Italiens Schwimmstar La Pellegrini

Federica Pellegrini wird in ihrer Heimat verehrt wie ein Hollywoodstar. Italiens Schwimm-Diva prägte eine Ära. Mit einem beeindruckenden Sieg hat sie sich jetzt von der WM-Bühne verabschiedet.

AP

Aus Gwangju berichtet


Federica Pellegrini spricht von den 200 Metern Freistil wie von einer Seelenverwandten. 2017 hatte sie sich nach WM-Gold von ihr trennen wollen. Sie wollte sich auf die kurzen Distanzen konzentrieren. Weniger Trainingsaufwand, mehr Zeit fürs Leben, das wäre doch fein, sagte sie.

Doch die 200 Meter, sie fanden immer wieder zurück in ihr Bewusstsein. Nach einem Jahr gestand sie sich ein, dass es so einfach nicht sein würde. "Ich liebe diese Strecke, ich habe sie vermisst", sagte Pellegrini nun. Und so habe sie sich entschieden, es noch einmal mit ihr zu versuchen. Am Mittwoch, kurz vor ihrem 31. Geburtstag, gewann Pellegrini den Titel über "ihre Strecke". Es war ihre achte WM-Medaille in dieser Disziplin in Folge, vier davon golden.

Federica Pellegrini ist ein Superstar in Italien. Die Tifosi verehren die stolze Pellegrini, die sich nach einem Rennen schon mal schnell den Spiegel reichen ließ, um sich für die anschließenden Interviews herzurichten, wie sonst nur einst La Lollobrigida, Sophia Loren oder Claudia Cardinale. Legendär ist ihr Cover für die italienische Vanity Fair, auf dem sie goldbesprüht, mit angezogenem Bein und Hollywood-Wasserwelle in die Kamera schaut. La Pellegrini liebt exzentrische Mode, ihr Instagram-Account ist mehr Styleblog als Schwimmtagebuch.

Pellegrini schwimmt, seit sie sechs Jahre alt war. Mit 14 Jahren sah sie, wie Franziska van Almsick Weltrekord über 200 Meter Freistil schwamm. Zwei Jahre später gewann sie bereits olympisches Silber in Athen. 2007 brach sie bei der WM in Melbourne dann selbst van Almsicks Weltrekord-Regentschaft. Diese Wachablösung habe ihr alles bedeutet, sagte sie einmal.

High Heels für jeden WM-Titel

In der italienischen Tageszeitung "La Stampa" ordnete Pellegrini vor einigen Jahren jeder ihrer WM-Teilnahmen eines ihrer mehr als 500 Paar High Heels zu. Zu Melbourne, also für jene zweite von nun acht Weltmeisterschaften, griff sie zu ihrem ersten Paar: "Dieser Weltrekord war wie der Moment, indem du als Mädchen das erste Mal Pumps tragen darfst."

In jene Zeit fällt auch ein Duell außerhalb des Beckens, das den Ruf der selbstbewussten Pellegrini als Diva nachhaltig festigen sollte. 2007 hatte die ähnlich exaltierte Laure Manaudou ihre Konkurrentin beschuldigt, ihr den Freund Luca Marin ausgespannt zu haben. Anschließend plauderte Pellegrini genüsslich über ihre Sexabenteuer mit dem Italiener. Manaudous frühes Aus in Peking und ihr zwischenzeitliches Karriereende werden bis heute diesem Königinnenkrieg zugeschrieben.

Pellegrini bescherte ihrer Heimat bei eben jenen Spielen 2008 indes das erste Schwimm-Olympia-Gold. Bei der Heim-WM im römischen Foro Italico im Jahr darauf kürte sie sich mit Gold über 200 und 400 Meter Freistil endgültig zur Kraul-Königin. Die Weltrekorde dazu, aufgestellt in mittlerweile verbotenen Hightech-Anzügen, gelten bis heute. Bei ihrem Gold-Rennen in Gwangju kraulte die 31-Jährige nun so nah an diese Zeit heran wie niemals zuvor.

2012 erlebte sie bittere Stunden

Wie schnell die Zuneigung ihrer Landsleute umschlagen kann, musste Pellegrini, die mit ihrer direkten Art immer wieder aneckte, bei den Spielen 2012 erleben. Damals machten die Italiener Pellegrinis zur Schau gestellte Liebe zu Teamkollege Filippo Magnini für das Debakel des gesamten Schwimmteams verantwortlich. Eigentlich sollten jene Spiele in London ihre historische Karriere krönen. So jedoch wollte Pellegrini nicht abtreten. Stattdessen schrieb sie weiter Geschichte.

2017 etwa, als US-Superstar Katie Ledecky angetreten war, um Pellegrini vom Thron zu stoßen. Doch Pellegrini schlug noch einmal zu, verwies die Alles-Gewinnerin erstmals überhaupt auf den zweiten Platz. Damit war Pellegrini zudem die erste Frau, die bei sieben aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften in ihrer Paradedisziplin aufs Podium geschwommen war.

Dieser Erfolg muss zudem mit viel Genugtuung verbunden gewesen sein, war es doch auch Ledecky, die dafür gesorgt hatte, dass nach London auch die Spiele von Rio zur Enttäuschung für Pellegrini wurden. Beim Sieg des Teenagers schlug sie als Vierte an. "Dieser Moment tut so ungemein weh, ich kann es gar nicht beschreiben", schrieb sie damals.

Nach dem Erfolg in Budapest ein Jahr später sagte sie: "Ich habe meinen Frieden mit mir gemacht." Dies sei ihr letztes 200-Meter-Rennen gewesen, sagte sie zudem. Dann aber schlich sich ihre Strecke wieder zurück in ihr Leben. Nach WM-Gold Nummer vier sagte sie: "Ich bin zu alt für diese Emotionen. Dies war meine letzte WM." Nun soll nach den Spielen von Tokio Schluss sein. Denn: "Es war immer mein Traum, meine Karriere mit Olympischen Spielen zu beenden."

Federica Pellegrini hat eine Ära geprägt. Zuletzt saß der Superstar in der Jury der italienischen Ausgabe von "Das Supertalent". Auf die Frage, wie sie ihren Auftritt über ihre Strecke denn nun bewerten würde, erhebt sie die Stimme, reißt den Arm hoch und ruft "Ja, ja, ja! Von mir ein Ja!"



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bartsuisse 25.07.2019
1. keine Diva
sondern sehr sehr natürlich und sympathisch
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.