Eröffnungsfeier in Peking Das olympische Feuer brennt

Es ist soweit: Vier Stunden nach Beginn der Eröffnungsfeier hat der chinesische Turner Li Ning in 40 Metern Höhe das Olympische Feuer entzündet. Zuvor waren die Athleten der 204 Nationen ins Stadion eingezogen. 15.000 Tänzer hatten eine spektakuläre Show zur größten Eröffnungszeremonie in der Geschichte der Spiele gemacht.


Hamburg/Peking - Die ganze Welt schaute - und in Pekings Olympiastadion wurde es dunkel. Nur die vielen bunten Leuchtstäbe im Publikum spendeten ein wenig Licht. Die chinesische Nacht lag über dem "Vogelnest", als sich in die Stille ein Trommeln mischte. 2008 Musiker hießen mit ihren rhythmischen Schlägen die Zuschauer in China willkommen.

Der akustische Wirbel ging über in ein optisches Zahlenspiel. Auf den illuminierten Trommeln wurden die letzten Sekunden des olympischen Countdowns ins dunkle Stadion projiziert. Um 19.59 Uhr Ortszeit wurde von 60 auf 0 heruntergezählt, dann bewegten sich die Spiele symbolisch mit großen Fußstapfen, dargestellt in einem großen Feuerwerk, durch das nächtliche Peking auf das Olympiastadion zu - 29 Feuerwerkskegel für die Spiele der 29. Olympiade.

Fast ein wenig zu früh, kurz vor 20.08 Uhr Ortszeit in Peking waren die Olympischen Spiele von Peking offiziell eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt erschienen erstmals an diesem Abend die Olympischen Ringe, wiederum in hellem Weiß auf nächtlichem Blau, bevor chinesische Soldaten, musikalisch unterstützt von Kinderstimmen, die Fahne des Gastgebers ins Stadion trugen. Zum Klang der Nationalhymne wurde sie nach olympischer Tradition gehisst. Tausende chinesische Soldaten, in den vergangenen drei Jahren zu Tänzern für die Eröffnungsfeier ausgebildet, präsentierten in der Folge auf einer ausgerollten Papierrolle Auszüge aus der chinesischen Geschichte, von der chinesischen Mauer bis zur Seidenstraße. Die Zahlensymbolik spielte auch dabei eine große Rolle: Meist traten die Tänzer in Gruppen von 2008 Künstlern auf. Insgesamt waren 15.000 Akrobaten aktiv - eine neue Dimension für olympische Eröffnungsfeiern.

Filmregisseur Zhang Yimou präsentierte ein farbenfrohes Spektakel, das besonders von seinen Lichtspielen lebte. Gepaart mit sphärischen Klängen des chinesischen Star-Pianisten Lang Lang entwickelte sich so ein meditatives Erlebnis mit dem Höhepunkt der Darstellung einer riesigen Friedenstaube - im Sinne der bisherigen Show als Lichtobjekt.

Angeführt von der Mannschaft Griechenlands begann genau eine Stunde nach dem Erleuchten der Olympischen Ringe der Einmarsch der Nationen. Dem Gastgeber der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen ist traditionell der erste Platz reserviert. Fünf Orchester von den fünf Kontinenten untermalten den Einzug musikalisch. Die Nationen zogen geordnet nach dem chinesischen Alphabet ins olympische Rund ein.

Kleinste Gruppe war das Team aus Nauru. Lediglich ein Gewichtheber, gleichzeitig natürlich Fahnenträger, zog mit ein paar Funktionären seine Runden im Olympiastadion. Knapp zwei Stunden nach Beginn des Einlaufs führte Basketballer Dirk Nowitzki die deutsche Delegation als sechstletzte Nation ins Olympiastadion. Immer wieder musste der NBA-Star für Fotos posieren, die andere Athleten mit ihm schießen wollten.

Wenige Minuten später erreichte auch das Team des Gastgebers den Ort der Feierlichkeiten. Unter begeistertem Applaus führte Nowitzkis Basketball-Kollege Yao Ming die chinesische Mannschaft an.

Den größten Beifall der 90.000 Zuschauer neben dem Gastgeber konnten die Mannschaften aus Hongkong und Taiwan genießen. Taiwan wird von den Chinesen als abtrünnige Provinz betrachtet. Für die USA trug der 1500-Meter-Läufer Lopez Lomong die Fahne. Der Sportler war im Sudan geboren und war erst im vergangenen Jahr US-Staatsbürger geworden.

Erstmals seit 1992 liefen die Athleten von Süd- und Nordkorea wieder nicht gemeinsam in ein Olympiastadion ein. Zuletzt waren Friedensgespräche zwischen den beiden Staaten ins Stocken geraten.

