St. Paulis Pokalsensation gegen Hertha Wir waren Helden

Vor 11 Jahren warf Regionalligist St. Pauli die große Hertha aus dem DFB-Pokal - es war das schönste Spiel, das SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Ayla Mayer je im Stadion sah. Heute Abend muss sie wieder hin. Ein Abgesang.

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Wir bekommen den Freistoß von links, nahe der Eckfahne, fast von der Grundlinie. Eigentlich komplett aussichtslos, denn unsere Freistöße bringen selten etwas ein. Ich bin heiser, bis auf die Knochen durchgefroren und fertig mit den Nerven. Es läuft die 109. Minute, mit einer Hand kralle ich mich in die Schulter meines besten Freundes, mit der anderen verdecke ich meine Augen. Bloß nicht direkt hinsehen.

Ive Sulentic tritt an, der Ball fliegt, senkt sich in einer am Millerntor nie gesehenen Präzision an Herthas langem Pfosten. Robert Palikuca löst sich aus der Berliner Abwehr - und wuchtet den Ball per Kopf ins Tor, was ich natürlich nicht sehe, mitgerissen und begraben von einer Welle aus Armen, Glückshormonen und Bier.

Alles, was ich an Fußball liebe

4:3. Vier zu drei. Als Regionalligist gegen den Bundesligisten Hertha BSC. In der 109. Minute. Im DFB-Pokal-Achtelfinale. Gott, war das schön. Bitte sprechen Sie mich nie auf dieses Spiel an, denn die Chance besteht, dass ich nicht mehr aufhöre, zu reden. Zum Beispiel erzähle ich dann Dinge wie diese: Mit Palikucas Tor ging St. Pauli erstmals in diesem Spiel in Führung, zweimal waren wir nach Rückstand zurückgekommen. In der Verlängerung. Ein Spiel wie ein Thriller. Nein, besser: Ein Märchen wie aus einem amerikanischen Sportfilm. Müsste ich eine Weltraumkapsel befüllen, ich würde eine DVD dieses Spiels beilegen. Es hat alles, was ich am Fußball liebe.

Bis heute ist die Pokalpartie zwischen dem FC St. Pauli und Hertha BSC vom 21.12.2005 das aufregendste Spiel, das ich je in einem Stadion sah. Bis heute. Heute muss ich wieder hin.

St. Pauli empfängt Hertha BSC für die zweite Runde im DFB-Pokal. Mein Verein ist das Schlusslicht der zweiten Liga und hat die letzten vier Spiele verloren, selbst die, in denen wir gut waren. Hertha thront auf Platz drei der Bundesliga und hat nur gegen den FC Bayern verloren, was ja irgendwie nicht zählt. Nebelsuppe liegt über Hamburg, für den Abend sind 3 Grad und Nieselregen angekündigt. Es wird ein desolater Fußballabend. Keine Vorfreude, kein Fußballfest, kein Pokalfight. Es wird ein Albtraum. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes.

So schön wie früher wird's nie wieder

Das Hertha-Spiel 2005 war der Startschuss, der Gründungsmythos einer Mannschaft, die mit Willen und Einsatz im Jahr darauf den Aufstieg in die zweite Liga schaffte. Es war das erste Highlight der Pokalserie, die erst im Halbfinale gegen den FC Bayern endete, dem bislang größten Vereinserfolg. Es bescherte uns TV-Spiele gegen Werder und den FCB, was den angeschlagenen Verein finanziell sanierte. Alles schien machbar - wenn man nur wollte. Wir waren Helden. Das Spiel war eine Zäsur in der Vereinsgeschichte. Es markierte einen Wendepunkt für uns Fans.

Ich fürchte, dieses Spiel wird es auch.

Ich will da nicht hin. Der Gedanke daran verhagelt mir nicht nur die Laune, sondern trübt auch die Erinnerung. Die bittere Lektion aus dem Spiel gibt es schon vorher: So schön wie früher wird's nie wieder.

Im Kader nur freundliche junge Männer mit Loopschals

Zugegeben, der FC St. Pauli hat viel Pech gehabt in den vergangenen Wochen. Ligaspiele gegen Dresden und Aue gingen nach individuellen Patzern verloren, in Karlsruhe und München kassierte man den Ausgleich nach Führung. Bei der 0:3-Niederlage in Sandhausen ließ man sich auskontern: St. Pauli hat ein Konzentrationsproblem. Säulen des Teams sind abgewandert, wie Stürmer Lennart Thy (Werder) und die Mittelfeldspieler Marc Rzatkowski (RB Salzburg) und Sebastian Maier (Hannover) - Spieler, die vergangene Saison zusammen 18 Tore schossen. Dazu Verletzungen wie die von Stürmer Aziz Bouhaddouz oder der Ausfall der Innenverteidiger Philipp Ziereis und Sören Gonther. Der verbliebene Kader ist besetzt mit irgendwie freundlichen jungen Männern, die in ihrer Freizeit Loopschals tragen und in der Schanze in der Sonne Latte Macchiatos trinken. Daran vermag auch die letzte verbliebene Identifikationsfigur im Verein, Trainer Ewald Lienen, wenig zu ändern.

Das Team von 2005 trank lieber Bier als Kaffee, es war überwiegend langsam, nicht übermäßig mit Talent gesegnet. Andreas Bergmanns Aufstellung damals gegen Hertha liest sich wie ein "Who is Who" des FC St. Pauli. Fabio Morena als Kapitän, der vermutlich kleinste Innenverteidiger der Fußballgeschichte. Spieler mit Namen wie Ralph "Felgenralle" Gunesch und Timo "Schulle" Schultz. Der Amerikaner Ian Joy, der sich das Vereinswappen großflächig auf den Rücken tätowieren ließ und heute Bundesliga im US-Fernsehen moderiert. Florian Lechner, der nach seinem Ausgleich zum 3:3 zum Sprint über den halben Platz ansetzte und dann mit Krämpfen liegenblieb. Als Sechser Fußballarbeiter Fabian Boll, der schon als Jugendlicher auf der Tribüne des Millerntors stand und mit 24 noch in der Oberliga kickte. Michél Mazingu-Dinzey und der schönhaarige Felix Luz im Sturm. Eine Mannschaft, die keine Chance hatte und sie nutzte. Dass im Halbfinale Schluss war, störte uns nicht weiter: das Gerede über eine mögliche Uefa-Cup-Teilnahme durch einen Einzug ins Pokalfinale hätte uns den Blick für den ehrlichen Regionalligaalltag getrübt.

Jetzt haben wir Fluchtwege und funktionierende Damentoiletten

Heute diskutieren wir wieder über die Dritte Liga, zwangsweise. Meine Freunde und ich stehen in unserer mittlerweile aufwendig ausgebauten Nordkurve mit Fluchtwegen, funktionierenden Damentoiletten und effektivem Bierservice, schauen auf die jüngste Generation von Wandervögeln in bunten Fußballschuhen und fühlen uns heimatlos.

Wir haben keine Chance, und wir werden sie auch nicht nutzen. Wenn um 20.45 Uhr angepfiffen wird, bin ich dennoch im Stadion. Dann werde ich mich wieder in die Schulter meiner Freunde krallen, und mit der anderen Hand die Augen verdecken. Bloß nicht direkt hinsehen.



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