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21. Oktober 2016, 19:02 Uhr

European Games in Weißrussland

Der Diktator und die Spiele

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Erst Aserbaidschan, jetzt Weißrussland: Die Europaspiele der Olympischen Komitees wurden bisher nur in Länder mit großen Menschenrechtsproblemen vergeben. Viele Funktionäre scheint das nicht zu stören.

Der Weltsport hat einen weiteren Aufreger: Die zweiten European Games sollen 2019 in Weißrussland ausgetragen werden. Dies entschied die Vollversammlung der Vereinigung aller europäischen Olympiakomitees (EOC) am Freitag im Gebäude des weißrussischen NOK in Minsk. Staatspräsident Alexander Lukaschenko, zugleich NOK-Präsident Weißrusslands, hatte dem amtierenden EOC-Chef Janez Kocijancic (Slowenien) zuvor in einem Vieraugengespräch seine Bereitschaft versichert.

Auf dem anschließenden Konvent beantragte Dänemark, die Entscheidung zu verschieben. Das wurde abgelehnt. 43 der 50 EOC-Verbände stimmten für Weißrussland. Fünf NOK enthielten sich der Stimme, nur Dänemark und Norwegen stimmten dagegen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unterstützte den dänischen Antrag auf Vertagung und enthielt sich anschließend der Stimme.

Die European Games sind ein Kontinentalwettbewerb nach olympischem Vorbild. In den anderen Kontinenten gibt es solche Wettkämpfe schon länger, in Europa wurden sie erstmals 2015 in Aserbaidschan ausgetragen und waren ein Milliardenprojekt. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew, ebenfalls NOK-Präsident, machte mit seinem Clan glänzende Geschäfte. Kritiker wurden inhaftiert. Das EOC weigerte sich, Details zu den finanziellen Regelungen mit Aserbaidschan zu veröffentlichen.

Verzweifelte Partnersuche

Die Spiele 2019 waren im vergangenen Jahr eigentlich an die Niederlande vergeben worden, doch kurz darauf stoppte die Regierung der Niederlande die riskanten Pläne. Seither war die EOC-Führung verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Partner, um die Europaspiele nicht sterben zu lassen.

Es sollte zunächst eine westliche Nation sein, doch dort ist der Widerstand gegen derlei Sportfeste groß. Vor wenigen Tagen wurde die Olympiabewerbung Roms eingestellt, was IOC-Präsident Thomas Bach in einem Brandbrief als "politisch motivierte" Entscheidung kritisierte. Kritik des IOC an der Wahl Weißrusslands und an den Menschenrechtsverletzungen unter Diktator Lukaschenko ist nicht zu vernehmen.

Die Europaspiele sind ein ewig umstrittenes Projekt des eigentlichen EOC-Präsidenten Patrick Hickey (Irland), der im August in Rio de Janeiro verhaftet wurde und Brasilien seither nicht verlassen darf. Hickey wird von der brasilianischen Justiz die Bildung einer kriminellen Vereinigung für den illegalen Handel mit Olympiatickets vorgeworfen, ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Freunde der Unschuldsvermutung

Er legte unmittelbar nach seiner Verhaftung vorübergehend alle Ämter nieder, darunter auch die Mitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und im IOC-Exekutivkomitee. Die EOC-Führung, der auch DOSB-Vorstandschef Michael Vesper angehört, steht weiter solidarisch zu Hickey. "Für ihn gilt die Unschuldsvermutung", sagt Vesper: "Wie jeder andere hat er Anspruch auf ein faires Verfahren nach den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismäßigkeit."

Lukaschenko sandte zu Beginn der EOC-Vollversammlung Grußworte an Hickey. Die Anklage der Staatsanwaltschaft erfolge "ohne Beweise" und werde von Medien "aufgebauscht", behauptete Lukaschenko. Hickey-Gefolgsmann Kocijancic erklärte: "Wir haben die Anschuldigungen gegen Pat Hickey geprüft. Soweit wir wissen, hat er sich keiner Straftat schuldig gemacht." Es gab großen Beifall.

