird, dass diese Methode schon immer verboten war, ist es leichter, weitere Dopingverfahren einzuleiten." Die NADA müsse endlich "ihren Job machen". Ein Sportgericht müsse entscheiden. Notfalls dann in einer nächsten Instanz auch der Internationale Sportgerichtshof Cas.

Diese neuerliche Wende in der Causa Erfurt ist weniger eine Wende in der Haltung der Wada. Vielmehr werden drängende Fragen zur Professionalität, Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Nada gestellt. "Ich hätte gern eine deutsche Nada, die so stark ist, wie andere starke Nadas", sagte Howman. "Die Wada wird gern mit daran arbeiten, dass die Nada auf dieses Niveau kommt." In anderen Worten: Deutschland, das seine Zahlungen an die Wada eingefroren hat, steht international nur in der zweiten Reihe. Wogegen hierzulande von DOSB und BMI gern behauptet wird, Deutschland nehme eine führende Rolle in der Dopingbekämpfung ein.

Am Dienstag wehrte sich die Nada gegen die Vorwürfe im Rahmen einer Presserunde. "Es ist richtig, dies als Reaktion auf die Aussagen von David Howman zu werten, von dessen Interview wir überrascht waren", so Nada-Pressesprecher Mertes.

Während sich Nada und Wada darüber streiten, wer Recht und wer Schuld hat, bemühen sich in Berlin allein die Grünen um Aufklärung. Deren sportpolitische Sprecherin von Cramon-Taubadel beantragte die Änderung der Tagesordnung für die Sitzung des Sportausschusses des Bundestages am 13. Juni: Erfurt müsse geklärt werden, Wada und Nada müssten Stellung beziehen. Außerdem solle das BMI, das stets im Sinne der Sportverbände argumentiert, einen aktuellen Bericht vorlegen.

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