Ex-Helfer Hincapie Armstrongs Knecht auf Kopfsteinpflaster

Paris-Roubaix gilt als härtestes Eintagesrennen der Welt - für George Hincapie ist es das schönste. Der ehemalige Edelhelfer von Tour-Dominator Lance Armstrong wird bei der Tortur am Sonntag zum Chef des Discovery-Teams. Gelegenheit zu zeigen, dass er zu mehr berufen ist. 

Von Sebastian Moll


George Hincapie bemühte sich, äußerlich ruhig zu bleiben, doch in ihm brodelte es. Sein Mannschaftskollege Leif Hoste war am vergangenen Sonntag bei der Flandern-Rundfahrt - einem der großen Klassiker des Radsports - Zweiter geworden, der Amerikaner kam als Dritter ins Ziel. Hoste hatte ohne Absprache attackiert und Hincapie somit dazu gezwungen, die Verfolgergruppe des Führungsduos Hoste/Tom Boonen zu bewachen. "Eigentlich hätte ich da vorne sein müssen", sagte Hincapie zwar deutlich genervt aber mit kontrolliertem Tonfall.

Discovery-Star Hincapie: Armstrong-Nachfolge nicht geklärt
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Discovery-Star Hincapie: Armstrong-Nachfolge nicht geklärt

Hincapie, der als einziger Fahrer des Discovery-Teams Lance Armstrong bei allen sieben Tour-Siegen assistiert hat, sieht sich eigentlich als legitimer Nachfolger des Champions aus Texas: "Lances Rücktritt hat eine Riesenlücke in unsere Mannschaft gerissen", sagt der 32-Jährige. "Warum soll ich nicht derjenige sein, der sie schließt?" Die Episode bei der Flandern-Rundfahrt hat jedoch gezeigt, dass die Frage von Armstrongs Nachfolge bei Discovery alles andere als geklärt ist - Hincapie ist nicht der einzige, der jetzt der Boss sein möchte.

Wenigstens am kommenden Wochenende dürfte der ehemalige Edelhelfer allerdings eindeutig der Kapitän von Discovery sein. Am Sonntag startet am Marktplatz von Compiegne nördlich von Paris "die Königin der Klassiker", wie die Kopfsteinpflaster-Schlacht Paris-Roubaix genannt wird. Nach seinem zweiten Platz im vergangenen Jahr sowie sechs Top-Ten Plazierungen in den vergangenen zehn Jahren gilt Hincapie beim härtesten aller Eintagesrennen im Profi-Radsport als klarer Favorit neben Weltmeister Boonen. Auch, weil die Qualveranstaltung schon immer sein Lieblingsrennen war.

Die Bedingungen - Katzenköpfe als Untergrund, Wind, Schlamm, Regen, Kälte - sind miserabel. Und das Rennen ist - mehr als jedes andere im Radsport - eine Angelegenheit für Einzelkämpfer. Das ist perfekt für Hincapie, der als einer der härtesten Männer im Radsport gilt. "Ich kann mich an meinen ersten Paris-Roubaix-Start vor zwölf Jahren erinnern", sagt er. "Es hat geschneit, es war kalt und rutschig und von 180 Mann kamen nur 48 in Ziel. Ich wurde 31. und es war das Tollste, was ich je erlebte hatte."

Mit widrigen Bedingungen kennt sich der Sohn eines kolumbianischen Einwanderers aus. Er wuchs im New Yorker Stadtteil Queens auf. Sein Vater, in der südamerikanischen Heimat ein erfolgreicher Rad-Amateur, war es auch, der George und dessen Bruder Michael die Liebe zum Radsport vermittelte. Außer den beiden fuhr in Queens jedoch weit und breit kein Mensch Rennrad. Schon als Zehnjährige kämpften die Hincapie-Boys sich somit einsam durch den chaotischen New Yorker Verkehr. Ihre Altersgenossen, die Baseball oder Basketball spielten, hielten sie für verrückt.

Sturheit und Zurückhaltung 

Mit Sturheit und Härte arbeitete sich Hincapie über die Jahre von Sonntagsrennen im New Yorker Central Park bis zur Tour de France hoch. Um für die Alpen und Pyrenäen das Klettern zu lernen, zog er extra von der flachen Ostküste nach South Carolina in die Blue Ridge Mountains. Dort lernte er das Bergfahren so gut, dass er im vergangenen Jahr die schwerste Alpenetappe der Tour de France gewann.

Es war ein Betriebsunfall. Der treue Helfer war eigentlich nur aus taktischen Gründen in die Ausreißergruppe abkommandiert worden. Als die Gruppe 20 Minuten Vorsprung hatte, bekam Hincapie jedoch von Armstrong grünes Licht, auf eigene Rechnung zu fahren.

Der Sieg brachte Hincapie auf Gedanken. Gedanken, die er in den vielen Jahren seines Domestiken-Daseins niemals vorher gewagt hatte. Dass er selbst einmal Chef sein könnte, nämlich, eine Mannschaft dirigieren, eine Rundfahrt gewinnen. Vielleicht sogar die Tour: "Ich würde gerne einmal ausprobieren, wie weit ich bei der Tour komme, wenn ich auf eigene Rechnung fahre."

Seine Mannschaftskollegen werden ihm jedoch nicht so einfach das Feld überlassen - das wurde schon in Flandern deutlich. Es gibt gleich eine ganze Handvoll Kandidaten bei Discovery für die vakante Position als Tour-Sieg-Fahrer: Giro-Gewinner Paolo Salvoldelli, Jung-Star Jaroslaw Popowitsch aus der Ukraine, der Portugiese Jose Azevedo, der Spainer Jose Luis Rubiera und der junge Amerikaner Tom Danielson. Und keiner dieser Männer wird Hincapie für seine langjährige Treue einen Bonus einräumen.

Bei diesem Gerangel um die Chefposition hat Hincapie ein entscheidendes Handicap. Ganz im Widerspruch zu seiner körperlichen Härte auf dem Rad gilt der gut aussehende New Yorker als zu weich für das Geschäft. Das zeigte nicht zuletzt wieder durch seine milde Reaktion auf die Eigenwilligkeit Hostes in Flandern. Es fehle ihm, sagen viele, am letzten Quäntchen Durchsetzungswillen. So habe er im vergangenen Jahr beim Duell um den Sieg bei Paris-Roubaix den belgischen Superstar Tom Boonen beinahe kampflos gewinnen lassen. An diesem Sonntag hat Hincapie die Gelegenheit zu beweisen, dass er seither dazu gelernt hat - und nach sieben Jahren Knechtschaft bereit ist, das Szepter in die Hand zu nehmen.



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