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Zehnte Etappe: Greipels Triumph im Zielsprint

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Etappensieger Greipel Triumph über den Lieblingsfeind

Sein Sieg auf der zehnten Etappe war der erste für André Greipel bei der Tour de France. Im Zielsprint gewann der Deutsche ausgerechnet gegen seinen alten Rivalen Mark Cavendish. Der Brite, der seinen Konkurrenten zuvor nur verhöhnt hatte, spricht plötzlich von Respekt.

Vermutlich vollbrachte André Greipel seine größte Leistung an diesem Dienstag erst, als er bereits aus dem Sattel gestiegen war: Greipel riss seinen Kumpel Marcel Sieberg im französischen Carmaux fast zu Boden. Sieberg ist 1,98 Meter groß und für einen Radrennfahrer schwer gebaut. Aber Greipel stand dermaßen unter Adrenalin, dass so ziemlich jeder ins Wanken gekommen wäre, hätte er sich an diesem 12. Juli Greipel in den Weg gestellt.

Sekunden zuvor hatte sich der 28-Jährige seinen größten sportlichen Wunsch erfüllt: Er ist Etappensieger bei der Tour de France. "Das ist unglaublich. Das ist das Größte für mich. Darauf habe ich all die Jahre hingearbeitet", sagte der Fahrer des Teams Omega. Greipel stach seinen langjährigen und lange übermächtig scheinenden Rivalen Mark Cavendish in einem Sprintduell aus, das auf dem Rad die Güte hat wie Usain Bolt gegen Asafa Powell auf der Laufbahn. Dass es im direkten Zweikampf geklappt hat, war für Greipel besonders schön.

"Entscheidend war der letzte Berg. Ich kam ans Hinterrad von Cavendish und hatte dann Gott sei dank die besseren Beine", sagte er im Ziel. Trotzdem stehen für Greipel erst ein Sieg bei der Tour zu Buche, für Cavendish 17. Laut Greipel haben beide aber erst zum zweiten Mal richtig gegeneinander gesprintet. Somit stehe es 1:1. "Im Training bei Highroad haben wir nie voll durchgezogen", erinnert sich Greipel an seinen früheren Mannschaftskollegen. Bei Wettkämpfen achtete Teamchef Rolf Aldag ab 2009 darauf, dass seine beiden schnellsten Männer getrennte Wege gingen.

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Beim Giro d'Italia 2008 waren beide noch junge Kerle mit einer Balance aus Siegeshunger und Respekt. Als Anfahrer bugsierte Greipel Cavendish zu zwei Etappensiegen in Italien. Der revanchierte sich artig. Doch danach kam der Bruch. Und Greipel durfte nur zu Rennen, die nicht im Programm des Briten standen. Auf eigene Faust holte Greipel Siege bei Giro und Vuelta, bei der Spanienrundfahrt 2009 sogar das Punktetrikot. Zur Tour de France war ihm immer der Weg versperrt. Aldag zog Cavendish vor. "Wir nehmen den Besten mit", erklärte Aldag jahraus, jahrein. Nicht alle waren damit einverstanden.

Greipels Entdecker Peter Sager, der gleiche Mann, der auch Jan Ullrich zum regelmäßigen Radtraining brachte, hielt eine Doppelspitze Greipel/Cavendish für machbar. Auch Deutschlands ehemaliger Sprint-Star Erik Zabel, der beide beim kalifornischen Nachfolgerennstall von Team T-Mobile betreute, hätte früher gern beide Athleten bei der Tour gehabt. "Ich sähe es gern, wenn beide starten. Sie müssen dazu allerdings Vertrauen zueinander aufbauen", sagte Zabel vor einem Jahr.

Mit dem Vertrauen war es nicht weit her. "Der wird nie große Rennen gewinnen", lästerte Cavendish noch 2010, als Greipel bei kleineren Rundfahrten Sieg um Sieg holte, er selbst aber in einem Formtief steckte. Als Greipel einen Etappensieg beim Giro d'Italia holte, maulte Cavendish: "Wieviel Siege hätte er vorher einfahren können?" Greipel schluckte die Beleidigungen herunter. Ein Fehler, meinen viele, die sich im Geschäft auskennen. Er muss bissiger werden, ein paar Ecken und Kanten bekommen", sagte Zabel SPIEGEL ONLINE. Greipels neuer Teamchef bei Omega, Marc Sergeant, sieht es ähnlich: "Vielleicht muss er etwas böser auf dem Rad werden."

"Das ist kein Team"

Greipel selbst wehrte sich lange dagegen. "Ich bin ein ruhiger Typ. Ich will durch Leistung überzeugen. Dieses Gerede ist nicht meine Sache", erklärte er SPIEGEL ONLINE. Am Ende der letzten Saison wechselte er immerhin den Rennstall. Sechs Jahre in der zweiten Reihe bei T-Mobile waren genug. Als Greipel auch bei seinem neuen Rennstall das gleiche Schicksal während der Tour de France drohte, platzte ihm endlich einmal der Kragen. "Das ist kein Team", schimpfte er, als ihm Teamkollege Philippe Gilbert den Sprint auf der fünften Etappe versaute und, statt wie verabredet für Greipel zu arbeiten, selbst angriff und hinter Cavendish als Zweiter wertvolle Punkte für sein grünes Trikot holte.

"Mer muss och jönne könne", versuchte sich Greipel wenig später in einer Art Auto-Deeskalationstraining. Dass er seinem alten Rivalen Cavendish und dem derzeitigen Teamkollegen Gilbert die ersten Plätze doch nicht so ganz gönnte, bewies der Nachsatz: "Ich suche gerade noch nach der passenden Yoga-Übung dafür." Danach sprachen sich die Kampfhähne im Omega-Lager aus. Gilbert zog auf der siebten Etappe brav den Spurt für Greipel an. "Da habe ich den Spurt schon 300 Meter vor dem Ziel eröffnet. 50 Meter vor der weißen Linie ging mir dann die Luft aus", schilderte Greipel dieses erste echte Sprintduell mit Cavendish in Chateauroux.

Zur zehnten Etappe machte er es nach Vorarbeit von Kumpel Sieberg besser. Jetzt hat endlich angefangen, was Erik Zabel als "ein Duell wie einst Zabel gegen Cipollini" bezeichnet. "Es ist doch gut, wenn sich zwei echte Charaktere gegenüberstehen. Die Tour braucht so etwas. Und beide haben das Potential dazu", sagte Zabel SPIEGEL ONLINE.

Von Mark Cavendish war dieses Mal kein böser Spruch auf Greipels Kosten zu hören. "Er hat meinen Respekt", sagte der Brite.

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