Erwachsenwerden als E-Sport-Profi "Ich hatte eine selbstzerstörerische Mentalität"

Maurice Stückenschneider gehört zu Deutschlands erfolgreichsten League-of-Legends-Spielern. In seiner Karriere hat er Höhen und Tiefen erlebt, Leistungsdruck und Überbelastung ausgehalten. Warum kriegt er nicht genug?

Maurice "Amazing" Stückenschneider als Schalke-Spieler
Riot Games

Maurice "Amazing" Stückenschneider als Schalke-Spieler

Ein Interview von


Zur Person
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    Maurice "Amazing" Stückenschneider, Jahrgang 1994, ist seit sieben Jahren Esport-Profi im Titel "League of Legends". Sein größter Erfolg war die Teilnahme am WM-Halbfinale 2015. Bei Schalke 04 wurde er 2018 vom Spieler zum Trainer, im Sommer nimmt er seine aktive Karriere beim nordamerikanischen Team 100 Thieves erneut auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stückenschneider, Sie geben mit 25 Jahren ihr Comeback als aktiver League-of-Legends-Spieler. Sind Sie nach E-Sport-Maßstäben nicht zu alt dafür?

Maurice Stückenschneider: Es gibt den Mythos, dass Reflexe in den Zwanzigern abnehmen und Karrieren deshalb so früh enden, weil man bei dieser gewaltigen Konkurrenz körperlich nicht mehr mithalten kann. Die Wissenschaft ist sich da allerdings nicht einig. Um zu den Besten im weltweit erfolgreichsten E-Sport-Titel zu gehören, müssen wir zehn bis zwölf Stunden am Tag trainieren, oft unseren Wohnort wechseln. Viele Spieler kommen mit dieser Belastung irgendwann nicht mehr zurecht. Aber es hat auch andere Gründe: Mit Mitte 20 wollen Leute anderen Interessen nachgehen, dauerhafte Beziehungen führen, oder Familien gründen. Die Aufmerksamkeit für das Spiel nimmt ab.

SPIEGEL ONLINE: Spielerkarrieren in anderen E-Sport-Titeln dauern länger an. Wie kommt das?

Stückenschneider: "Counter-Strike: Global Offensive" zum Beispiel ist ebenfalls weltweit erfolgreich, aber die Konkurrenz bei Weitem nicht so groß. Man muss weniger trainieren, etwa sechs Stunden pro Tag. Das hat zur Folge, dass man den E-Sport-Alltag bewältigen und gleichzeitig eine Familie gründen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Ihre Karriere schon einmal unterbrochen, um als Analyst zu arbeiten. Zuletzt waren Sie vom aktiven Spielen ins Trainerteam von Schalke 04 gewechselt. Nun haben Sie sich dem nordamerikanischen Team 100 Thieves angeschlossen. Warum geben Sie Ihr Comeback als Spieler?

Stückenschneider: Man sieht es manchmal bei Fußballern, die nach der Spielerkarriere als Experte oder Trainer arbeiten: Sie finden dort oftmals nicht mehr die gleiche Leidenschaft wie zu aktiven Zeiten. So war es bei mir auch. Analyst war ein Versuch. Sich mal an die Seitenlinie zu setzen und eine Spielstrategie von außerhalb zu entwickeln, war für mich ebenfalls interessant. Aber mein Plan war es nie, schon komplett abzutreten.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie ist es nicht die erste einschneidende Karriereentscheidung in sieben Jahren professionellem Esport. Haben Sie auch Fehler gemacht?

Stückenschneider: Insgesamt gebe ich mir eine Sieben von Zehn. Ich hätte schon 2016 zurück nach Nordamerika gehen sollen. Wir hatten das Jahr in Europa mit meinem damaligen Team Origen erfolgreich abgeschlossen und ich dachte, es würde einfach so weitergehen. Ein Wechsel hätte meine Karriere wahrscheinlich schneller weiter- und mir mittlerweile ein positives Karriereende gebracht.

WM Halbfinale 2015 zwischen Origen und SK Telecom T1
Riot Games

WM Halbfinale 2015 zwischen Origen und SK Telecom T1

SPIEGEL ONLINE: Was bringt Sie zu der Annahme?

Stückenschneider: In Nordamerika haben die Venture Capital Companies zu dieser Zeit viel Geld in den E-Sport gepresst. Trainerstäbe wurden erstmals erweitert, man hat Positionstrainer bekommen, Physiotrainer, Sportpsychologen. Und wir saßen in Europa mit einem Manager und einem unterbezahlten Trainer. Als erfahrener Spieler, der ein Team auch leitet, hatte ich zwar Probleme mit dieser Professionalisierung. Gleichzeitig hätte mir die Erweiterung des Trainerstabs gefallen, weil dadurch weniger Last auf mich entfallen wäre.

