Blindenfußballer Tönsing Torschützenkönig auf Zuruf

Als 13-Jähriger spielte er in der Blindenfußball-Bundesliga, mit 17 wurde er Torschützenkönig - und jetzt kann er Meister werden. St. Paulis Stürmer Jonathan Tönsing beweist, wie rasant diese Sportart sein kann.

Die Spieler des FC St. Pauli feiern einen Sieg in der Blindenfußball-Bundesliga.
imago/Sebastian Wells

Die Spieler des FC St. Pauli feiern einen Sieg in der Blindenfußball-Bundesliga.

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"Das ist alles kein Problem", sagt Jonathan Tönsing, während die Kamera vor ihm aufgebaut wird. Für einen 17-Jährigen hat der Angreifer der Blindenfußball-Mannschaft des FC St. Pauli schon ziemlich viele Interviews gegeben, im Mai spielte er bei einem Medientermin sogar gegen Zweitliga-Star Aziz Bouhaddouz.

Schon kurz nach der Geburt war Tönsing auf beiden Augen erblindet, die Ursache war genetisch bedingter Augenkrebs. Die verbliebene Sehkraft liegt bei unter einem Prozent, doch selbst bei Sprints bewegt sich der Stürmer sicher. Nach jedem Angriff läuft er direkt Richtung Mittellinie und stoppt zielsicher in einer Dreierkette mit seinen Mannschaftskollegen. Falls er sich doch mal zu weit außen positioniert, korrigiert sein Trainer per Kommando.

Am Wochenende kann Tönsing mit St. Pauli Meister werden - dabei fing er erst vor fünf Jahren mit Blindenfußball an, sein heutiger Trainer Wolf Schmidt lockte ihn zum Training, die beiden kannten sich aus dem Stadion. Tönsing war St.-Pauli-Fan, Wolf für die Audiodeskription zuständig - so kamen sie in Kontakt. Nach nicht mal einem Jahr bestritt der Angreifer sein erstes Bundesligaspiel, im Alter von 13 Jahren. In der vergangenen Saison wurde er Torschützenkönig mit 15 Treffern in acht Spielen.

So funktioniert Blindenfußball: Jonathan Tönsing erklärt die Regeln im Video

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Die Meisterschaft wäre für St. Pauli aus mehreren Gründen ein Riesenerfolg. Zum einen wäre es das erste Mal, dass der Klub den Bundesligatitel holt. Außerdem kämpft die Mannschaft auch nach zehn Jahren um Aufmerksamkeit, obwohl der Verein in Deutschland zu den Pionieren der Sportart gehört. Besonders viel Publikum erwartet Tönsing am Wochenende dann trotz der anstehenden Entscheidung nicht. "Ich weiß, dass da nicht viel los sein wird. Das ist schon schade", sagt er.

Das Problem ist bekannt, der Sport hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert, um für Zuschauer interessanter zu werden. Vor der Saison gab es einige Regeländerungen, zwei besonders auffällige: Die Tore sind jetzt größer, statt 3 x 2 Metern betragen die Maße 3,66 x 2,14 Meter wie beim Feldhockey. Seitdem fallen mehr Treffer. Und zum ersten Mal entscheidet sich die Meisterschaft durch Playoff-Spiele. Der Tabellenerste SF/GB Blista Marburg muss gegen St. Pauli, den Zweitplatzierten, antreten.

Schon seit 2011 gibt es zudem sogenannte Stadtspieltage, die auf Marktplätzen stattfinden, wie am Samstag in Halle. Das Motto lautet "Mit dem Sport in die Mitte der Gesellschaft". Wer in die Mitte will, ist draußen. Auf sich selbst bezieht Tönsing das aber nicht: "Ich war an einer Regelschule, habe viele sehende Freunde. Deshalb fühl ich mich nicht ausgegrenzt."

Was es für seinen Sport bedeutet, ins Rampenlicht zu rücken, konnte Tönsing in diesem Sommer erleben. Im August spielte er bei der EM in Berlin sein erstes großes Turnier, teilweise vor 2000 Zuschauern. "Ein atemberaubendes Gefühl", sagt Tönsing. Allerdings wurde es "nach dem zweiten Tor so laut, dass ich gar nicht mehr wusste, wo die Tore und die Banden sind".

