Etappenhase Beste Aussichten, auch ohne Ullrich

Die Tour de France war sportlich gesehen aus deutscher Sicht äußerst erfreulich. In den kommenden Jahren kann es noch besser laufen. Aber dass Jan Ullrich zurückkehrt, ist unwahrscheinlich. Und der Kampf gegen Doping erfordert viel mehr Einsatz - von allen Beteiligten.

Von Rolf Gölz


Aus heutiger Sicht ist Andreas Klöden der ganz große Favorit auf den Tour-Sieg 2007. Mit einer guten Vorbereitung und ohne Verletzungspech kann er die Rundfahrt dominieren. Der diesjährige Sieger Floyd Landis wird sich demnächst einer Hüftoperation unterziehen. Das wird ihn weit zurückwerfen. Oscar Pereiro, der Gesamtzweite, wird seinen Überraschungserfolg wohl kaum wiederholen können. Carlos Sastre, das hat vor allem das letzte Zeitfahren eindrucksvoll gezeigt, ist eindeutig schwächer als Klöden.

Die Frage ist nur, ob der 31-Jährige auch im nächsten Jahr für T-Mobile fahren wird. Sein Vertrag läuft aus, drei andere Teams haben ihm bereits Angebote unterbreitet. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass er bei T-Mobile bleiben wird. Der Rennstall braucht ein deutsches Aushängeschild und kann es sich gar nicht erlauben, Klöden gehen zu lassen. Außerdem harmoniert die Mannschaft prächtig mit Klöden in der Kapitänsrolle.

Doch auch das Team Gerolsteiner hat einen deutschen Fahrer für die kommenden Frankreich-Rundfahrten in der Hinterhand. Markus Fothen hat bewiesen, dass er ein klasse Mann ist, ein wahrer Rohdiamant. Mit 24 Jahren auf Rang 15 zu fahren ist beachtlich. Dennoch warne ich davor, den Jungen jetzt unter Druck zu setzen und ihn womöglich bereits als Nachfolger von Jan Ullrich zu sehen.

Dass wir diesen noch einmal bei einer Tour zu sehen bekommen, halte ich für nahezu ausgeschlossen. Die ganz große Frage, die ich mir stelle, ist: Warum macht er keinen DNA-Test? Vielleicht weiß er ja, dass ihn ein solcher Test überführen würde. Sein derzeitiges Verhalten ist jedenfalls suspekt. Im Moment sieht es so aus, als spiele Ullrich auf Zeit, um noch so viel Geld wie möglich aus dem ohne Zweifel gut dotierten Vertrag mit T-Mobile mitnehmen zu können.

Der Druck, die Tour gewinnen zu müssen, und das Bedürfnis, sich der Rolle des ewigen Zweiten zu entledigen, war wohl einfach zu groß für Ullrich. Wenn er wirklich gedopt hat, sollte er in die Öffentlichkeit gehen, sich offenbaren und entschuldigen. Seine Fans würden ihm den Fehler verzeihen, da bin ich sicher.

Ullrich, das weiß ich, ist ein sehr netter Mensch. Doch er ist leicht beeinflussbar. Gerade in der jetzigen Situation hätte er eine bessere Beratung, ein professionelleres Krisenmanagement nötig. Ullrich braucht Leute, die ihm helfen.

Aber auch ohne Jan Ullrich wird die Tour ihre Attraktivität nicht verlieren. Viele dachten nach dem Aus von Ullrich, Ivan Basso und Co. würde das Interesse schwinden. Doch das Gegenteil war der Fall, die Tour war spannend wie lange nicht mehr.

Wenn nun noch das Dopingproblem gelöst wird, können wir mit großer Vorfreude nach vorne schauen. Um den Betrügern auf die Spur zu kommen, muss die Forschung vorangebracht werden, bessere Kontrollen sind nötig. Was bringt eine Untersuchung, wenn nicht immer auf alle nachweisbaren Stoffe, etwa das Hormon Erythropoetin (Epo), getestet wird?

Bessere Kontrollen aber kosten Geld. Doch sollten die Verbände nicht sparsam sein. Nur so können die Sportler unter permanenter Unsicherheit gehalten werden. Sie müssen immer damit rechnen, erwischt zu werden.

Solange es aber ein kalkulierbares Risiko ist, unerlaubte Mittel zu konsumieren und damit die Leistung schnell sehr stark verbessern zu können, wird es Doping geben. Man muss schon ein sehr starker Charakter sein, um dieser Versuchung nicht zu erliegen. Dies gilt im Übrigen nicht nur für Radprofis, sondern auch für Ruderer, Leichtathleten oder Gewichtheber.

Heutzutage zählt für viele Athleten einzig der Sieg. Die Sponsoren wollen nur die Topstars haben, der Rest ist nicht von Interesse. Das führt bei manchen zu der Überlegung, ob Doping nicht doch eine Lösung wäre.

Da wird einer zum Beispiel Siebter bei der Tour de France oder einem anderen Großereignis, hat kaum weniger geleistet als der Sieger – und dennoch erhält er weit weniger mediale Aufmerksamkeit und damit schwindet gleichzeitig das Interesse der Sponsoren. Auch in diesem Bereich muss es ein Umdenken geben. Trotz allem: Ich schaue weiterhin gerne Radrennen, es ist immer noch ein faszinierender Sport.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.