SPIEGEL ONLINE: In Europa sind die Strukturen ja auch gerade in den vergangenen Jahren professioneller geworden. Hätten Sie sich diese Form der psychologischen Betreuung schon als jüngerer Spieler gewünscht?

Stückenschneider: Auf jeden Fall. Ein Sportpsychologe hätte wahrscheinlich meine Entwicklung bis hierhin sehr beschleunigt. Ich wäre schneller erwachsen geworden, schneller die Person geworden, die einem Team zum Sieg verhelfen, aber gleichzeitig den Ehrgeiz kontrollieren kann. Ich hatte damals eine selbstzerstörerische Mentalität. Vor allem, weil ich nach meiner ersten Weltmeisterschaft mit TSM 2014 sehr ausgebrannt war. Ich kannte das richtige Verhältnis von Spielen und Ausruhen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht sich dieses Ausbrennen bemerkbar?

Stückenschneider: Schlimm war es vor zwei Jahren, als gesundheitliche Probleme und Performancedruck zusammenkamen. Mich plagten stets die Gedanken: Wenn ich jetzt nicht spiele, könnte meine Karriere vorbei sein. Wenn ich jetzt nicht gut spiele, könnte ich aus der Szene fallen. Ob Handgelenksprobleme oder psychische Probleme, alles spricht sich rum. Teams handeln dann entsprechend das Gehalt runter oder engagieren einen gar nicht erst.

Maurice Stückenschneider gab 2018 sein erstes Comeback als Spieler im Schalke-Trikot
Riot Games

Maurice Stückenschneider gab 2018 sein erstes Comeback als Spieler im Schalke-Trikot

SPIEGEL ONLINE: Hat die Professionalisierung der Szene die Situation für Spieler verbessert?

Stückenschneider: Früher konnten Verträge schon mal nur für einzelne Turniere gelten, heute laufen sie über zwei oder drei Jahre - wenn man denn gut verhandelt. Viele Spieler hatten jedoch lange das entsprechende Wissen nicht. Die bekamen dann 6.000 Euro im Monat und dachten, es sei so viel mehr Geld, als sie in ihrem Leben jemals hätten verdienen können. Dass sie einen viel größeren Wert hatten, wussten sie nicht. Hinzu konnten schlechte Vertragsinhalte kommen: zu viele Streaming-Stunden auf Kosten der Freizeit. Organisationen haben einfach ihren Wissensvorsprung gegenüber den jungen Talenten ausgespielt. Heute gibt es Agenten und Anwälte, die Spieler schützen. In Nordamerika liegt das jährliche Durchschnittsgehalt der Spieler heute bei etwa 300.000 Dollar. Mit dem Franchising wurden hier und in Europa Basisrichtlinien eingeführt.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden junge Spieler überhaupt auf ihre Karriere als E-Sport-Profi vorbereitet?

Stückenschneider: Im Fußball gibt es Vereinsstrukturen mit Nachwuchsmannschaften oder Nachwuchsleistungszentren. Hat man es dorthin geschafft, weiß man als Spieler, dass man über Potenzial verfügt, und wird dementsprechend gefördert. Fußballer wachsen in der Regel in einem Umfeld auf, das ihnen hilft, sich als Spieler und als Person zu entwickeln. Im E-Sport hat man diese Organisationen und diese Hilfe in der Jugend nicht. Da ist man vor dem eigenen PC allein, spielt seine acht bis zehn Stunden am Tag, und es kann passieren, dass man dafür die Schule vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich dafür entschieden. War das eine gute Idee?

Stückenschneider: Bekannte von früher haben ihr Leben in eine mehr oder weniger ausgerichtete Bahn gelegt, Familien gegründet. Das lässt mein Lebensentwurf nicht zu. Meine harte Arbeit ermöglicht mir das nächste Jahr der Karriere. Ich entscheide alles von Jahr zu Jahr neu, habe dadurch sehr viel mehr von der Welt gesehen, als ich erwartet habe. Das hat mich viel älter gemacht als Gleichaltrige. Auf der anderen Seite hat es mich auch jünger gehalten, weil ich viele Dinge, die das Erwachsenwerden mitbringt - eigene Wohnung, finanzielle Sorgen, eigenes Zeitmanagement - nicht miterlebt und miterlernt habe.