Kommunikation ist für die Spieler auf dem Platz entscheidend. Vor Pässen in die Tiefe oder Torschüssen bekommen sie von Guides am Spielfeldrand per Zuruf Hilfe: wie weit ist der Weg zum Tor? Sind noch Gegner zu umspielen? Abseits des Platzes ist Tönsing um Eigenständigkeit bemüht. Den Weg zur Schule schafft er alleine, Routine hilft dabei: Wer ihn über das vertraute Trainingsgelände begleitet, bemerkt kaum, dass Tönsing nicht sehen kann, so schnell und zielstrebig läuft er vorweg. Vor allem bei Auswärtsspielen, an unbekannten Orten, braucht er Unterstützung.

Video: Jonathan Tönsing über die EM und seine sportlichen Ziele

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Auch wenn die hohen Zuschauerzahlen bei der EM die Bedingungen für die Spieler erschwerten, über mehr Beachtung würden sie sich freuen: "In Brasilien kommen schon mal Tausende zu einem Spiel. Einzelne Stars verdienen Geld." In Südamerika wird Blindenfußball schon seit circa fünfzig Jahren gespielt, in Deutschland gilt das Jahr 2006 als Start der Blindenfußballgeschichte, die Bundesliga existiert seit 2008. Nur acht Mannschaften treten dort an, auch Nachwuchsteams fehlen. Solche Probleme gibt es europaweit: Die U21-EM musste aufgrund von Teilnehmermangel abgesagt werden. Eine U23-WM ist nun in Planung.

Dass in Brasilien mehr Spieler nachrücken, liege natürlich an der deutlich größeren Bevölkerungszahl, erklärt Tönsing. Andererseits aber auch am sozialen Ungleichgewicht. Große Teile der Bevölkerung leben dort in Armut, haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. In Deutschland gebe es prozentual gesehen viel weniger Blinde, sagt Tönsing.

Auch innerhalb Deutschlands ist die Situation für die Vereine nicht überall gleich: Die bisherigen Meistertitel gingen alle nach Marburg oder Stuttgart. Der MTV Stuttgart führt die ewige Tabelle an, SF/BG Blista Marburg holte die letzten drei Meisterschaften. Der Standortvorteil entscheidet.

Marburg gilt zum Beispiel als "Stadt der Blinden". Die Deutsche Blindenstudienanstalt (Blista) hat dort ihren Sitz, bietet unterschiedliche Schul- und Berufsabschlüsse an, auch das einzige Gymnasium für Blinde. Und auch die Universität ist blindengerecht ausgestattet. Davon profitiert der örtliche Verein.

Der FC St. Pauli kann nicht auf solche Strukturen zurückgreifen, muss deshalb vorausschauend arbeiten: Außer Tönsing spielen drei weitere Spieler im Alter von 17 bis 18 Jahren in der Mannschaft. Alle kicken seit mehreren Jahren mit und wurden auch ohne eigenes Nachwuchsteam an die Bundesligamannschaft herangeführt. "Das ist in der Liga schon einzigartig", so Tönsing.

Trotzdem bleibt Marburg der Favorit. Die Teams spielten in dieser Saison schon einmal gegeneinander, die Hamburger verloren 1:2. Was dem Angreifer dennoch Hoffnung macht: "Wir sind jung. Die anderen Teams sagen, uns gehört die Zukunft." Und dort warten noch größere Ziele: "Um 2020 in Tokio bei den Paralympics zu spielen, werde ich alles geben." Vermutlich würde es dann wieder deutlich lauter werden.



insgesamt 3 Beiträge
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widower+2 08.09.2017
1. Tolle Sache!
Hoffentlich finden sich bald auch mehr Sponsoren ein.
zylmann 08.09.2017
2. Das imponiert
Selbst einer Fußball uninteressierten Person wie ich sie eine bin.
Fußball 09.09.2017
3. Super Beitrag
Sehr interessanter, gut geschriebener Beitrag! Danke!!
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