Hochseesegeln 600 Seemeilen auf Flügeln

Vor England hat das berüchtigte Fastnet-Rennen begonnen. An Bord der monströsen Tragflächen-Jacht "Malizia" sind drei Mann: Regatta-Profi Boris Herrmann, Fürsten-Enkel Pierre Casiraghi und ich. Das kann heiter werden.

Privat

Von Clemens Höges


Oh Mann, nicht nach diesem Abend. Ein Nonstop-Rennen segeln mit diesen beiden? Auf diesem Geschoss aus Carbon, hart und rau und laut, das nicht für Menschen gemacht ist? Von dem ich so bald nicht wieder runterkomme? Verdammt, die Sonne scheint, der Wind weht, knapp fünf Windstärken aus Südwest, also von vorne, auch das noch.

Wir waren am Abend vorher in einer uralten Hafenkneipe in Gosport bei Portsmouth, Fachwerk, "The Fighting Cocks" - die Streithähne. Alex Thomson war da, die Kneipe gehört seinem Bruder. Alex ist der Mann, den es zu besiegen gilt, eine britische Segel-Legende. Er ist einer von vielen Top-Skippern, die es zu besiegen gilt. Aber einer der besten. Und Freund und Streithahn zugleich. Gerade im Januar hat er einen neuen Weltrekord aufgestellt, über 500 Seemeilen in 24 Stunden, das ist unglaublich schnell für eine Segeljacht.

Gestern Abend saß er da, trank Bier und lachte, 87 Kilogramm voller Kraft, mit Lachfalten um die Augen. Boris Herrmann, deutscher Top-Segler, lachte auch, etwas feiner, ihm gegenüber sein Freund und Partner Pierre Casiraghi ebenso, noch Salz in den Haaren von seinem letzten Rennen.

Mit Pierres Privatjet aus Mallorca eingeflogen

Die beiden waren keine halbe Stunde vorher aus Mallorca gekommen - mit Pierres Privatflugzeug, es hat ein großes Haifisch-Maul vorne drauf, wie manche Jagdflieger im Weltkrieg. Und dann lachten und redeten sie über das Rennen: Fastnet. Und tranken Bier und Schnaps zum Cajun-Hühnchen mit Pommes, es wurde spät. Dann mussten wir um sechs Uhr raus aus dem Bett, aufs Boot, die "Malizia" und los.

Erst ist noch die Hilfscrew mit an Bord, drei Kollegen, Freunde vom Team "Malizia". Sie bereiten die Jacht mit vor, während wir auf die Startlinie zuhalten. Dann holt ein Motorboot die drei ab - wir sind alleine, es wird ernst.

12 Uhr 10 deutscher Zeit soll der Startschuss fallen. Wir kreuzen zwischen Dutzenden von anderen Jachten hin und her, immer möglichst nahe an der Startlinie.

Die größte Hochseeregatta der Welt

Die Jachten manövrieren jetzt auf engstem Raum. Noch dreißig Sekunden, die beiden holen die Segel dicht, die anderen preschen auch los, Alex liegt mit seiner schwarzen Imoca 60 "Hugo Boss" weiter vorne. Na klar.

608 Seemeilen liegen jetzt vor uns: das Fastnet-Rennen, die größte Hochseeregatta der Welt. Rund 400 Segeljachten sind diesmal am Start. Wir werden durch ein tückisches Gebiet segeln, vom englischen Portsmouth zum Fastnet-Felsen weit vor der irischen Küste und dann zurück nach England, nach Plymouth.

Da sind die Irische See und der Ärmelkanal, dazu der Schwell des offenen Atlantiks. Das Meer hier ist berüchtigt für plötzliche Stürme, Nebel und Gezeitenströme.

Niemand hatte den Orkan kommen sehen

Und so steht der Name Fastnet auch für die größte Katastrophe des Sports. 1979 fegte ein Orkan durch das Regattafeld, niemand hatte ihn kommen sehen. Viele Jachten kenterten, 18 Männer ertranken.

Trotzdem wollen es jedes Jahr mehr Segler wissen. Multimillionäre mit riesigen Schiffen segeln querab, Amateure mit braven Cruiser/Racern - vor allem natürlich andere Profis, meist gesponsert von Weltunternehmen: Beim Fastnet tritt die Elite der Hochseesegler an.

