Etappenhase Kapitäne gesucht

Das T-Mobile-Team hat beim gestrigen Zeitfahren eine hervorragende Figur abgegeben. Bevor es in die Berge geht, stellt sich nun die Frage, wer die Kapitänsrolle der Mannschaft übernimmt. Nach der schwachen Fahrt von Levi Leipheimer wird darüber auch bei Gerolsteiner diskutiert.

Von Rolf Gölz


Was war das gestern für ein großer Tag für die deutschen Teams bei dieser Tour. Der Sieg beim Einzelzeitfahren von Sergej Gontschar hat gezeigt, dass T-Mobile mit einer Klassemannschaft am Start ist und den deutschen Konkurrenten von Gerolsteiner klar die Show stiehlt. Das muss man neidlos anerkennen. Nicht auszudenken, wenn auch noch Jan Ullrich und Oscar Sevilla dabei wären. Aber auch Patrik Sinkewitz als Sechster und der achtplatzierte Andreas Klöden, sowie die starken Gerolsteiner Sebastian Lang auf Rang vier und mein Geheimtipp Markus Fothen als Siebter zeigen, dass bei dieser Tour die jungen Profis tatsächlich die Chancen nutzen, die sich ihnen bieten.

T-Mobile-Fahrer Klöden: Mann für die Gesamtwertung
Getty Images

T-Mobile-Fahrer Klöden: Mann für die Gesamtwertung

Doch was heißt das jetzt für die Teams, wenn sich andere Fahrer aufdrängen? Werden die Kapitänsrollen neu verteilt? Denn seit gestern Abend wissen alle Profis, wie gut sie drauf sind. Das erste Einzelzeitfahren ist immer der große Formtest. Und Levi Leipheimer hat ihn nicht bestanden. So hart muss man es sagen. Warum der amerikanische Kapitän von Gerolsteiner aber mehr als sechs Minuten auf den Sieger verloren hat, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Vielleicht war es ja auch nur ein rabenschwarzer Tag. Eines ist aber klar: Es ist nun eher unwahrscheinlich, dass Leipheimer diese Tour gewinnt.

Ob jetzt auch schon Gerolsteiner die Kapitänsrolle neu verteilt, wage ich zu bezweifeln. Ich denke, Teamchef Hans-Michael Holczer wird erst die Berge abwarten und sich dann entscheiden. Aber wenn er es tun sollte – für wen? Im Prinzip drängt sich ja Markus Fothen als Gesamtfünfter auf, doch ich glaube, dass so eine Verantwortung für einen erst 24 Jahre jungen Tourneuling noch zu groß wäre. Auch wenn er bereits im Weißen Trikot des besten Jungprofis unterwegs ist.

T-Mobile hat dagegen ein Luxusproblem: Hier drängen sich mit Gontschar und Klöden zwei Fahrer für die Kapitänsrolle auf. Ich allerdings sehe Klöden (derzeit auf Gesamtrang sechs) als den Mann, für den das Team fahren sollte - und wird. Schließlich hat er 2004 als Gesamtzweiter bereits bewiesen, dass er das Zeug hat, aufs Podium zu kommen. Es spricht für ein Team wie T-Mobile, wenn es gleich zwei Fahrer hat, die im Klassement ganz vorne mitfahren können. In der Regel ist es einer funktionierenden Mannschaft egal, welchen Kapitän sie hat – es geht immer um das bestmögliche Abschneiden. Allerdings gibt es auch Ausnahmen, wenn nämlich Fahrer zu Kapitänen gemacht werden, die unbeliebt sind. Dann wird regelrecht gegeneinander gefahren. Mit dem gegenseitigen Helfen ist es dann vorbei.

Für T-Mobile wird die heutige Etappe über 177 Kilometer von Saint-Méen-le-Grand nach Lorient nicht einfach werden. Einerseits werden sie das Gelbe Trikot, in das Gontschar gestern geschlüpft ist, verteidigen wollen – aber um jeden Preis wäre auch wieder unklug. Denn ab Mittwoch geht es in die Berge, und dafür müssen alle Kräfte geschont werden. Bereits heute kann es gehörig zur Sache gehen, wenn die Fahrer Tempo machen, die sich beim Einzelzeitfahren geschont haben. Jens Voigt, vom CSC-Team, zum Beispiel. Der hatte meiner Meinung nach klare Stallorder, sich auf den 52 Kilometern am Samstag zurück zu halten. Der wird heute eines seiner bekannten Ausreißmanöver starten. Dabei wird er eine Menge Komplizen finden, allenfalls 50 Prozent des Feldes fährt ein Einzelzeitfahren wirklich mit 100 Prozent Einsatz. Für mich beispielsweise, war so ein Teilstück immer wie ein Ruhetag. Ich brauchte lediglich in der Mindestzeit ins Ziel zu kommen – Ende.

So eine Vorgabe hatten gestern die meisten Helfer – denn deren Kräfte werden ja noch für die ganz harten Etappen gebraucht. Also sind diese Leute heute fit und tatendurstig. Kontrolliert wird das Feld bei seiner Fahrt durch die Bretagne auf jeden Fall von den Sprinterteams. Der Belgier Tom Boonen wird alles daran setzen, endlich seine erste Etappe zu gewinnen. Er ist gegenüber dem bärenstarken Australier Robbie McEwen, dem Mann im Grünen Trikot, klar unter Zugzwang. Auch für Erik Zabel vom Milram-Team ist dieser Tag einstweilen die letzte Chance auf einen Tageserfolg. Unwahrscheinlich ist das nicht, aber er muss hoffen, dass für ihn sehr viel Positives zusammen kommt und die Situation einfach günstig ist.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.