Fall Steffen Warnecke übt scharfe Kritik am Schwimmverband

Harte Kritik an den Funktionären: Aus Sicht des früheren Weltmeisters Mark Warnecke hat der Deutsche Schwimm-Verband großen Anteil an den Misserfolgen der deutschen Aktiven bei der WM im August. Vor allem Top-Star Britta Steffen leide unter einem Vertrauensverlust, so Warnecke.
Früherer Weltmeister Warnecke: "Kein Vertrauen" in den DSV

Früherer Weltmeister Warnecke: "Kein Vertrauen" in den DSV

Foto: AP

Hamburg - Der frühere Weltklasseschwimmer Mark Warnecke hat den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) massiv kritisiert und ihm vor allem schwere Fehler im Umgang mit seiner Olympiasiegerin Britta Steffen vorgeworfen. Dass Steffen bei der Weltmeisterschaft in Shanghai vorzeitig und überstürzt abgereist sei, habe der DSV zu verantworten, so der Brust-Weltmeister von 2005.

"Die Abreise von Britta Steffen ist für mich ein Resultat daraus, dass sie dem Verband kein Vertrauen schenkt", sagte Warnecke am Rande der Veranstaltung "Champion des Jahres" im türkischen Camyuva: "Ich stelle mir die Frage: Warum wendet sich ein deutscher Spitzensportler, wenn er Probleme hat - sportliche oder psychische - nicht an seinen Verband?"

Ausnahmeschwimmerin Britta Steffen hatte in Shanghai nicht nur ihre beiden WM-Titel über 50 und 100 m Freistil verloren, auch ihr Image hatte durch ihre vorzeitige und mit dem Verband nicht abgesprochene Abreise gelitten. Als Grund für das desolate WM-Abschneiden mit Platz 16 im Vorlauf über 100 Meter Freistil hatte Steffen nach den vielen Monaten Pause eine zu starke Fokussierung auf Kraftübungen im Training angegeben.

Mehr Orientierung an anderen Verbänden gefordert

Um solche Fehler künftig zu vermeiden, würde sich Warnecke eine stärkere Einbindung ehemaliger Athleten und eine ehrlichere Analyse wünschen. "Ein Verband kann versuchen, seine Ressourcen und die vorhandenen Kompetenzen zu nutzen und zu kanalisieren. In anderen Verbänden wird zum Beispiel sehr eng mit ehemaligen Athleten zusammengearbeitet", so Warnecke: "In den USA wird über die wirklich im Training geschwommenen Programme ernsthaft diskutiert. Bei uns müssen diese Programme vorgelegt werden, es ist aber ein offenes Geheimnis, dass das nicht unbedingt im Training geschwommen worden ist."

"Im DSV muss die Kommunikation offener, ehrlicher und vor allem fruchtbarer werden", fordert der 41-Jährige: "Wir haben ein sehr schlechtes Wir-Gefühl. In meinem Unternehmen würde ich fragen: Warum ist der Kunde unzufrieden, was muss ich verbessern?"

Für den Olympia-Dritten der Spiele von Atlanta 1996 ist der DSV ein Dienstleister am Athleten - nur funktioniert die Qualitätssicherung nicht. "Wenn ich eine Zufriedenheitsstudie mit allen Athleten mache, und dabei kommt raus, dass die Athleten unzufrieden sind, muss ich mir als Verband Gedanken machen: Woran liegt das? Sind die alle doof? Oder gibt es in meinen Strukturen etwas, das die Unzufriedenheit fördert?"

Für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London sieht Warnecke drei Medaillenanwärter im deutschen Team: Paul Biedermann, Christian vom Lehn und Steffen, der Warnecke sogar den erneuten Olympiasieg zutraut: "Britta kann da nach wie vor gewinnen. Sie muss vor allem mental gut drauf sein, das ist das Wichtigste für sie."

aha/sid
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