Feldhandball Der vergessene Sport

Feldhandball war bis Ende der sechziger Jahre in Deutschland der zweitwichtigste Sport. Das "Handball-Magazin" blickt zurück auf Zuschauermassen sowie große Erfolge - und auf eine Sportart, die mittlerweile nahezu unbekannt ist.
Von Oliver Jensen

Zwei Handballmannschaften laufen auf - und 93.000 Zuschauer auf den Tribünen warten sehnsüchtig auf den Spielbeginn. Kann das sein? Zugegeben: In der Gegenwart sind solche Zuschauermassen utopisch. Die Hallen, in denen die Erstligisten beheimatet sind, lassen lediglich einen Bruchteil zu.

Doch das war vor einigen Jahrzehnten anders. Mitte des 20. Jahrhunderts, als Handball draußen auf dem Großfeld gespielt wurde und die Hallenvariante lediglich eine Randerscheinung darstellte, waren in den Stadien Zuschauerzahlen im hohen fünfstelligen Bereich eher Regel denn Ausnahme. Ein Länderspiel zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR lockte 1959 die oben erwähnten 93.000 Zuschauer ins Leipziger Zentralstadion. Ein Spiel zwischen der deutschen und der schwedischen Nationalmannschaft sahen 40.000 begeisterte Zuschauer im Augsburger Rosenaustadion.

Und 1936 waren es sogar 100.000 Menschen, die die Finalrunde der Olympischen Sommerspiele in Berlin vor Ort miterlebten, als die deutsche Mannschaft mit einem 10:6 gegen Österreich die Goldmedaille gewann. Es war das erste und einzige Mal, dass Feldhandball olympisch war.

Bei Regenwetter geriet der Wettkampf häufig zum Glücksspiel

Das alles ist lange her. Und inzwischen ist dieser Sport längst in Vergessenheit geraten. Die Feldhandballspieler von einst denken gern an die Zeit auf dem Rasen zurück. "Bei solchen Freilichtveranstaltungen herrschte eine ganz besondere Stimmung", sagt der frühere deutsche Nationaltorwart Manfred Hofmann, der 1973 mit dem TV Großwallstadt Deutscher Meister wurde. "Ich erinnere mich an Spiele vor 28.000 Zuschauern. Das ließ sich mit dem Sport in der Halle überhaupt nicht vergleichen. Außerdem war es einfach schön, an der frischen Luft zu sein."

Sein damaliger Teamkollege Josef Karrer hat zwar ebenfalls schöne Erinnerungen, die damaligen Schwierigkeiten aber nicht vergessen: "Die Plätze waren oft in einem schlechten Zustand. Wir spielten teilweise auf einem wilden und unebenen Rasen." So kam es immer wieder vor, dass die Bälle beim Tippen wegsprangen. "Die Platzverhältnisse", sagt Karrer, "hatten oft einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Spielausgang." Besonders schlimm war es bei Regenwetter. Dann wurde die ganze Sache schon mal zu einem Glücksspiel. "Der Ball glitt einem durch die Hände", so Karrer, "und die Spieler rutschten aus. Es war nicht sonderlich angenehm, unter solchen Bedingungen zu spielen."

Zu Beginn der siebziger Jahre zeichnete sich das Ende des Feldhandballs ab. Es war die Zeit, in der die Kommunen begannen, Sporthallen zu bauen und damit die Möglichkeiten schafften, Hallenhandball zu spielen. Zudem gab es ein hausgemachtes Problem: Eine Vielzahl von Regeländerungen wie zum Beispiel das Abseits oder die Drittelteilung machten die Sportart für die Zuschauer weniger nachvollziehbar und damit unattraktiv.

Feldhandball lebt nur noch auf Spaßveranstaltungen weiter

Den endgültigen Todesstoß - davon ist Manfred Hofmann überzeugt - gaben die skandinavischen Handballnationen dem Feldhandball. "Die Dänen und die Schweden mussten witterungsbedingt sehr häufig in der Halle trainieren." Somit war deren Feldhandballsaison viel kürzer als die in Deutschland. "Und als sie merkten, dass sie bei Großturnieren nicht mehr mithalten konnten, haben sie irgendwann einfach nicht mehr teilgenommen."

Bei der letzten Weltmeisterschaft 1966 in Österreich nahmen nur noch sechs Mannschaften teil. Den Titel gewann zum fünften Mal in Folge die Bundesrepublik Deutschland. Und als der Hallenhandball für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München erstmals in das Programm aufgenommen wurde, war endgültig klar, dass die Zukunft in der Halle liegt.

Drei Jahre später schloss der Deutschen Handball-Bund (DHB) die Akte Feldhandball. Die Spieler nahmen das Ende unterschiedlich auf. "Für die Verteidiger war die Umstellung nicht ganz einfach", sagt Karrer, "weil sie nun plötzlich auch im Angriff Leistung bringen mussten. Dabei beherrschten manche nicht einmal einen richtigen Sprungwurf." So wurde aus manchem Leistungsträger ein Dauerreservist. Karrer gehörte nicht dazu. Gundolf Porr auch nicht. Mit der TSG Haßloch hatte er die letzte Deutsche Meisterschaft im Feldhandball geholt, fand aber schon damals, dass das Spiel in der Halle deutlich attraktiver sei. "Das war einfach schneller", sagt Porr. "Auf dem Feld haben wir mitunter doch recht lange herumgestanden."

Gut 35 Jahre nach dem letzten Endspiel ist Feldhandball aber nicht völlig verschwunden. Zumindest als Spaßveranstaltung lebt er weiter. Der Löwencup in Duisburg gilt mit 200 teilnehmenden Mannschaften und rund 2500 Aktiven als das größte Feldhandballturnier in Deutschland. Die Versuche, das Spiel auf dem Feld wieder als Leistungssport zu etablieren, sind jedoch wiederholt gescheitert.

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