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11. Oktober 2012, 14:29 Uhr

Fall Armstrong

Der größte Dopingskandal der Sportgeschichte

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Lance Armstrong hat systematisch gedopt und Kollegen zum Doping angestiftet: Der Usada-Bericht zeigt detailliert, wie der siebenmalige Tour-de-France-Sieger die Radsport-Welt jahrelang nach Strich und Faden betrogen hat - und warum er niemals bestraft wurde. Ein Überblick.

Für Lance Armstrong ist alles nur eine große Lüge, was die US-Anti-Doping-Agentur Usada jetzt veröffentlicht hat: der Vorwurf, er habe über Jahre systematisch gedopt. Die Zeugen, die den früheren Radprofi belasten. Die Blutproben, die Doping belegen. All das sei "einseitig verfälscht", ließ der siebenmalige Tour-de-France-Sieger über seine Anwälte mitteilen.

Hätte Armstrong mit seiner Behauptung recht, wäre der Usada-Bericht der größte Irrtum in der Geschichte des Sports. Das opulente Dossier spricht jedoch für etwas anderes: Es dokumentiert den größten Dopingskandal in der Geschichte des Sports.

Auf 202 Seiten (Link zum Bericht hier) fasst die Usada ihre Ergebnisse zusammen und zeichnet detailreich Armstrongs Karriereweg von 1998 bis 2011 nach. Wer waren seine Helfer, wie hat er gedopt, warum wurde er nie bestraft? All diese Fragen werden beantwortet. Der Anhang umfasst noch mal Tausende Seiten mit Aussagen, Daten und Fakten zu den Zeugen, dazu E-Mails, Protokolle, Zeitungsberichte, Bankauszüge und Anti-Doping-Vorschriften. Knapp vier Jahre nach Beginn ihrer Recherche in diesem Fall kommt die Usada zu dem Ergebnis: Armstrong habe das "höchstentwickelte, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat", betrieben.

"Die Erfolge des Teams US Postal und von Lance Armtrong wurden unter massivem Einsatz von Dopingmitteln erreicht, der in dieser Größenordnung in der Sportgeschichte noch nie aufgedeckt wurde. Mehr als ein Dutzend ehemaliger Weggefährten bestätigen, dass Herr Armstrong von Beginn bis zum Ende seiner Karriere zu Doping griff", ist eine der zentralen Aussagen im Usada-Bericht.

Einschüchterung und Drohungen

Wieso aber konnte Armstrong sein System 13 Jahre lang so erfolgreich betreiben, ohne dass er des Dopings überführt wurde? Ganz einfach: weil niemand geredet hat. Die Gerüchte, dass Armstrong gedopt haben soll, begleiteten fast seine gesamte Karriere. Nur gab es keine Beweise, höchstens Indizien. Es fehlten Zeugen, die auspackten, die mit der "Schweigepflicht", der Omertà, brachen.

Warum redete nie ein Profi? Weil alle von Armstrongs Erfolg profitierten, durch ihn erfolgreich wurden und viel Geld verdienten. Bestand die Gefahr, dass jemand auspacken würde, bekam er es mit Armstrong persönlich zu tun. Einschüchterung und Drohungen waren probate Mittel, damit Leute weiter schwiegen.

Nun hat Armstrong aber nichts mehr in der Hand, womit er seine Kollegen unter Druck setzen könnte. Und die einstigen Weggefährten haben nun auch kaum noch etwas zu verlieren. Ihr Erfolg ist Geschichte, viele der Zeugen haben ihre Karriere längst beendet. Und diejenigen, die noch aktiv sind, wurden für ihre Mithilfe zur Aufklärung des Falls nur ein halbes Jahr wegen Dopings gesperrt. Vom 1. September 2012 bis zum 1. März 2013 - wenn der Radsport Winterpause macht.

Zu den vielen Kronzeugen hat das Armstrong-Lager übrigens seine ganz eigene Meinung. Die Usada habe "die Geständnisse durch Drohungen und unseriöse Deals erzwungen", wie Verteidiger Timothy Herman sagte. Das hätte Armstrong auch versuchen können zu beweisen, indem er seinen Fall vor ein Gericht gebracht hätte, wo auch er selbst unter Eid hätte aussagen müssen. Er verzichtete darauf. Armstrong wollte wohl nicht lügen.

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