Weltklasseläuferin vor Sportgerichtshof Die Langstrecke der Caster Semenya

Seit zehn Jahren streitet die Leichtathletik über Caster Semenya und ihre erhöhten Testosteronwerte. Am Mittwoch entscheidet der Sportgerichtshof: Darf ein Verband Sportlerinnen zwingen, ihre Werte mit Medikamenten zu senken?

Caster Semenya nach ihrem Sieg in Zürich 2018
AFP

Caster Semenya nach ihrem Sieg in Zürich 2018


Worum geht es vor dem Sportgerichtshof?

Vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne wurde knapp zweieinhalb Monate über eine umstrittene Maßnahme des Leichtathletik-Weltverbands IAAF beraten. Der Verband will Athletinnen, die einen deutlich erhöhten Testosteronwert aufweisen, dazu verpflichten, diesen Wert künstlich zu senken - mit Medikamenten. Andernfalls wären sie nicht startberechtigt. Diese Vorschrift soll ausschließlich für Läuferinnen gelten, die über die Mittelstreckendistanz ab 400 Meter bis zur Meilen-Strecke an den Start gehen. Dagegen geht die zweifache 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenya aus Südafrika vor. Am Mittwoch gibt der Cas seine Entscheidung bekannt.

Wo liegt das grundsätzliche Problem?

Das Thema der sogenannten hyperandrogenen Athletinnen, also der Sportlerinnen mit deutlich höherem Testosterongehalt, ist spätestens seit dem Sieg Semenyas bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin in der breiten Öffentlichkeit. Der Weltverband und ihr Präsident Sebastian Coe argumentieren, Athletinnen wie Semenya hätten dadurch einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz. Die IAAF glaubt dies mit einem Gutachten aus dem Jahr 2017 belegen zu können - das sie allerdings selbst in Auftrag gegeben hatte. Dieser Vorteil trete vor allem auf den Laufmittelstrecken zutage, auf denen die Mischung aus Grundschnelligkeit, Kraft und Ausdauer entscheiden.

Was ist der Plan des Leichtathletik-Weltverbands?

Der Verband hat daher beschlossen, einen oberen Grenzwert von fünf Nanomol pro Liter Blut festzulegen. Wer darüber liegt - und Semenya liegt deutlich über diesem Wert - soll gezwungen werden, den eigenen Testosteronspiegel über die Dauer von mindestens sechs Monaten kontinuierlich unter den Grenzwert zu senken. Dies geschieht über die Einnahme von Medikamenten, sogenannten hormonellen Kontrazeptiva. Coe sagte im SPIEGEL-Interview im vergangenen Sommer dazu: "Es liegt in meiner Verantwortung, die über 90 Prozent an Athleten zu schützen, die einen fairen Wettbewerb verdienen."

Ist das eine Lex Semenya?

Coe weist den Vorwurf zurück, der IAAF gehe es vor allem um die Person Semenya: "Es tut mir leid, dass dies den Anschein hat und die Medien es in diese Richtung drehen. Das war nie unsere Absicht." Ohne die Erfolge der heute 28-jährigen Semenya, die bisher zwei Mal bei Olympischen Spielen und drei Mal bei Weltmeisterschaften triumphierte, wäre der Weltverband allerdings wohl kaum so energisch aktiv geworden. Der Fall Semenya hat bereits eine lange Geschichte: Die IAAF hatte die Läuferin nach ihrem Erfolg einmal gesperrt, sie aber 2010 wieder zu internationalen Starts zugelassen. Danach versuchte es der Verband schon einmal mit einer Obergrenze, dies wurde 2015 vom Cas allerdings einkassiert.

Semenya vor der Cas-.Anhörung offenbar optimistisch
AP

Semenya vor der Cas-.Anhörung offenbar optimistisch

Wer äußert sich positiv über die Grenzwerte?

Der deutsche Olympiasieger Thomas Röhler sprach sich für Testosterongrenzwerte aus: "Fakt ist: Wir wollen alle einen fairen Wettbewerb", sagte der 27-Jährige: "Wir sind von einer dritten Wettkampfklasse noch sehr weit entfernt. Und ich glaube, es wird auch extrem schwer, dem Sportfan zu vermitteln, wenn wir da hingehen. Deswegen sind fair begründete Grenzwerte unterstützenswert."

Die britische Marathon-Rekordhalterin Paula Radcliffe hält es für naiv zu glauben, Länder würden im Falle einer Entscheidung zugunsten Semenyas nicht gezielt hyperandrogene Menschen fördern. Auch Transgender-Sportlerinnen müssten dann ihre Werte nicht anpassen. Dies wäre das Ende des Frauensports, sagte Radcliffe.