Hickey, der in zahlreiche Affären verstrickt ist, hatte die European Games 2019 an Russland vergeben wollen. Er behauptete monatelang, russische Städte wie Kasan und Sotschi hätten Interesse daran. Sein Plan war, die European Games mit der vollen Wiedereingliederung des russischen Sports in die internationale Arena zu verbinden. Nachdem im November 2015 die Welt-Antidoping-Agentur Wada Russland als nichtkonform mit dem Welt-Antidoping-Code erklärt hatte, wollte Hickey mit den Russen und mit dem IOC einen Deal verabreden.

Die Zerschlagung des Hickey-Plans

Doch Russlands Sportminister Witali Mutko erklärte im Frühjahr 2016, dass man kein Interesse habe und mit der Fußball-WM 2018 und anderen Projekten bestens ausgelastet sei. Hickeys Russland-Plan hatte sich spätestens nach dem IOC-Beschluss im Sommer zerschlagen, Russland vorerst keine Sportereignisse zuzusprechen, wogegen andere Organisationen wie der Biathlon-Weltverband IBF allerdings verstießen und inzwischen Weltmeisterschaften an die Staatsdoping-Nation vergaben.

Weniger als drei Jahre vor Austragung der Europaspiele stand das EOC-Exekutivkomitee unter Druck. Normalerweise werden derlei Megaevents sieben Jahre (Olympia) oder gar acht und mehr Jahre (Fußball-WM) zuvor vergeben. Wie Weißrussland, das sich in einer gewaltigen Wirtschaftskrise befindet, eine solche Aufgabe meistern will, weiß niemand.

Lukaschenko bemüht sich derzeit um Kredite aus der Europäischen Union, die jüngst gegen den Protest von Menschenrechtsorganisationen einige Sanktionen gelockert hat. Eine saubere Ausschreibung und ein transparentes Evaluierungsverfahren für die European Games gab es nicht. EOC-Vorstandsmitglieder begründen das damit, dass Kosten gespart werden sollten. Man wollte den Aufwand bewusst im Rahmen halten.

"Skepsis zum Ausdruck gebracht"

"Das Verfahren fußt auf einem offenen Aufruf an alle 50 europäischen NOKs, ihr Interesse anzumelden", erklärt DOSB-Generaldirektor Vesper, der einer Arbeitsgruppe angehörte, die im Frühjahr 2015 den Kandidaten Niederlande favorisierte. Vesper sagt, er habe in Minsk auf der Sitzung des EOC-Exekutivkomitees seine "Skepsis zum Ausdruck gebracht". Er flog am Freitagmorgen vor Beginn des Kongresses nach Deutschland zurück, wo er am Wochenende in Leipzig mit den Landessportverbänden über die Reform der Spitzensportförderung verhandelt.

In Baku umfassten die Europaspiele 20 Sportarten. Das Programm für 2019 ist offen. Während weißrussische Funktionäre davon sprechen, das EOC und sogar das IOC müsse den künftigen Organisatoren finanziell entgegenkommen, die Lage sei angespannt, erklären EOC-Exekutivmitglieder, davon sei ihnen nichts bekannt.

Angeblich sollen in Weißrussland, das 2019 auch das Europäische Olympische Jugendfestival ausrichtet, keine neuen Arenen für das Großprojekt gebaut werden. Das Druckmittel des EOC, einige aufmüpfige Fachverbände zur Teilnahme an den European Games zu bewegen, sind Olympiaqualifikationen. Wie schon 2015 in Baku (für Rio de Janeiro 2016) sollen auch 2019 in Minsk in einigen Sportarten Quotenplätze für die darauffolgenden Sommerspiele (Tokio 2020) vergeben werden.

Weißrussland zählt zu den notorischen Dopingnationen. Erst kürzlich wurden weißrussische Fachverbände wegen systematischen Dopings von den Weltverbänden im Kanu (ICF) und Gewichtheben (IWF) für jeweils ein Jahr suspendiert. Der amtierende EOC-Präsident Kocijancic aber hat auch damit kein großes Problem. Er sei überzeugt, dass Weißrussland "exzellente Europaspiele" austrage, erklärte Kocijancic in Anwesenheit von Lukaschenko.

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