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E-Sport-Titel einfach erklärt: So funktioniert "League of Legends"

SPIEGEL ONLINE: Finanzielle Sorgen waren nie ein Thema?

Stückenschneider: Auf jeden Fall spüre ich einen finanziellen Druck. Das heißt nicht, dass ich am Hungertuch nagen müsste, würde ich jetzt aufhören. Es ist eher die Frage, welche Lebensgrundlage ich mir durch meine Karriere ermöglichen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist es bei Ihnen so weit, dass sie sich auf ein anderes Leben konzentrieren wollen?

Stückenschneider: So lange ich die Möglichkeit habe, möchte ich noch mehr neue Erfahrungen im E-Sport sammeln. Ich möchte später Geschichten erzählen. Ich kann mir auch vorstellen, irgendwann komplett weit weg vom E-Sport zu arbeiten. Bis ich 28 oder 29 Jahre alt bin, möchte ich jedoch noch spielen. Es kommt darauf an, wie sich meine Interessen entwickeln. Sollte ich früher eine Familie gründen, könnten sich die Pläne ändern. Es wäre für mich komisch, mit der einen Hand ein Kind zu füttern und mit der anderen eine Maus zu drücken.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Shelumia 22.05.2019
1. Europa in der Spitze
Obwohl die Manschaften in Europa finanziell schlechter aufgestellt sind als anderswo in der Welt ist Europa trotzdem immer bei der Weltspitze dabei gerader die MSI gewonnen mit G2 das ist beeindruckend!
vitalik 22.05.2019
2.
Zitat von ShelumiaObwohl die Manschaften in Europa finanziell schlechter aufgestellt sind als anderswo in der Welt ist Europa trotzdem immer bei der Weltspitze dabei gerader die MSI gewonnen mit G2 das ist beeindruckend!
Beeindrucken, aber leider, wie aus dem Artikel hervorgeht, auf dem Rücken der Spieler ausgetragen. Wenn das professionelle Spielen 10-12 Stunden am Tag einnimmt, ist es mehr als ein Vollzeitjob, ein Vollzeitjob, den man mit Glück 10 Jahre betreiben kann. Wenn man in seiner aktiven Zeit es nicht schafft ans Geld zu kommen, hat man sich leider einige Steine für das künftige Leben in den Weg gelegt. Aber dieses Phänomen betrifft nicht nur die E-Sportler, sondern generell Sport, wo die Einnahmen und Marketing nicht so gut laufen. Die Frauen im Fußball verdienen kaum mehr als Männer der dritten Liga. Wenn die aktive Zeit vorbei ist, geht man zurück zum Job.
draco2007 22.05.2019
3.
Mal schauen wie lange es dauert, bis der Spruch "such dir einen RICHTIGEN Job" kommt.
neill1983 02.06.2019
4. @2 und @3
@2. Man sollte sich mal die Einnahmen von den Leuten ansehen und was die im Jahr verdienen. Die spielen nicht nur Turniere, sondern Streamen auch, machen Werbeauftritte uvm. Also man verdient da nicht wenig. hier nochmal nachzusehen: https://www.esportsearnings.com/history/2019/games/164-league-of-legends Dort verdient "die Elite" in den USA mal eben 100.000 - 200.000 Dollar im Jahr. Dazu sind sicherlich nicht alle Einnahmen eingetragen. Wie ich sagte, dazu kommt noch Marketing. Streaming. uvm. Er wird seine 75 - 100.000 Dollar auch sicherlich verdienen. Und das ist mehr als genug denke ich für einen 12 Std. Tag. Wenn er nicht alles auf den Kopf haut, kann man nach 10 Jahren sich locker ein Haus, Auto und noch paar andere Sachen leisten. Danach kann man ins Management wechseln oder in einen Bereich wo der E-Sport noch Leute brauchen kann. @3. Das ist ein richtiger Job und man sollte sowieso die Leute nicht ernst nehmen, die das sagen. Habe aber eben (02.06.2019 um ca. 01.30 Uhr) das 1. Spiel von Amazing gesehen und er wurde dort zerstört. Selbst die Kommentatoren haben kein gutes Haar an ihm gelassen, weil er die einfachsten Fehler gemacht hat.
spon_12 02.06.2019
5.
Zitat von draco2007Mal schauen wie lange es dauert, bis der Spruch "such dir einen RICHTIGEN Job" kommt.
Wie Sie sehen - bis zu Ihrem eigenen Beitrag.
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