Ex-Kugelstoßerin Kleinert "Wenn es so weitergeht, ist die Leichtathletik in zehn Jahren tot"

Kaum Nachwuchs, wenig Fernsehpräsenz, keine finanzielle Absicherung: Die frühere Spitzen-Kugelstoßerin Nadine Kleinert gibt eine düstere Prognose für die deutsche Leichtathletik ab.
Nadine Kleinert bei den Olympischen Spielen in London 2012

Nadine Kleinert bei den Olympischen Spielen in London 2012

Foto: Alexander Hassenstein Getty Images

Die frühere Weltklasse-Kugelstoßerin Nadine Kleinert gibt der olympischen Kernsportart keine große Zukunft. "Wenn es so weitergeht, dann ist die Leichtathletik in zehn Jahren tot - und den DLV gibt's nicht mehr", sagte die Olympia-Zweite von 2004 der Deutschen Presse-Agentur. Kleinert hatte ihre aktive Karriere Ende 2013 nach 25 Jahren Leistungssport beendet.

Mangelnde Attraktivität, kaum noch TV-Präsenz, die unsichere Situation der Trainer und die fehlende finanzielle Absicherung der Athleten sieht Kleinert als wesentliche Ursachen für die Krise der Sportart. "Die Zuschauer gehen doch lieber zu einem Fußballspiel der F-Jugend als zur Leichtathletik", sagte die 43-Jährige. "Es wird immer schwerer, Nachwuchs zu finden, ganz unten angefangen."

Europameisterin von 2012 hatte nach ihrer aktiven Karriere auch als Trainerin gearbeitet. Bei ihrem ehemaligen Verein SC Magdeburg sei sie "als Übungsleiter abgestempelt" worden, für 200 Euro netto im Monat. "Wer will's denn heute noch für'n Appel und 'n Ei machen? Sich von acht Uhr früh bis abends 20 Uhr in die Halle stellen und ein paar aufmüpfige Teenager trainieren, die auf nichts Bock haben", fragte Kleinert.

WM-Silber mit zwölf Jahren Verspätung

Rund ein dutzendmal wurde Kleinert nach Dopingfällen ihrer Konkurrentinnen nachträglich hochgestuft; sie führte eine Liste, "wo das Gröbste draufsteht. Aber ich hab aufgehört zu zählen." Gerade habe sie die Information bekommen, dass sie wieder mal eine Plakette nachgereicht bekomme: Silber statt Bronze von der WM 2007 in Osaka. Der Weltverband IAAF habe sie zur WM nach Doha eingeladen, die am 27. September startet. "Das ist eine Geste, ja, aber 'tschuldigung: Die arbeitende Bevölkerung hat keine Zeit." Kleinert arbeitet heute als Paketzustellerin im thüringischen Kyffhäuserkreis.

Olympia-Silber von Athen 2004 bekam Kleinert ebenfalls nachgereicht, weil die Siegerin Irina Korschanenko aus Russland wenige Tage nach dem Wettkampf im antiken Olympia des Dopings überführt wurde. Bronze bei der Hallen-WM 2010 in Doha hat sie erst neun Jahre später in der Hand. Immerhin in einem würdigen Rahmen bei den deutschen Hallenmeisterschaften 2019 in Leipzig. "Ich hab aufgehört zu zählen", sagt Kleinert: "Die letzte Medaille werde ich wahrscheinlich mit dem Rollator abholen."

aha/dpa

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