Insgesamt 11.000 Athleten werden in der mehrstündigen Einzugs-Zeremonie ins Olympiastadion einmarschieren. Mehrere Stunden wurden Videokameras geschwenkt, ins Publikum gewinkt und auch modische Akzente gesetzt.

Bis zuletzt hatte den Organisatoren das Wetter Sorgen bereitet - aber auch von dem grauen Himmel ließen sich die Veranstalter nicht abschrecken. Rund 90.000 Zuschauer im Pekinger Nationalstadion und Hunderte Millionen von Fernsehzuschauern weltweit erleben den Organisatoren zufolge die größte Eröffnungsfeier aller Zeiten.

Nachdem Qi Liu, Präsident des Organisationskomitees, die Gäste der Spiele begrüßt hatte, hieß IOC-Präsident Rogge die Sportler in China Willkommen. Der Belgier philosophierte in seiner Rede über das olympische Motto "Eine Welt, ein Traum" und erinnerte die Sportler daran, dass sie als Vorbilder für die Jugend der Welt agieren sollten - auch im Dopingsinne.

Um 23:37 Ortszeit, dreieinhalb Stunden nach Beginn der Feier, eröffnete Chinas Staatspräsident Hu Jiantao die Spiele schließlich offiziell, woraufhin die olympische Flagge ins Stadion getragen wurde. Zhang Yinin, chinesische Tischtennisspielerin, legte die Hand an selbige und sprach den Olympischen Eid.

Der Höhepunkt dann zum Schluss: In einem Lichtermeer aus vielen kleinen bunten Leuchtstangen fand das Olympische Feuer seinen Weg ins Olympiastadion. Acht erfolgreiche chinesische Sportler der olympischen Geschichte trugen das Feuer durch die Tausenden Athleten und vorbei an den Fahnen der teilnehmenden Nationen. Der Turn-Goldmedaillengewinner von 1984, Li Ning, wurde schließlich per Seil an das Stadiondach gezogen und absolvierte von dort aus eine Stadionrunde, an deren Ende er in luftiger Höhe das Feuer entzündete.

Noch am Freitagmorgen hatte wieder Smog über der Stadt, gelegen, die Sicht betrug wenige hundert Meter. Wenige Stunden vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele hatte sich China die Feierstimmung allerdings nicht verderben lassen wollen: "Peking ist bereit, China ist bereit", sagte Wang Wei, Generalsekretär des Organisationskomitees Bocog.

An der Feier nehmen nach Wangs Angaben "ungefähr 86" Staatsgäste aus dem Ausland teil. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist nicht dabei. Russlands Premier Wladimir Putin, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und US-Präsident George W. Bush sind dagegen bereits angereist. Auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder nimmt an der Eröffnungsfeier teil - als Privatmann.

In ganz Peking sind inzwischen schärfste Sicherheitsmaßnahmen in Kraft; einige Hunderttausend Sicherheitskräfte und Verkehrspolizei säumten die Straßen. Uniformierte bewachten jede Straße und jede Kreuzung. Der Verkehr ist wegen zahlloser Straßensperren stark beeinträchtigt. Am Abend sollte auch der Pekinger Flughafen für mehrere Stunden stillgelegt werden.

Während am Freitagmorgen Touristen und Einheimische zumindest von den anderen Straßenseiten aus über die breiten Straßen hinweg einen Blick auf den Tiananmen-Platz werfen konnten, ließen am späten Vormittag die Sicherheitskräfte auch dort sämtliche Bürgersteige räumen. Es hieß, dies sei aus Sicherheitsgründen nötig wegen des Mittagessens von Staatschef Hu für Staatsoberhäupter, Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und andere Ehrengäste in der Großen Halle des Volkes.

Unterdessen gibt es weiterhin massive Kritik von Menschenrechtsgruppen an der Politik Chinas. Auch US-Präsident Bush kritisierte nochmals die Pekinger Führung wegen Missachtung der Menschenrechte. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" besetzte aus Protest gegen die Medienzensur Chinas eine chinesische Mittelwellenfrequenz. Das Organisationskomitee kündigte an, an der Blockierung bestimmter Internet-Seiten festzuhalten. Gesperrt seien Internet-Seiten, die der "nationalen Sicherheit" und dem "gesunden Wachstum der jungen Generation" schaden, sagte Bocog-Generalsekretär Wang. Auch die elektronische Berichterstattung ausländischer Medien wird weiterhin behindert.

fpf/flo/dpa/AFP/Reuters/AP

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