Etappenhase Meister der Mathematik

Die Sprinter dominieren derzeit das Geschehen bei der Tour de France. Gut trainierte Oberschenkel sind dabei für die schnellen Männer ein Muss. Doch auch die mathematischen Fähigkeiten kommen beim Kampf um das Grüne Trikot nicht zu kurz.

Von Marcel Wüst


Jeder Sprinter ist in der ersten Woche ein wahrer Meister der Kopfrechenkunst. Während einer Etappe müssen alle, die ums Grüne Trikot fahren oder gar durch Zeitgutschriften mit der Farbe Gelb liebäugeln, ständig den Überblick bewahren.

Nach jedem Zwischensprint wird eifrig gerechnet, blitzschnell die eigenen, gerade gewonnen Punkte und Bonussekunden gezählt. Doch auch das Ergebnis der Konkurrenz bleibt den Profis nicht vorenthalten.

Sprinter Zabel: Die Konkurrenz stets im Visier
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Sprinter Zabel: Die Konkurrenz stets im Visier

Kurz vor dem Schlusssprint beginnt dann das Taktieren. Jeder Sprinter weiß, dass der Etappensieg ihm 20 Sekunden Gutschrift einbringt - und damit womöglich das Gelbe Trikot. Also wird irgendwie versucht, den Führenden in der Gesamtwertung abzuhängen - so wie es gestern Robbie McEwen versuchte.

Der Australier kam zwar mit einem Helfer an seiner Seite auf die letzen Meter, aber sein Zögern im Gegenwind, sein Schauen nach dem Mann in Gelb, Tom Boonen, hat ihm eine bessere Platzierung vermasselt, er wurde nur Fünfter. Selbst erfahrene Rennfahrer spüren die Last, wenn es nach schon zwei Etappensiegen dann zusätzlich auch um das "Maillot jaune" geht.

Selbst Erik Zabel, der sechsmalige Gewinner der Punktewertung, musste immer scharf rechnen, um genau zu wissen, wo seine Rivalen lagen, wer am Ende noch punkten durfte, um ihm nicht gefährlich zu werden. Danach richtete er immer sein Verhalten im Rennen aus.

Im Jahr 2000, als ich mir mit Erik und dem Belgier Tom Steels in der ersten Tourwoche einen erbitterten Kampf um Grün lieferte, bestimmte immer der aktuelle Zwischenstand die Renntaktik.

Als ich im Grünen Trikot am Start der achten Etappe einen kleinen Vorsprung auf meine Rivalen hatte, kam es mit sehr entgegen, dass es eine relativ große Ausreißergruppe gab, die alle Punkte bei den Zwischensprints abräumte.

Erik musste punkten, um mir das Grüne Trikot abzujagen, und wich auf den letzten 15 Kilometern nicht mehr von meinem Hinterrad - natürlich um mich nervös zu machen. Nach kurzer Analyse drehte ich den Spieß einfach um.

Ich ließ mich im großen Feld "durchsacken" und verlor mit ihm am Hinterrad gut und gerne 40 Positionen. Da es nur noch um einen Platz unter den ersten 15 ging, war die Fahrweise des Feldes nicht so aggressiv, wie es bei einem Sprint um den Sieg gewesen wäre.

Es gab zwar noch Punkte, auf die wir beide scharf waren, aber Erik brauchte die dringender als ich. Irgendwann, zirka zehn Kilometer vor dem Ziel, roch er die Lunte und ging an mir vorbei, um sich wieder nach vorne zu orientieren. Meine Ausgangslage war dadurch klar: Im Schlepptau fuhr ich an seinem Hinterrad wieder nach vorne, was ihm gar nicht gefiel. Im Schlusssprint des Hauptfeldes zog ich dann an Erik vorbei, ihm blieb nur der zweite Platz.

Ich hatte meinen Vorsprung um einen Zähler vergrößert – und den neuen Punktestand natürlich auch gleich wieder im Kopf.

Bis bald, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch dieses Jahr werde ich an den Ruhetagen (10. und 17. Juli) Leserfragen beantworten. Bitte mailen Sie an folgende Adresse: Etappenhase2006@aol.com.



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