Wer unterstützt die Läuferin?

Vor allem Vertreter aus Südafrika stützen Semenyas Position. Dort ist die Empörung über den Weltverband seit Jahren hoch. Die Sportministerin des Landes, Tokozile Xasa, sprach von einer diskriminierenden Regel: "Dies ist ein schwerer Verstoß gegen internationale Menschenrechtstandards. Es könnte verhindern, dass die Welt zukünftig die Überlegenheit des afrikanischen Sports sieht."

Rückendeckung erfährt Semenya auch von der früheren Tennis-Weltranglistenersten Martina Navratilova, seit Jahrzehnten bekannt für ihren Einsatz für die Rechte von Frauen. "Kann es richtig sein, Athleten dazu zu zwingen, Medikamente zu nehmen? Was wäre, wenn sich die Langzeitfolgen als schädlich erweisen", schrieb sie in der "Sunday Times". Das Statement pro Semenya ging allerdings fast unter, da die 62-Jährige gleichzeitig den Start transsexueller Sportler bei Frauen-Wettkämpfen als "Betrug" bezeichnet hatte - und sich damit die Empörung der Transsexuellenszene eingehandelt hatte.

Wie sind die Erfolgsaussichten der IAAF vor Gericht?

Das ist schwer einzuschätzen. Schon einmal ist der Weltverband vor dem Cas gescheitert. Auch damals hatte er eine Obergrenze festgelegt, sie lag mit zehn Nanomol pro Liter sogar noch deutlich höher. Eine Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand brachte diese Regelung zu Fall. Coe hat angekündigt, das Cas-Urteil diesmal in jedem Fall anzuerkennen.

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form bereits am 18. Februar auf SPIEGEL ONLINE und ist zum Anlass des Urteils am Mittwoch aktualisiert worden.

aha

insgesamt 17 Beiträge
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widower+2 30.04.2019
1. Schwieriges Thema
Es mag einem für Semenya ja leit tun, aber ein so hoher Testosteronspiegel bedeutet nun einmal einen eklatanten Wettbewerbsvorteil und somit eine Wettbewerbsverzerrung. Semenya ist ja nicht die erste ganz offensichtlich hypoandrogene Sportlerin. Der Weltrekord über 800 Meter wird zum Beispiel immer noch von Jamila Kratochvilova gehalten.
box-horn 30.04.2019
2. Grenzwerte sind nur fair
Semenya ist nun einmal eine Transgender-Frau, die nun einmal wegen ihres Hormonspiegels einen erheblichen Vorteil gegenüber "normalen" Frauen mit einem durchschnittlichen Hormonspiegel haben. Klar, dass Sie gerne starten würde. Und was käme bei einer Benachteilungsdebatte als nächstes? Transsexuelle?
senapis 30.04.2019
3. Wo sind die Grenzwerte fair?
Wenn z.B. ein männlicher Sportler erheblich höheren, natürlichen Testosteronspiegel aufweist? Dürfen dann die anderen, ebenfalls männlichen Sportler mit niedrigerem Spiegel an eine Obergrenze herandopen im Sinne von "Chancengleichheit"?
dgs 30.04.2019
4. 2 Klassen
Wie wäre es: Eine Klasse für Frauen und eine offene Klasse, dann wäre es fair und gäbe keine Diskussion! Semenya wäre dann in der offenen Klasse!
Wathammerjelacht 30.04.2019
5. Das ist keine Lösung!
Diese dumme Idee, den Testosteronwert mit Medikamenten zu senken, stammt aus der gleichen unsportlichen Ideologie wie das Doping. Es ist ein völlig unakzeptabler Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Sportlerin. Wo soll das aufhören? Es gab immer wieder Sportler, die massiv eine Sportart dominierten. Die Gründe sind vielfältig und gerade hier zufällig über den Testosteronwert - vermeintlich - zu messen. Wenn jemand ein phantastisch großes Lungenvolumen und besonders große Füße hat, kann er/sie in Schwimmwettbewerben sehr erfolgreich sein. Was will man denn da regeln? Oder bei einigen sehr kleinen und leichten Jockeys? Man regelt doch schon bei einigen Sportarten die Gewichtsklassen. Das wäre vielleicht eine Möglichkeit: Testosteronklassen. Dann kann Caster Semenya in der höchsten Klasse ihre Siege uneingeschränkt feiern. Wäre doch absurd dieser Frau ihre Freiheit derart einzuschränken. Dann müssen die anderen ihrer Generation sich eben damit abfinden, dass vielleicht bestenfalls in der "leichteren" Testosteronklasse der erste Platz zu erreichen ist.
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