Die beiden auf "Malizia" sind die jungen Wilden unter ihnen. Boris Herrmann, 36, blaue Augen, braune Haare, Bart, hat schon mal "Geschichte geschrieben", schrieb SPIEGEL ONLINE 2008 - Geschichte für deutsche Verhältnisse, Deutschland ist nicht England oder Frankreich. Aber mit seiner deutschen Crew auf einem deutschen Schiff holte er immerhin erstmals einen Etappensieg bei einer internationalen Hochseeregatta. Seitdem ist er unterwegs, weltweit.

Statt Thronfolge Rennautos und Jachtklub

Pierre Casiraghi, 29, hat ebenso blaue Augen, Wuschelhaare und Bart, die beiden könnten Brüder sein. Aber Pierre ist Sohn der Monegassen-Prinzessin Caroline von Hannover, Enkel des Fürsten von Monaco, Nummer sieben der Thronfolge. Aus dem Thron wird also wohl nichts, egal, es sieht so aus, als lebe Pierre einen Traum, wie ihn wohl viele Männer träumen, mit Rennautos und Rennbooten und dem Jachtklub von Monaco, in dessen Namen sie beim Fastnet antreten.

Ihre "Malizia" gehört zur Formel 1 auf dem Wasser, über 18 Meter lang, gebaut wie ein großes Surfbrett, flach und breit. "Imoca 60" heißt die Bootsklasse, konstruiert für extreme Einhand-Rennen rund um die Welt. Andere Jachten sind größer. Aber die Imocas können fliegen. Manche zumindest.

Denn aus ihren Bordwänden ragen Tragflächen seitlich ins Wasser, sogenannte Foils. Beim richtigen Wind und auf dem richtigen Kurs heben diese Flügel die vordere Hälfte der Jacht aus dem Wasser. Die Zeitschrift "Yacht" schrieb über ein Schwesterschiff, es sei eine "Waffe", "faszinierend, aber irgendwie auch schon ein bisschen menschenverachtend".

Aber die Sache wird trotzdem knifflig, deshalb haben Boris und Pierre jeden Pfeil auf den Karten der Windvorhersagen analysiert. Es geht um Taktik und die Frage, auf welchem Kurs die Foils das Boot nach vorne katapultieren können.

Jetzt verlassen wir gerade den Solent und segeln aufs offene Meer. Unter Deck, wo ich das hier schreibe, kracht und ächzt es, als würde "Malizia" gleich auseinanderbrechen.

Boris kommt und checkt die Karte auf dem Bordcomputer. Alex Thomson liege vor uns, sagt er. Aber das Rennen hat ja gerade erst angefangen.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
chrismuc2011 07.08.2017
1.
Wichtiger und interessanter als die Tatsache, dass Pierre Caseraghi an der siebten Stelle der Tronfolge von Monaco steht, wäre es gewesen, dass sein Vater ihm wohl die Renngene vererbt hat. Stefano Caseraghi war mit Caroline von Monaco liiert, Unternehmer und mehrfacher Weltmeister in Speedboat races. Er ist bei einem Rennen 1990 mit 30 Jahren tödlich verunglückt.
dbrown 07.08.2017
2. Schön,
wenn man keiner geregelten Arbeit nachgehen muß...
Sumerer 07.08.2017
3.
"Vor England hat das berüchtigte Fastnet-Rennen begonnen. An Bord der monströsen Tragflächen-Yacht "Malizia" sind drei Mann: Regatta-Profi Boris Herrmann, Fürsten-Enkel Pierre Casiraghi und ich. Das kann heiter werden." Segeln ist mittlerweile ein Erlebnis, das sich viele leisten können. Allerdings sollte man, auch ich nicht, an einer Hochseeregatta teilnehmen. Weil dies, in der Regel, die Crew überfordern würde. Ich habe dies bisher einmal im Sturm (kein Orkan) erleben müssen. Wir mussten unseren Ausflug damals abbrechen. In Böen waren es gerade einmal bis zu 7 Windstärken - denen die Mannschaft nicht mehr gewachsen war.
MTBer 07.08.2017
4. Enkel?
Pierre Casiraghi ist wohl eher der Neffe des Fürsten von Monaco!
marialeidenberg 07.08.2017
5. Ob diese Rennziegen
einem ausgewachsenen Sturm wie '79 standhalten können muss noch erst bewiesen werden. Die Schwerwettertauglichkeit der Foil-Technologie ist seit den Erfahrungen beim America's Cup in Bermuda zumindest bezweifelbar. Es sind eben Hochseejollen ohne jede Gewichtsstabilität, aber das wissen die drei Herren ja wohl.
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