European Games in Baku Das merkwürdige Spiel des ehrenwerten Lords

Die Europaspiele in Aserbaidschan sind die Propagandashow des Alleinherrschers Ilham Alijew. Doch nicht nur das Image der Sportveranstaltung ist fragwürdig - auch seine Vorgeschichte. Mittendrin: Ein Sport-Lord aus England.
Baku-Strippenzieher Coe: Fürstlicher Verdienst

Baku-Strippenzieher Coe: Fürstlicher Verdienst

Foto: AP/dpa

IOC-Präsident Thomas Bach war da, sein Wahlhelfer und potenzieller Fifa-Präsident Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah ebenfalls. Und auch Patrick Hickey aus Irland, Verbündeter von Bach und Al-Sabah sowie Präsident der Vereinigung European Olympic Committees (EOC). Sie machten bei der Eröffnung der ersten Europaspiele in Baku Aserbaischans Alleinherrscher Ilham Alijew ihre Aufwartung.

Die Top-Sportführer der Welt haben im nagelneuen Olympiastadion nicht entschieden gegen Menschenrechtsverletzungen oder die Beugung der Pressefreiheit opponiert; sie saßen auf der Tribüne neben Alijew und applaudierten. Alijew ist eben einer der ihren, denn schließlich fungiert der Kleptokrat auch als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Aserbaidschan. Und als großzügiger Finanzier.

Dass er ein NOK-Präsident ist, dessen Kinder auf wundersame Weise Multimillionäre wurden und der sich vom Parlament lebenslange Immunität vor Strafverfolgung festschreiben ließ? Dass das streng genommen ein Verstoß gegen die Olympische Charta ist? Geschenkt. Das IOC nimmt es damit traditionell nicht so genau, wenn große Geschäfte abgewickelt werden.

Der Ausrichter musste viel Geld haben - es sollte schnell gehen

Und Baku ist ein sehr großes Geschäft. Das Organisationskomitee, dessen Chef Alijews Ehefrau Mehraban ist, übernimmt die Kosten für die Unterkünfte aller Athleten, Trainer, Betreuer und Funktionäre. Für Flugtickets werden Pauschalen überwiesen, die großzügiger sind als IOC-Pauschalen bei Olympischen Spielen. Insgesamt bezahlt Alijew mindestens sechs Milliarden Dollar für seine Propagandashow, die er seit Monaten mit TV-Spots in ganz Europa, Anzeigen oder auf den Trikots von Atlético Madrid bewirbt. Wie sein Clan davon profitiert, ist ein nicht minder spannendes Thema wie die Frage, warum diese ersten Europaspiele überhaupt in Aserbaidschan stattfinden.

Herrscher Alijew (mit Bundesaußenminister Steinmeier, 2014): Sechs Milliarden

Herrscher Alijew (mit Bundesaußenminister Steinmeier, 2014): Sechs Milliarden

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Während alle anderen Kontinente teilweise seit den Fünfzigern ihre Spiele haben, entschied das EOC erst 2007, Europaspiele einzuführen. Es vergingen weitere vier Jahre, bis die Unternehmensberatung Deloitte in Hickeys Auftrag ein Anforderungsprofil für Ausrichter vorlegte. Zunächst war die Rede davon, die Europaspiele in London auszutragen, drei Jahre nach den Olympischen Sommerspielen 2012 wäre das nachhaltig gewesen. Doch die Idee zerschlug sich auch deshalb, weil Londons Cheforganisator Sebastian Coe während der heißen Vorbereitungsphase auf die Spiele 2012 bereits andere Pläne hatte. Mit Aserbaidschan.

Coes Firma CSM Strategic war im Frühjahr 2012 in Baku unter Vertrag und kümmerte sich dort um die Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2020. Das Engagement des umtriebigen Lord Coe deckte sich mit den Interessen des EOC-Präsidenten Hickey. Der Ire war an einem Kandidaten für die European Games interessiert, der sehr viel Geld garantieren konnte. Denn das Projekt musste in Windeseile durchgezogen werden - bis 2015 blieben nur noch drei Jahre.

Alijew lud Hickey im Mai 2012 zum Eurovision Song Contest ein. Drei Tage vor dem ESC-Finale hatte das IOC-Exekutivkomitee auf seiner Sitzung in Quebec auch die zweite Olympiabewerbung von Baku beerdigt. Wie schon vier Jahre zuvor (für die Sommerspiele 2016) kam Baku nicht in die IOC-Endrunde für die Sommerspiele 2020. Als Hickey zum ESC in Baku gastierte, war die Wunde noch frisch, die sein IOC geschlagen hatte. Aserbaidschans Sportminister Azad Rahimow kehrte aus Kanada zurück und erstattete seinem Chef Alijew Bericht.

Coe sah keinen Interessenkonflikt

Alijew, Rahimow und Hickey wurden sich auf Vermittlung von CSM schließlich handelseinig: Statt Olympia 2020 sollten in Baku die European Games 2015 stattfinden. Parallel dazu bereitete Minister Rahimow mit deutschen Planern (AS&P, Proprojekt) die Bewerbung für die Sommer-Universiade 2019 vor, die Weltspiele des Studentensports, die man später wegen stockender Vorbereitungen der European Games aber zurückziehen sollte. Stattdessen akquirierte er vier Spiele der paneuropäischen Fußball-EM 2020 - ebenfalls mithilfe der CSM des ehrenwerten Lord Coe.

EOC-Boss Hickey (l.), Minister Rahimow (r.): Treffen beim ESC

EOC-Boss Hickey (l.), Minister Rahimow (r.): Treffen beim ESC

Foto: Vassil Donev/ dpa

Im Dezember 2012 war der Deal zu den Europaspielen perfekt: Die EOC-Vollversammlung stimmte in Rom mit 38:8 Stimmen für Baku als Gastgeber der neuen Mega-Veranstaltung. Der DOSB votierte ebenfalls für Alijews Offerte. Es gab keinen anderen Kandidaten. Lord Coe übrigens, der mit seiner Firma fürstlich an der Entscheidung verdiente, war inzwischen Präsident der British Olympic Association (BOA), die ebenfalls für Baku votierte. Einen Interessenkonflikt meldete er nicht an, im Gegenteil, bei vielen Gelegenheiten pries Coe die Investitionen in Baku und den Weitblick Alijews.

Der Lord macht auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wie Turkmenistan glänzende Geschäfte - und will in diesem Jahr mit Unterstützung des kuwaitischen Scheichs Al-Sabah Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF werden. Diese Präsidentschaft wäre gleichbedeutend mit einer Mitgliedschaft im IOC von Amts wegen.

Die Zukunft der European Games, die nur von einem Alleinherrscher in dieser kurzen Zeit organisiert werden konnten, steht in den Sternen. Im Mai hatte das EOC die Europaspiele 2019 an die Niederlande vergeben und wollte damit in Sachen Nachhaltigkeit und geringe Kosten punkten: Die Wettbewerbe sollten über das gesamte Land verteilt werden. Doch wenige Wochen später gaben die Niederlande die Veranstaltung zurück, offiziell aus finanziellen Gründen.

Hickey und seine Helfer suchen verzweifelt nach einer Lösung. Am besten wäre ein demokratisches Land - nur wer soll das bezahlen? Eine Notvariante hat Hickey immer parat und hatte diese Option schon im Frühjahr durchgespielt: Weißrussland. Der dortige Diktator Alexander Lukaschenko, der 2012 nicht zu den Sommerspielen nach London einreisen durfte, ist ebenfalls NOK-Präsident. Und ein guter Freund von Pat Hickey.

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